Zehntklässler der Richtsbergschule im Unterricht zu Corona-Zeiten

Wiedersehensfreude, Abstandsermahnungen und die Frage, wie cool Mund-Nase-Masken sind: Eindrücke von der Marburger Richtsberg-Gesamtschule nach einer Woche Unterricht unter Corona-Bedingungen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Eine Woche Schule unter Corona-Bedingungen

Zehntklässler der Richtsbergschule im Unterricht zu Corona-Zeiten fertigen Masken an
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Von außen sieht die Richtsberg-Gesamtschule in Marburg nicht wirklich nach laufendem Betrieb aus: Durch die Fenster sieht man hochgestellte Stühle, in der Cafeteria ist es dunkel. In einem der Klassenräume sitzen zehn Schüler verteilt an Einzeltischen. Laut Stundenplan wäre jetzt normalerweise Musikunterricht dran - aber in diesen Zeiten ist nun mal wenig normal.

Die Lehrerin Dilan Yousif unterrichtet stattdessen Arbeitslehre. "Wir nähen jetzt Schutzmasken", sagt Yousif zu den Zehntklässlern und zeigt ihnen, wie sie mit einer einfachen Technik ohne Nähmaschine Stoffmasken herstellen können. Stoffstücke aus Baumwolle hat sie mitgebracht - aber leider habe sie in ganz Marburg nur noch welche mit Weihnachtsmuster ergattern können, sagt sie bedauernd.

Einbahnstraße Schulflur

Beim Stoffaussuchen wird es schnell eng um den Tisch. "Kannst du bitte einen Schritt zurückgehen?", bittet die Lehrerin einen Jungen.

"Ich muss die Schüler tatsächlich oft darauf hinweisen, dass sie bitte Sicherheitsabstand halten sollen", berichtet Yousif später. In der Praxis sei das oft schwierig, etwa wenn Schüler sich gegenseitig etwas zeigen oder erklären wollten. "Und ich will sie ja auch nicht die ganze Zeit nur ermahnen."

Schulflur in der Richtsbergschule zu Corona-Zeiten

Um den Hygieneplan der Landesregierung umzusetzen, hat die Integrierte Gesamtschule strenge Maßnahmen ergriffen: Die rund 65 Neunt- und Zehntklässler, die dieses Jahr ihren Abschluss machen, kommen im Schichtsystem zum Unterricht. In den Pausen sollen die Schüler den Klassenraum und am besten das Schulgelände ganz verlassen. Im Gebäude sind Bereiche abgesperrt, überall sind Markierungen auf dem Boden. Enge Flure wurden durch Tisch-Barrieren zu Einbahnstraßen.

Uncoole Masken

In der Pause hallt durch den Flur immer wieder der energische Ruf: "Maske auf!" Chemielehrer René Norwig erklärt: Eine Maskenpflicht gebe es in der Schule zwar nicht, aber "eine klare Empfehlung". Wer herumläuft, soll Mund und Nase bedecken. Am Platz könnten die Schüler die Maske abnehmen. "Darauf weise ich immer wieder hin", sagt Norwig und zuckt mit den Schultern: "Aber sobald wir nicht in der Nähe sind, ziehen sie sie dennoch wieder ab."

Ein Problem sei etwa, dass die Schüler unterschiedliche Masken hätten. "Manche haben selbstgenähte, die dann vielleicht nicht so hübsch sind", erzählt der Chemielehrer. Für pubertierende Schüler sei das natürlich ein Problem. "Die wollen ja cool aussehen - und möglicherweise auch dem anderen Geschlecht gefallen."

Bei Schülern überwiegt Freude

Schüler wegen einer nicht aufgesetzten Maske nach Hause zu schicken und vom Lernen abzuhalten, stehe für ihn "nicht im Verhältnis", sagt Norwig. Er mache aber "höfliche Ansagen". Eine klare rechtliche Vorgabe würde im Schulalltag allerdings helfen, findet der Lehrer.

Trotz aller Komplikationen und Umstellungen - bei den Schülern überwiegt die Freude, wieder vor Ort zu sein: Freunde sehen, das Haus verlassen, Abwechslung haben. Ständig nur Spazierengehen, das sei auf Dauer auch nicht das Wahre, berichtet einer.

Ein anderer Schüler sagt, er sei in der Schule viel motivierter zu lernen. Zu Hause habe er nur im Bett gelegen und keine Lust gehabt aufzustehen. Eine Zehntklässlerin freut sich, wieder unter Menschen zu sein. "Es ist halt schade, weil man den Leuten nicht so nahe sein kann", sagt sie. Daran müsse sie sich noch gewöhnen.

Noch viel digitaler Unterricht

Normalen Unterricht gab es an der Richtsberg-Gesamtschule in dieser ersten Woche unter Corona-Bedingungen allerdings kaum. Die Schüler sind in kleine Lerngruppen aufgeteilt und werden in den Klassenzimmern von Pädagogen betreut. Einen Großteil ihrer Zeit lernen sie weiterhin selbstständig an Tablets über eine digitale Lernplattform, wie Schulleiter Thomas Ferber erklärt.

Viele Fachlehrer gehörten zur Risikogruppe und müssten weiterhin zu Hause bleiben, sagt Ferber: "Deshalb kommunizieren die Schüler und Lehrkräfte auch jetzt noch digital miteinander." Die Fachlehrer vor Ort bieten eine Art Sprechstunde an. "Sie sitzen an Tischen im Flur und empfangen nacheinander Schüler mit ihren Fragen", so beschreibt es der Schulleiter.

Schulleiter froh über Digitalisierungsoffensive

Thomas Ferber ist zufrieden mit der ersten Woche im abgespeckten Schulbetrieb. Ihm hätten mehrere Schüler berichtet, dass sie vor Ort deutlich besser lernen könnten als zu Hause.

Von großem Vorteil sei auch, dass die Richtsberg-Gesamtschule schon vor Jahren mit einer Digitalisierungsoffensive begonnen habe und jetzt für den Fern-Unterricht ganz gut aufgestellt sei. Er wisse aber auch, dass das andernorts ganz anders aussehe.

Sendung: hr-iNFO, 04.05.2020, 16.15 Uhr