Noten
Das Notensystem soll aufgelockert werden. Bild © picture-alliance/dpa

Schriftliche Bewertung statt blanker Zahlen? An einigen Schulen soll der Notenzwang nach Plänen der Landesregierung künftig gelockert werden. Was steckt hinter den Plänen? Befürworter und Kritiker formieren sich.

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Sewra und ihre Mitschüler halten am Freitag ihr Halbjahreszeugnis in den Händen. Dementsprechend groß ist die Aufregung auf dem Pausenhof der Kooperativen Gesamtschule KGS in Frankfurt-Niederrad. Sewra besucht dort die 6. Klasse. Die Zwölfjährige bekommt Noten, aber vor allem erhält sie eine sehr ausführliche schriftliche Beurteilung.

"Ich finde es sehr gut mit den schriftlichen Bewertungen, weil man sehen kann, was man verbessern kann", sagt sie. Im Zeugnis stehe dann zum Beispiel im Fach Englisch, was sie machen könne, um die Note eins zu bekommen.

Auch Noah, der an der Gesamtschule in die 5. Klasse geht, gefällt die Methode. Die Note allein könne vor allem bei schlechten Noten sehr frustrierend sein, sagt der 10-Jährige: "Man wüsste dann nicht, wie man darauf reagieren soll. Noten können in Ziffern sehr gemein sein."

30 von 1.800 Schulen können Lockerung nutzen

Die jüngste Absichtserklärung der Landesregierung dürfte die beiden Schüler freuen: Einige hessische Schulen dürfen demnach künftig statt der klassischen Noten auch nur noch schriftliche Bewertungen für ihre Schüler vergeben. Ein Sprecher des Kultusministeriums sagt, dass diese Möglichkeit maximal 30 der rund 1.800 Schulen im Land offenstehe. Zuerst hatte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" darüber berichtet.

Mit der Initiative kommt Kultusminister Alexander Lorz (CDU) einer Forderung aus dem neuen schwarz-grünen Koalitionsvertrag nach. Die Parteien hatten sich geeinigt, Schulen die Möglichkeit zu geben "pädagogisch neue Wege bei der Erreichung der Bildungsziele zu gehen". Bislang waren Noten an staatlichen Schulen ab der dritten Klasse Pflicht in Hessen.

Grüne: "Schriftliche Bewertung ist viel differenzierter"

Das Kultusministerium betont, dass die gymnasiale Oberstufe von der Neuregelung ausgenommen sei. Beim Verlassen der Schule oder einem Schulwechsel müsste es auch wieder Noten geben.

Die Grünen sehen in der neue Regelung klare Vorteile. "Eine schriftliche Bewertung kann viel differenzierter sein und sie kann Entwicklungsfortschritte darstellen", meint Fraktionschef Mathias Wagner. Dies sei auch viel motivierender für Schüler als einfach zu sagen: "Das ist eine 3".  

Lehrerverband weiterhin für Noten

Der Deutsche Lehrerverband Hessen kann mit der Lockerung dagegen wenig anfangen. "Den Vorschlag halte ich nicht für sinnvoll, da Noten klar definiert sind und für Schüler, Eltern und Lehrkräfte lesbar sind", sagt die Vorsitzende Edith Krippner-Grimme. Verbale Noten seien sehr subjektiv und nicht vergleichbar.

Die FDP äußerte sich ähnlich. "Mit dieser Maßnahme vollziehen CDU und Grüne eine Abkehr vom Leistungsprinzip an den hessischen Schulen", kritisiert der Vorsitzende Stefan Ruppert. Zudem sei der Verzicht auf Schulnoten ein falsches pädagogisches Signal für die Schüler. Für junge Menschen sei es ein wichtiger Entwicklungsschritt, in der Schule zu lernen, dass man sich mit Fleiß und Talent etwas erarbeiten und auf das Erreichte stolz sein kann.

Elternbeirat findet Idee spannend

Lob für den Vorstoß der Landesregierung gibt es vom Vorsitzenden des Landeselterbeirates . Er selbst habe eine achtjährige Tochter, sagt Korhan Ekinci: "Das finde ich grundsätzlich als Papa schon mal gut." Die Idee sei spannend. Wenn es darum gehe, Leistungen zu vergleichen, sollte man aber wieder zu Noten zurückkehren.

An der Gesamtschule KGS in Niederrad hat sich die Kombination aus Noten und ausführlichen Beurteilungen laut Schulleiterin Eva Seifert bewährt. Sie befürwortet es, den Lernfortschritt der Schüler nicht nur mit nackten Zahlen zu bewerten: "Ich finde, dass ich mich viel kritischer äußern kann, weil ich auch einem Kind mit guten Leistungen sagen kann: Du hast zwar gute Arbeiten geschrieben, aber das ist weit unter deinen Möglichkeiten."

Ihre Kommentare Brauchen Hessens Schüler Noten?

16 Kommentare

  • "Mit dieser Maßnahme vollziehen CDU und Grüne eine Abkehr vom Leistungsprinzip an den hessischen Schulen", kritisiert der Vorsitzende Stefan Ruppert
    GENAU - EBEN - ENDLICH!

  • In Hessen ist das überhaupt nichts Neues!!!
    Wir hatten an der Ernst-Reuter-Schule in der Nordweststadt in Frankfurt vor 47 Jahren von der 8. bis 10. Klasse keine Zeugnisse sondern für jedes Fach Diagnosebogen. Ich habe sie noch alle aufgehoben. Das war die beste, leistungsgerechteste Beurteilung, die man sich vorstellen kann.
    Wie immer - es war alles schon einmal da ... und es war früher nicht immer alles schlecht ...



  • Meine Güte, Noten sind doch nichts anderes als die - vermeintlich - standardisierte Kurzform einer schriftlichen Bewertung - warum also die Aufregung? Zweifellos scheinen Noten in Ziffernform einfacher vergleichbar zu sein, andererseits sind Texte, sofern mit hinreichender Sorgfalt erstellt, unter dem Strich sehr viel aussagefähiger - für die Schüler, die Eltern und auch für Dritte wie etwa potenzielle Arbeitgeber. Und wie war das noch bei den Arbeitszeugnissen? Da weiß auch jeder, was "hat sich stets bemüht" heißt und wo der Unterschied zwischen "zur vollen Zufriedenheit", "zur vollsten Zufriedenheit" und "jederzeit zur vollsten Zufriedenheit", um nur ein paar Beispiele zu nennen, liegt; es geht also auch ohne Ziffern.

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