Jan Kuhl, der "Schulfritz", hält mit zwei selbstgefertigte Handspielpuppen hoch.

Die Coronakrise zeigt: Wenn Präsenzunterricht nicht möglich ist, braucht es digitale Angebote. Aber wie motiviert man Grundschulkinder zu digitalem Lernen? Ein Lehrer aus Gießen hat dafür einen eigenen Youtube-Kanal gegründet.

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hs
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Wenn Jan Kuhl seine Lernvideos für Grundschulkinder dreht, ist das ein bisschen so, als ob die Muppet-Show und die Sesamstraße aufeinandertreffen. Nur dass der 51-Jährige mit seinen selbstgebastelten Puppen nicht in einem großen Fernsehstudio steht, sondern in einem kleinen Kellerraum bei ihm Zuhause in Gießen.

Dort hat er sich ein kleines Youtube-Studio selbst gebastelt, mit grünem Vorhang für Computer-Effekte und Strahlern aus dem Baumarkt für die Beleuchtung. Alles, was er sonst noch für seine Videos braucht, sind eine Kamera und die selbstgebastelten Puppen.

Sie sind das Herzstück seiner Erklärvideos für Grundschulkinder. Als "Schulfritz" will Kuhl ihnen spielerisch die Inhalte vermitteln, die er auch selbst als Grundschullehrer unterrichtet: "Ich weiß natürlich nach 20 Jahren im Job, was die Knackpunktthemen für Kinder im Grundschulbereich sind und dann suche ich mir vornehmlich auch solche Themen heraus." Heißt: Deutsch, Sachkunde oder Mathematik: Alles wird filmisch verarbeitet.

Kinder sollen den Prozess verstehen

Der Gießener orientiert sich am Lehrplan: "Wenn ich den Kindern klarmachen will, was ist denn eigentlich Multiplikation, was steckt hinter so einem 'fünf mal sieben', dann will ich, dass das für die Kinder nicht einfach nur eine Rechnung ist. Sie sollen diesen Prozess auch erklären können. Da geht’s mir dann darum, dass sie es bildlich auch dargestellt bekommen."

Dafür überlegt sich der dreifache Vater für jedes Video ein Konzept. Meistens nimmt er zwei seiner Puppen, die dann zum Beispiel ein Quiz veranstalten: "Da werden wir immer darauf gucken, wo befindet sich denn ein Buchstabe innerhalb eines Wortes. Das ist eine ganz typische Übung aus dem Fibel-Unterricht, wenn ein Buchstabe eingeführt wird."

Als Requisite dient eine selbstgebastelte Box mit mehreren kleinen Türchen. Je nachdem, in welchem Teil des Wortes der neue Buchstabe steckt, öffnet sich das Türchen vorne, in der Mitte oder hinten - und ein Fuchs schießt heraus. "Das signalisiert den Kindern: Hier an der Stelle ist es, und ihr habt es richtig erraten."

Motivation für Grundschulkinder besonders wichtig

Um jeder Figur eine eigene Persönlichkeit zu geben, verstellt Kuhl immer wieder seine Stimme, mal als Graf Dracula mit tiefer Bassstimme, mal als quiekende kleine Prinzessin. Auch das sorge für Aufmerksamkeit bei den Kindern, weiß der Grundschullehrer. Denn seine Qualitäten als Entertainer hat er auch schon vor Corona im Unterricht eingesetzt. 

"Die Kinder haben das schon immer gemocht", sagt Kuhl. "Wenn ich als Lehrer dagestanden und gemerkt habe, dass in der letzten Reihe einer langsam müde wird und ich den dann nochmal als Bayer oder als Vampir geweckt habe, kam das gut an."

Aber dann kam Corona, und die Schule war erstmal dicht. Also hat Kuhl angefangen, mit den Puppen Videos für seine Klasse zu drehen und sie später auch auf Youtube zu veröffentlichen.

"Für Kinder, die teilweise seit Wochen zuhause sitzen, ist es wichtig, dass immer wieder irgendwelche motivationalen Aspekte reinkommen", sagt der Lehrer. "Und da glaube ich, habe ich mit 'Schulfritz' etwas geschaffen, was sie gerne mögen und womit sie sich schulisch auch etwas abholen können." Zwei Fliegen mit einer Klatsche nennt Kuhl das.

Kuhl will noch mehr Kinder erreichen

Nicht nur bei den Kindern kommt Kuhl gut an, auch den Eltern scheint es zu gefallen. Nach dem positiven Feedback auf die ersten Aufnahmen hat er sich entschlossen, weiter dranzubleiben. Inzwischen ist aus "Schulfritz" fast so etwas wie ein kleines Familienunternehmen geworden, auch seine drei Kinder helfen beim Basteln der Puppen mit.

Geld verdient der 51-Jährige mit den Videos auf Youtube übrigens nicht, die Abrufzahlen bewegen sich noch auf sehr überschaubarem Niveau. Geht es nach Kuhl, soll sich Letzteres aber bald ändern. "Ich hoffe, wir erreichen ganz viele Kinder, deutschlandweit. Sie sollen 'Schulfritz' kennenlernen und die Themen genießen."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 30.04.2021, 19.30 Uhr