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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Frankfurt: Per Losentscheid zur Wunschschule

Die Grafik zeigt eine schematisiert eine Tafel, auf der eine Handtrommel mit Lotteriekugeln gezeichnet ist.

Knapp 6.000 Frankfurter Viertklässler wechseln im Sommer auf weiterführende Schulen. Über die Platzvergabe wird künftig mehr und mehr das Los entscheiden. hessenschau.de hat Fragen und Antworten zur Neuregelung zusammengetragen.

Viele Eltern von Frankfurter Viertklässlern beschäftigen sich dieser Tage mit der schulischen Zukunft ihrer Kinder – die Auswahl der weiterführenden Schule steht an. Weil sich das Aufnahmeverfahren verändert hat, veranstaltet der Stadtelternbeirat Informationsabende. Die dritte und letzte Veranstaltung findet am Donnerstagabend statt.

Bei der Anmeldung zur weiterführenden Schule in Frankfurt können Familien zwar auch künftig zwei Wunschschulen angeben, in diesem Jahr wird aber deutlich stärker das Losglück über die Schulplatzvergabe entscheiden. In den vergangenen Jahren konnten etwa 90 Prozent der Erst- oder Zweitwünsche berücksichtigt werden. Warum das Verfahren geändert wurde und wie es bei Eltern und Schulen aufgenommen wird – unser Überblick:

Was ändert sich in diesem Jahr bei der Schulplatzvergabe in Frankfurt?

Bei der Vergabe von Plätzen an weiterführenden Schulen wird beim diesjährigen Verfahren das Los eine viel größere Rolle als in den vergangenen Jahren spielen. Das ist das Ergebnis einer Verfügung, die das Staatliche Schulamt im November 2019 erlassen hat. Sie regelt den Übergang von der vierten in die fünften Klasse in diesem Jahr.

Melden sich zu viele Schüler für eine Schule an, werden die meisten Plätze verlost – nur wenige gesetzliche Kriterien und die Geschwisterkindregelung können vorab zu einer Auswahl von Schülern führen. "Bestimmte schuleigene Kriterien lassen wir nicht mehr zur Wirkung kommen", erläutert Dieter Sauerhoff vom Staatlichen Schulamt. Gelost wurde in den vergangenen Jahren auch, allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt im Auswahlverfahren.

Welche gesetzlichen Kriterien gibt es?

Schulen können Viertklässlern nur noch dann bevorzugt einen Platz anbieten…

  • … wenn "besondere soziale Umstände" vorliegen, wie es im hessischen Schulgesetz (Paragraf 70) heißt. Sogenannte Härtefälle oder Inklusionskinder erhalten Vorzug.
  • … wenn sie eine Fremdsprache (außer Englisch) wählen, die mit der Sprachenfolge der Schule übereinstimmt.
  • … wenn sie einen vom Kultusministerium zertifizierten Schwerpunkt wünschen - diese Schwerpunkte gibt es derzeit für Musik und Sport, nicht aber etwa für Naturwissenschaften.

Hat die Schule diese gesetzlichen Kriterien unter allen Anmeldungen in der obigen Reihenfolge geprüft, kann die Schule entscheiden, ob sie Geschwisterkinder bevorzugt aufnimmt.

Welche Kriterien werden nicht berücksichtigt?

Die Entfernung einer Schule zum Wohnort oder die Dauer des Schulwegs sind Kriterien, die bei der Platzvergabe in Frankfurt schon lange keine Rolle spielen. Auch die Noten in der vierten Klasse sind nicht entscheidend. Schul-Kooperationen oder Bewerbungsschreiben der Eltern werden nicht (mehr) berücksichtigt, wie der Stadtelternbeirat betont.

Warum hat sich das Schulamt für diese Änderung entschlossen?

Das Staatliche Schulamt verspricht sich mehr Rechtssicherheit bei der Schulplatzvergabe. Denn in den vergangenen Jahren sah sich die Behörde regelmäßig Widersprüchen, Gerichtsverfahren und sogar einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht ausgesetzt. Richter am Verwaltungsgericht stellten fest, dass ein Anspruch auf einen Platz an einer bestimmten Schule bestehe, wenn es im Auswahlverfahren zu Fehlern gekommen sei.

Darauf hat das Schulamt reagiert: Ein Losverfahren ist juristisch kaum angreifbar und soll für mehr Gerechtigkeit sorgen. "Da es ein sehr komplexes Verfahren ist, ist unser Bestreben gewesen, die Rechtssicherheit deutlich zu erhöhen, damit am Ende alle Kinder pünktlich zum ersten Schultag ihren Platz haben", erläutert Sauerhoff vom Staatlichen Schulamt.

Im vergangenen Jahr gab es etwa 200 letztlich erfolglose Widersprüche. Der Stadtelternbeirat weist darauf hin, dass Widersprüche gegen eine Zuweisung möglich, diese aber immer ohne Erfolg gewesen seien. Denn jeder Schulweg innerhalb der Stadtgrenzen gilt laut Schulamt als zumutbar. Ein Fünftklässler müsse grundsätzlich in der Lage sein, Strecken mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.

Wie läuft die Schulwahl in Frankfurt genau ab?

Die Grundschule spricht eine Empfehlung aus, zum Beispiel fürs Gymnasium. Die Eltern entscheiden, sie können ihr Kind also auch ohne Empfehlung bei einem Gymnasium anmelden. In Hessen gibt es keinen gesetzlichen Anspruch auf eine bestimmte Schule – nur auf den Bildungsgang. Bis zum 5. März müssen die Eltern ein Formular mit dem Erst- und Zweitwunsch sowie der gewünschten Schulform ab der fünften Klasse bei der Grundschule abgeben.

Alternativ zur Schulform können sich Eltern für einen kurzen Schulweg entscheiden: Dann ist das Kind im Zweifelsfall kürzer unterwegs, besucht aber letztlich etwa eine Gesamtschule statt eines weiter entfernten Gymnasiums. Hat die Schule die Plätze (im Zweifel per Los) vergeben, verschickt sie die entsprechenden Bescheide. Zu- und Absagen gehen voraussichtlich Ende Mai in die Post.

Wie viele Schülerinnen und Schüler sind von der Neuregelung betroffen?

Im Sommer 2020 wechseln laut Staatlichem Schulamt rund 5.900 Viertklässler auf weiterführende Schulen. Wie viele Losentscheidungen anstehen werden, vermag keiner zu sagen. "Bei uns in Frankfurt passt das Wahlverhalten der Eltern nicht 1:1 zu den Standorten, sodass wir immer Lenkungsbedarf haben", erläutert Sauerhoff vom Staatlichen Schulamt. In den vergangenen Jahren wurde etwa jeder zehnte Schüler zugewiesen. Engpässe gab es an Schulen mit gutem Ruf oder an innenstadtnahen Gymnasien, die mit öffentlichem Nahverkehr gut zu erreichen sind.

Was passiert, wenn weder der Erst- noch der Zweitwunsch erfüllt wird?

Die Anmeldezahlen an einzelnen Schulen entscheiden darüber, ob ein Erst- oder Zweitwunsch erfüllt werden kann. In den vergangenen Jahren konnten etwa 90 Prozent der Erst- oder Zweitwünsche berücksichtigt werden. Das Losverfahren findet an den einzelnen Schulen statt, dabei gilt das 6-Augen-Prinzip. Wenn es mehr Anfragen als Plätze gibt und die Losverfahren an den möglichen Erst- und Zweitschulen durchgeführt wurden, kommt das Staatliche Schulamt ins Spiel und ruft die sogenannte Verteilkonferenz ein. Hier treffen sich die Schuldirektoren der gewünschten Schulform mit freien Plätzen, um die verbliebenen Kinder zu verteilen.

Wie bewerten Eltern das Losverfahren?

Der Stadtelternbeirat sieht Vor- und Nachteile durch die Neuregelung. Einerseits entstünden für die Kinder neue Chancen bei der Platzvergabe, weil schulinterne Kriterien wegfallen. Andererseits sehen die Elternvertreter die Profile von Schulen in Gefahr. "So ein Profil aufrechtzuerhalten, kostet Zeit, Mühe und Geld", sagt der geschäftsführende Vorsitzende des Stadtelternbeirats, Eckhard Gathof. Dass es zu wenige Plätze und am Ende zu wenige (neue) weiterführende Schulen gibt, kritisiert der Stadtelternbeirat seit Jahren.

Auf Informationsveranstaltungen dieser Tage in Frankfurt monieren Eltern, dass das Verfahren kompliziert und undurchsichtig sei. "Das Verfahren ist nicht gut vermittelt worden", findet Gathof. Widersprüchliche Angaben etwa zum richtigen Ausfüllen der Formulare führen eher zu Verunsicherung. Andere Eltern bewerten die Neuregelung als positiv – denn anders als in der Vergangenheit wisse man nun zumindest, warum man einen Platz an der Wunschschule nicht bekommen habe: Das Los hat entschieden.

Wie finden die Schulen das neue Verfahren?

Auch hier fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Die vom Kultusministerium zertifizierten Schulen mit Musik- oder Sportschwerpunkt können weiter darauf setzen, dass sie thematisch interessierte Kinder bevorzugt aufnehmen können. 11 von 23 öffentlichen Schulen haben ein solches staatlich anerkanntes Profil. Auch andere Schulen sprechen von einem fairen Verfahren.

Schulen mit naturwissenschaftlichem Profil oder bilingualem Schwerpunkt kritisieren dagegen das neue Verfahren, denn sie können die Wünsche der Eltern nun nicht mehr wie in den vergangenen Jahren berücksichtigen. Auch sie wollen ihre Schwerpunkte zertifizieren lassen und haben einen Antrag beim Kultusministerium gestellt. Mit der staatlichen Anerkennung wollen die Schulen künftig wieder eine bessere Möglichkeit bekommen, zu ihrem Schulprofil passende Kinder auszuwählen.

Wie bewertet das Ministerium die Neuregelung in Frankfurt?

Das Ministerium spricht von einem transparenten und gerechten Verfahren. "Es liegt auf der Hand, dass ein Losverfahren schwierig zu vermitteln ist", sagt Ministeriumssprecher Bender. Die getroffene Regelung sei aber rechtssicher und gewährleiste darüber hinaus, dass "unzulässige, subjektive, nicht transparente Kriterien" bei der Aufnahme keine Rolle spielen.

Was sagt das Kultusministerium zur Kritik mancher Schulen?

Für eine Anerkennung der naturwissenschaftlichen Profile müsste laut Ministerium das Schulgesetz geändert werden. Das sei bisher nicht vorgesehen, sagt Ministeriumssprecher Philipp Bender auf hr-Anfrage. Für eine Schule mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt sei es "nicht unbedingt entscheidend", ob Schüler besondere Begabungen oder Fähigkeiten bereits mitbringen.

Das sei beim staatlich anerkannten Schwerpunkt Sport beispielsweise anders. "Die Entscheidung für den (Leistungs-)Sport fällt in der Regel früh, oft bereits im Grundschulalter", heißt es in der schriftlichen Stellungnahme des Ministeriums. Die Wahlmöglichkeit einer Schule mit sportlichem Schwerpunkt sei dann ein logischer Schritt (die gesamte Stellungnahme finden Sie hier, unten im Dokument).