Eltern im Kreißsaal

Seitdem einige Krankenhäuser keine Begleitpersonen mehr im Kreißsaal zulassen, ist die Empörung unter werdenden Eltern und Hebammen groß. Die Kliniken wehren sich gegen den Shitstorm. Sie wollen Leben retten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wie Geburtsstationen in der Corona-Krise handeln

Aufschrift "Kreißsaal"
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Ausfallen lassen oder verschieben, zumindest für eine Art von Termin kommt das definitiv nicht in Frage: den Geburtstermin eines Kindes. Babys kommen zur Welt, wann sie wollen - auch in Zeiten wie diesen und auch unter erschwerten Bedingungen. Das Hauptproblem für die werdenden Eltern in der Corona-Krise: Immer mehr Kliniken entscheiden momentan, zur Geburt keine Väter oder andere Begleitpersonen mehr zu erlauben.

Nach aktuellem Stand gilt das Verbot in Hessen derzeit im Uniklinikum Frankfurt, den Lahn-Dill-Kliniken sowie im Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar (Schwalm-Eder). Die Geburtsstationen wollen dadurch das Corona-Infektionsrisiko minimieren. Andere Kliniken erlauben eine Begleitperson, schränken aber die Besuchsregelungen nach der Geburt stark ein, zum Teil sind Besuche für frisch gebackene Papas auch komplett gestrichen.

"Emotional extrem belastend"

Eine der Betroffenen: Pia Hornickel aus Pohlheim im Kreis Gießen. Eigentlich sollten die letzten Tage vor der Geburt auch für die 24-Jährige die sogenannte Nestbau-Zeit sein: Kinderzimmer fertig einrichten, Strampler raussuchen, sich freuen. Stattdessen sucht sie derzeit Klinik-Webseiten ab, diskutiert mit ihrem Partner und macht sich Sorgen.

"Das ist emotional extrem belastend. Auch meine schwangeren Freundinnen sind alle völlig fertig und weinen ganz viel", erzählt Hornickel. Manche Frauen würden jetzt spontan überlegen, ambulant zu entbinden, also direkt nach der Geburt nach Hause zu gehen. Sie plane derzeit, ins Gießener Uniklinikum zu gehen, wo ihr Partner nach aktuellem Stand noch bei der Geburt dabei sein darf. Hornickel hofft sehr, dass das so bleibt. Alles andere wäre für sie "unaushaltbar".

Sie müsse sich keine Sorgen machen, schreibt Uniklinik-Sprecher Frank Steibli dem hr am Freitagnachmittag nach Veröffentlichung dieses Berichts. "Der Papa darf im UKGM Gießen bei der Geburt dabei sein, wenn er gesund ist und keine Symptome zeigt. Damit sie so ruhig als möglich in die Phase vor der Geburt gehen kann."

"Alleine bei der Geburt?"

Auch Christin Banzhof aus Haiger (Lahn-Dill) ist verunsichert. Ihr Sohn sollte eigentlich Ende April in der nahe gelegenen Lahn-Dill-Klinik zur Welt kommen. Seitdem dort keine Begleitung mehr mit in den Kreißsaal darf, ist das für die 27-Jährige aber keine Option mehr:

"Wer garantiert mir denn, dass ich nachher nicht ganz alleine bin bei der Geburt?", fragt sie und verweist auf die ohnehin schon überlasteten Kreißsäle und die Tatsache, dass Hebammen oft mehrere Geburten gleichzeitig betreuen müssen. "Ohne einen Vertrauensperson wäre ich ja völlig ausgeliefert."

Die werdende Mutter fühlte sich mit ihren Bedenken nicht ernst genommen. Eine Belegärztin der Klinik habe ihr gesagt: Frauen seien früher schließlich auch bei der Geburt alleine gewesen. Außerdem gebe es auf der Entbindungsstation ja kostenloses WLAN. Banzhof will nun in ein Krankenhaus nach Siegen gehen. Anders als in Hessen ist in Nordrhein-Westfalens aktueller Corona-Verfügung ausdrücklich erlaubt, dass Väter bei der Geburt dabei sind.

Hebammenverband befürchtet langfristige Traumatisierung

Auch der Landesverband der hessischen Hebammen beschreibt derzeit die Lage in den Kreißsälen als äußerst herausfordernd, vor allem, weil es wie überall an Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln fehle. Viele Hebammen würden sich ihren Mundschutz inzwischen selbst nähen, erzählt Vorsitzende Martina Klenk. Trotzdem kritisiert auch sie die Entscheidung mancher Kliniken, keine Begleitpersonen mehr in den Kreißsaal zu lassen. "Ich finde, das geht gar nicht."

Sie verstehe zwar die Sorge vor Ansteckung, betont aber, dass der Vater im Kreißsaal ein wesentlicher Faktor bei Geburten sei. Keine Hebamme im Krankenhaus habe Zeit, um durchgehend bei nur einer Frau zu sein. "Die Frauen jetzt in dieser Situation unter der Geburt wirklich alleine zu lassen, das könnte eine Traumatisierung mit langfristigen Folgen für die Frauen und Kinder nach sich ziehen."

Begleitperson "medizinisch notwendig"

Auch die Weltgesundheitsorganisation rät in Zeiten von Corona weiterhin dazu, dass werdende Mütter eine Vertrauensperson an ihrer Seite haben sollten. Auf diese Empfehlung beruft sich auch die deutschlandweit aktive Elterninitiative Mother Hood. Vorstandsmitglied Katharina Desery berichtet, dass sich derzeit viele werdende Mütter melden würden. "Die Frauen sind stark verunsichert, verängstigt, manche berichten von Panik."

Sie hält Begleitperson im Kreißsaal sogar für medizinisch notwendig: "Schlecht begleitete Geburten führen mehr medizinische Eingriffe nach sich, bis hin zum Kaiserschnitt und den damit verbundenen längeren Klinikaufenthalten." Und gerade die sollten ja derzeit eigentlich dringend vermieden werden, meint sie. Die Verbote seien ihrer Meinung nach "unverhältnismäßig und unverantwortlich".

Sie fordert die hessische Landesregierung auf, wie in andere Bundesländer eine eindeutige Regelung zu finden und Begleitpersonen bei der Geburt ausdrücklich zuzulassen - auch um den Kliniken eine bessere Orientierung zu geben.

Kliniken: Menschenschutz statt menschenverachtend

Im Internet tobt derzeit ein wahrer Shitstorm gegen die Verbote im Kreißsaal. Die Empörung ist groß, verschiedene Online-Petitionen sammeln bereits Stimmen, und auf den Profilseiten der entsprechenden Krankenhäuser wird hundertfach kommentiert. Die Bonner Kliniken haben inzwischen ihr Verbot wieder zurückgenommen - mit strengen Auflagen zum Abstand halten. Außerdem dürfen die Väter den Kreißsaal während der Geburt nicht mehr verlassen.

Die betroffenen Kliniken in Hessen bleiben bei ihren Regelungen. Eine Sprecherin des Lahn-Dill-Klinikum erklärt: Es gehe auch um den Schutz der Mitarbeiter. Denn wenn die sich ansteckten, könnten sie schließlich gar keine Entbindungen mehr anbieten.

Auf den Vorwurf aus den sozialen Medien, "menschenverachtend" zu handeln antwortete das Hospital zum Heiligen Geist (Fritzlar), dass man mit der Regelung "Menschenschutz" erreichen wolle. Die Klinik schreibt: "Für Sie, Ihr ungeborenes Kind, vielleicht bald auch für Ihre Angehörigen und Freunde."

Sendung: hr4, Die Hessenschau für Mittelhessen, 27.03.2020, 14.30 Uhr