Franziska Heinecke (32) aus Kassel

Einsam im Krankenhaus, abgeschottet zu Hause, virtuell im Babytreff: Schwangerschaft und Geburt finden in Zeiten von Corona unter erschwerten Bedingungen statt. Für die Betroffenen ist das eine große Belastung, wie eine zweifache Mutter erzählt.

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zum hr-fernsehen.de Video Nachwuchs in Corona-Zeiten – nicht leicht für Eltern und Babys

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Lotta hat es eilig. Es ist Mitte November, der Geburtstermin ist für den 10. Dezember berechnet, aber die Kleine will offenbar nicht warten. Ihre Mutter Franziska Heinecke merkt das erst nicht. In der 35. Schwangerschaftswoche fühlt sie sich krank, leidet unter Übelkeit und Durchfall. Ihr Freund Alexander Tauer macht sich Sorgen. "Ich bin halt schwanger", habe sie gesagt und ihn beschwichtigt.

Allein im Krankenhaus

Doch die 32-Jährige bekommt erhöhte Temperatur und Augenflimmern. Heinecke geht zu ihrer Frauenärztin, bei der schrillen die Alarmglocken. Das Ergebnis einer Blutuntersuchung zeigt: Die Leberwerte sind schlecht - Verdacht auf eine Gestose, eine Schwangerschaftsvergiftung. Heinecke soll ins Krankenhaus, die Werte abklären lassen und zwar schnell. Die Untersuchungen bestätigen den Verdacht: Heinecke muss stationär aufgenommen werden, kann nicht zurück nach Hause zu ihrer Tochter Emma und ihrem Freund. Für sie und die Familie ein Schock.

Das alles passiert an einem Freitag. In der Klinik fragt sich Heinecke zur richtigen Station durch, spricht eine Krankenschwester an. "Gute Frau, ich bin nicht zuständig", erfährt sie. Der Ton ist rau, die Schwester wirkt gestresst. Die Schwangere reagiert dünnhäutig: "Die Situation hat mich so belastet, dass ich sofort angefangen habe zu weinen." Auf dem Zimmer wird ein Corona-Test gemacht, das Ergebnis kommt erst am Sonntag. Bis dahin muss die 32-Jährige eine Maske tragen - auch nachts.

Heimliche Treffen mit dem Freund

Sophia Reinhardt, Hebamme aus Kassel

Sophia Reinhardt ist Hebamme in Kassel und kennt die Corona-Schutzmaßnahmen in den Kliniken. Durch die regelmäßigen Tests und die nötige Schutzkleidung sei die Arbeitsbelastung höher als sonst. Allerdings würden sich immer mehr Frauen für eine ambulante Geburt entscheiden, um so eine Trennung von der Familie zu vermeiden.

Für Heinecke ist das keine Option mehr. Insgesamt fünf Frauen liegen in den kommenden sieben Tagen bei ihr auf dem Zimmer - jedes Mal wird getestet und Maske getragen. Immer wieder fühlt sich die werdende Mutter überfordert; sie sei teilweise total fertig gewesen, erinnert sie sich: "Ich habe mich einfach komplett alleine gefühlt. Mir war klar, dass mich niemand besuchen kann."

Ihren Freund trifft sie nur auf einem schmalen Streifen vor dem Krankenhaus - halb Klinikgelände, halb Bürgersteig. "Das war nicht ganz legal", erzählt sie heute und lacht, "aber so konnten wir uns wenigstens sehen. Wir sind einfach nebeneinander hergelaufen, eine halbe Stunde am Tag."

Schafft es der Partner rechtzeitig in den Kreissaal?

Heinecke hat Sehnsucht nach ihrer Familie. "Ich hab mir immer wieder gesagt: Da muss ich durch, ich will schnell nach Hause." Nach sieben Tagen bessern sich die Werte nicht, die Geburt wird eingeleitet. Heinecke ist froh, dass es endlich soweit ist. Ihr Freund darf allerdings erst in den Kreißsaal, als es losgeht - mit Maske. Seine schwangere Freundin kann als einzige im Raum die Maske absetzen. Angst, dass ihr Freund zu spät kommen könnte, hatte Heinecke nicht.

Das erlebt Hebamme Reinhardt oft anders. Sie beobacht bei den werdenden Müttern eine große Verunsicherung. Viele hätten Angst, dass der Partner die Geburt verpassen könnte.

Keine Besuchszeit für Geschwisterkinder

Und dann ist die kleine Lotta auf der Welt. Nach der Entbindung bleiben den frisch gebackenen Eltern zwei gemeinsame Stunden mit ihrem Baby, danach muss Vater Alexander Tauer die Klinik verlassen. Mutter und Tochter bleiben noch zwei Tage im Krankenhaus. Tauer kann sie täglich zwischen 15 und 18 Uhr besuchen, für eine Stunde. "Er wäre sonst auch durchgedreht", erzählt Heinecke.

Doch Tochter Emma muss warten: Auf ihre Mutter, die sie seit mehr als einer Woche nicht mehr gesehen hat. Und auf ihre neugeborene Schwester, auf die sie sich lange gefreut hat. "Für Emma war das schwer, dass sie uns nicht im Krankenhaus besuchen durfte", erinnert sich Heinecke. Der erste Weg führt von der Klinik zu Emma und Opa - und dann nach Hause, endlich zu viert.

Treffen mit anderen Müttern fehlt

Wochen später hat sich die neue Familienkonstellation gut eingespielt. Lotta ist friedlich, schläft viel. Der Rückbildungskurs ihrer Mama startet Mitte Februar - natürlich online.

Präsenzkurse sind weiterhin wegen Corona nicht möglich. Schade, findet Heinecke, nach ihrer ersten Schwangerschaft habe sie die Kurse für ein bisschen Selfcare, als kurze Pause vom Baby, aber auch als Möglichkeit zum Netzwerken genutzt. "Bei der Rückbildung und in Pekip- und Babyschwimmkursen habe ich mit Emma andere Mütter kennen gelernt", erzählt sie.

Fehlender Kontakt für Kinder ab sechs Monaten schwierig

Dass der persönliche Kontakt fehlt, kann auch Martina Theis bestätigen. Sie ist Leiterin des Familienzentrums und der Elternschule Schwalm-Eder und sagt: "Online-Kurse sind besser als nichts." Allerdings gebe es dort eine größere Hemmschwelle, Fragen zu stellen und am Bildschirm einzugestehen, dass nicht alles perfekt laufe.

"Der persönliche Austausch ist der wichtigste Teil unserer offenen Treffs. Das Gefühl, mit einem Problem nicht allein zu sein, bringt viel Entlastung für die Eltern", sagt sie. Vor allem für Alleinerziehende und zugewanderte Familien sei dies eine wichtige Unterstützung im Alltag.

Team Familienzentrum und Elternschule Schwam-Eder

Auch für die Kinder sei der fehlende Kontakt spätestens ab dem Alter von sechs Monaten schwierig, berichtet Theis: "Sie orientieren sich an anderen Kindern, gucken, was sie machen. So entsteht Interesse an anderen Dingen." Online-Treffen könnten diesen Kontakt nicht ersetzen, da kleine Kinder Menschen auf dem Bildschirm nicht als Personen wahrnehmen würden.

Besuch beim Kinderarzt als Highlight

Franziska Heinecke hat sich einen kleinen Kreis an sozialen Kontakten erhalten. Neben der engsten Familie treffe sie eine schwangere Nachbarin zum Spazierengehen. Immerhin. Ein Treffen im Wohnzimmer, mit anderen Müttern, den Babys auf Decken, dazu Kekse und Tee - das gehe derzeit einfach nicht. Und so werde bereits der Besuch beim Kinderarzt zum Highlight.

Die fehlenden Sozialkontakte setzen Heinecke zu, dazu kommt die neue Situation mit Lotta und das Homeschooling bei Emma. Die Stunde Freiheit beim Rückbildungskurs werde ein Kompromiss bleiben, sagt die 32-Jährige: "Ich liege vormittags eine Stunde vor dem Handy, das Baby neben mir. Unser Laptop kann ich nicht nehmen, das braucht Emma für das Homeschooling".

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