Leukämie-Behandlung bei einem Kind

Intensivstationen melden Überlastung, auch auf anderen Stationen fehlt Personal. Besonders hart trifft das Schwerkranke, die auf ein funktionierendes Gesundheitssystem angewiesen sind. Viele kranke Kinder sind sogar noch ungeimpft.

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Kind bekommt Infusion
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An einem Januarabend am Höhepunkt der zweiten Corona-Welle herrscht in der Marburger Notaufnahme Ausnahmezustand. Mittendrin: die 32-jährige Marlene Schmidt (Name auf Wunsch geändert), die mit starken Bauchschmerzen ins Uniklinikum gekommen ist. Immer wieder übergibt sich die junge Mutter, sie windet sich vor Schmerzen. Es dauert bis fünf Uhr morgens am nächsten Tag, bis sie vom Flur in ein richtiges Krankenzimmer gebracht wird.

Nachdem der Hausarzt vorher von einer Bauchfellentzündung gesprochen hatte, wird sie in der Klinik zehn Tage lang von Kopf bis Fuß untersucht. Ihr Freund und die drei Töchter dürfen die ganze Zeit nicht zu Besuch kommen.

Marlene Schmidt ist also allein, als ihr mitgeteilt wird: Sie hat einen bösartigen Tumor im Darm und Metastasen an der Leber. Inzwischen werden auch welche an der Lunge vermutet. Eine zunächst erhoffte Operation im Sommer konnte bisher nicht stattfinden, weil die Metastasen zu groß sind. Derzeit wird sie mit Chemotherapie behandelt.

Die Pandemie trifft Schwerkranke besonders

Marlene Schmidt ist klar: Es sieht nicht gut aus. Aber sie gibt nicht auf und kämpft weiter gegen den Krebs und für eine möglichst gute Behandlung - mitten in der Pandemie. "Die Zahlen verfolge ich zwar, aber nur am Rand", sagt sie.

Während sich die Welt scheinbar um Corona dreht, hat Marlene Schmidt eigentlich ganz andere Sorgen. Wo welche Regel gilt, das sei ihr nicht so wichtig. "Ich bin froh, wenn ich es körperlich überhaupt schaffe, das Haus zu verlassen." Dennoch erlebt sie am eigenen Leib, wie die Pandemie das Gesundheitssystem mit Wucht erwischt. Und damit auch sie.

"Ich habe noch Glück mit meiner Station", erzählt sie. Das Personal auf der Onkologie am Uniklinikum sei sehr engagiert und einfühlsam. "Aber man merkt einfach, dass die unterbesetzt sind und die Pfleger und Ärzte gestresst sind."

Es sei oft schwer, an Antworten oder Untersuchungsergebnisse zu kommen. Immer wieder müsse sie stundenlang auf Behandlungen warten. Letztens habe sie mitbekommen, wie eine Pflegerin jemanden von einer anderen Station anrufen musste, um einen Patienten zur Untersuchung zu bringen. "Sie hat das wohl alleine nicht mehr geschafft."

Jede Infektion kann lebensgefährlich sein

Hinter der Familie liegt eine kräftezehrende Odyssee durch das inzwischen auf vielen Ebenen ausgeblutete Gesundheitssystem. Die Krankenkasse lehnt immer wieder die von den Ärzten vorgeschlagenen Chemotherapien ab. "Die haben zum Beispiel gesagt, dass die Chemo eigentlich für eine andere Krebsart zugelassen wurde und wollten, dass ich erst eine andere Behandlung mache, obwohl die Ärzte sicher waren, dass die nichts bringt."

Einmal habe sie mit ihrem Einspruch schon Erfolg gehabt und die ärztlich empfohlene Chemo dann doch bekommen. Aber derzeit laufe wieder ein Schriftwechsel, dieses Mal wegen eines anderen Medikaments. "Wir werden jetzt in so einen Verein eintreten, der uns damit hoffentlich hilft."

Für Schwerkranke wie sie könnte jede Infektion lebensgefährlich sein, natürlich auch Corona. Marlene Schmidt sagt: "Sobald ich Fieber bekomme, müsste ich sofort hoch zur Uniklinik." Die Vorstellung, wieder in die Notaufnahme zu müssen, sei schlimm. Aber noch schlimmer wäre es, dann vielleicht sogar in ein fremdes Krankenhaus gebracht zu werden - etwa weil die Notaufnahme in Marburg voll ist. "Ich will darüber gar nicht nachdenken."

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Krebserkrankungen sind nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Laut dem aktuellen hessischen Krebsregister erkrankten im Jahr 2016 über 27.400 Menschen in Hessen neu an Krebs. Mehr als 15.800 Menschen starben daran. Oft kann schon eine Therapieverschiebung von wenigen Wochen den Behandlungsausgang negativ beeinflussen, wie etwa diese Studie aus Großbritannien zeigt.

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Kritik von Patientenschützern

Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz sagt auf hr-Anfrage: "Es darf sich nicht wiederholen, was letztes Jahr passiert ist." Er warnt davor, Behandlungen zu verschieben und flächendeckend Leerbetten zu bezahlen, um Kapazitäten für Corona-Patienten freizuhalten. Kliniken hätten letztes Jahr wegen mangelnder Auslastung sogar auf Kurzarbeit zurückgegriffen.

Eugen Brysch

"Wir müssen in Deutschland endlich mal wahrnehmen, dass die allermeisten Krankenhauspatienten nichts mit dem Virus zu tun haben." Es gehe vielmehr um die Versorgung von chronisch Kranken, Schwerkranken oder Menschen in Akutsituationen. Derzeit nehme die Stiftung aber nicht war, dass wieder Behandlungen im großen Umfang verschoben werden.

Brysch kritisiert, dass es weiterhin keinen tagesaktuellen Radar gebe, um die tatsächliche Auslastung der Krankenhäuser auf allen Stationen abzubilden. Er sagt: Die Hospitalisierungsinzidenz habe nichts mit der tatsächlichen Belegung und Auslastung eines Krankenhauses zu tun, sondern zeige, wie viele Covid-19-Patienten vor 14 Tagen aufgenommen worden seien.

"Es sind alle am Rand"

Schwerkranke Menschen sind in der Pandemie oft buchstäblich unsichtbar geworden, auch weil sich viele aus Angst vor Ansteckung noch extremer zurückziehen mussten, als möglicherweise vorher schon. Das berichtet auch Marion Gründel vom der Marburger Elterninitiative für leukämie- und tumorkranke Kinder. "Es sind alle am Rand", sagt die Pädagogin. Besonders problematisch: Viele schwerkranke Kinder und ihre Geschwisterkinder seien weiterhin ungeimpft, weil es noch keinen Impfstoff für sie gibt.

"Die Familien sind ohnehin schon permanent angespannt, die Pandemie trifft sie nun doppelt und dreifach." Besonders der psychische Druck habe sich nun noch mal verschärft. Aber auch ganz praktisch sei die Belastung gestiegen. "Es dauert zum Beispiel alles viel länger in der Klinik und es darf immer nur ein Elternteil mit ins Krankenhaus."

Weil die Familien in besonderer Weise auf ein funktionierendes Gesundheitssystem angewiesen sind, sei das Verständnis für Menschen, die Corona-Schutzmaßnahmen und Impfungen ablehnen, bei ihr und vielen Betroffenen inzwischen im Keller. Es gebe vereinzelt auch ungeimpfte Erwachsene im direkten Familienkreis von erkrankten Kindern. "Manche hatten das aufgrund von Sprachschwierigkeiten anfangs nicht verstanden oder waren einfach nicht gut informiert, aber die konnten wir überzeugen."

"Die Angst vor Corona kommt noch oben drauf"

Auch Katrin Mey (Name auf Wunsch geändert) hatte anfangs ein paar Bedenken, was die Impfung anging. Inzwischen kann sie nur noch an alle appellieren, sich impfen zu lassen. Bei ihrem Sohn wurde im Sommer eine Leukämie diagnostiziert. Zwei Blöcke Chemotherapie hat er schon hinter sich, wodurch er so gut wie kein Immunsystem mehr habe, berichtet sie. Der Elfjährige sei derzeit fast nur noch zu Hause. Zum Einkaufen oder gar in die Schule dürfe er nicht mehr.

"Seit die Zahlen wieder steigen, steigt die Angst, dass jemand das Virus mit nach Hause bringt", sagt sie. Ihre 14 Jahre alte Tochter sei zwar geimpft und trage im Unterricht FFP2-Maske. Aber nachdem letztens eine Sitznachbarin positiv getestet worden sei, habe die Familie auch zu Hause Masken getragen und den Körperkontakt eingeschränkt. Mey berichtet: "Man hat sowieso Angst um das Kind und viel zu ertragen und die Angst vor Corona kommt dann noch oben drauf."

Auch Familie Mey erlebt bei der Behandlung im Uniklinikum Gießen immer wieder gestresstes Personal, Hektik und lange Wartezeiten. Für ihren Sohn sei das belastend. "Da ist je nach Tagesform jede Viertelstunde zu viel zum Warten." Mey sorgt sich, dass das Gesundheitssystem irgendwann "ganz den Bach runter geht", wie sie sagt. Allgemein sei ihr bisheriges Sicherheitsgefühl in den vergangenen Monaten erschüttert worden. Aber immerhin: Derzeit laufe die Behandlung ihres Sohns nach Plan und er nehmen die Chemotherapie gut an.

Uniklinik: Müssen Operationen verschieben

Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg teilte auf Nachfrage mit: Das hessische Sozialministerium mache Vorgaben hinsichtlich der Bettenzahl, die für Covid-19-Patienten vorzuhalten seien, sowohl für die Intensiv- als auch für die Normalstationen. Aufgrund der extremen Belastungen durch die Coronavirus-Pandemie müsse man derzeit Operationen verschieben, "momentan noch in geringem Umfang", wie es heißt.

Zur konkreten Situation für Krebspatienten räumte das Universitätsklinikum ein, dass es auf der Gießener Onkologie derzeit krankheitsbedingte Personalausfälle gebe. Man halte aber den Stellenplan ein und besetze Stellen nach. Zu längeren Wartezeiten oder verschobene Operationen für Krebspatienten komme es bisher nicht. "Ob es so bleibt, hängt vom Verlauf der nächsten Wochen ab."

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