Jörg Niesner ist christlicher Sinnfluencer

Der Kirche laufen die Mitglieder davon, vor allem junge Menschen treten aus. Ein Pfarrer aus Mittelhessen möchte die junge Generation wieder erreichen und betreibt deshalb Seelsorge bei Instagram.

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Jörg Niesner ist Sinnfluencer des Glaubens
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Instagram, Snapchat, Tik Tok und Co.: Viele junge Menschen sind in den sozialen Netzwerken unterwegs. Häufig schauen sie dabei, was die sogenannten "Influencer" machen. Doch nicht alle Gesichter auf Instagram fungieren als Werbe- und Markenbotschafter. Sogenannte "Sinnfluencer" haben es sich zur Aufgabe gemacht über gesellschaftlich relevante Themen zu sprechen - ganz ohne Werbung.

Einer von ihnen ist Jörg Niesner aus Laubach (Gießen). Der evangelische Pfarrer tritt nicht nur innerhalb der Kirche mit Menschen in Kontakt, sondern auch in den sozialen Medien. Seit drei Jahren führt er seinen Instagram-Account @wasistdermensch. Mehr als 5.000 Follower hat er schon.

Endlich richtiges Feedback

Angefangen habe er damit, weil sich viele für seinen Beruf und seine Einstellung interessierten. "Das war für Leute spannend. Die haben gesagt 'Naja einen Pfarrer habe ich mir immer anders vorgestellt.'"

Mit der Zeit stellten ihm immer mehr seiner Follower Glaubensfragen, etwa wie er zu Gott stehe und was er über die Schöpfungsgeschichte denke. "Ich habe gemerkt, das ist ein Format und ich bekomme ein richtiges Feedback, anders als in einem Gottesdienst", sagt Niesner. Er schätze an den sozialen Medien vor allem den schnellen Austausch und die Diskussionen.

Social Media als Hoffnungsträger

Die sozialen Netzwerke seien eine große Möglichkeit, um junge Menschen für christliche Themen und den Glauben zu gewinnen. "Es ist nicht mein Ziel, dass die alle in die Gottesdienste kommen", sagt Niesner. Vielmehr möchte er neue Formate entwickeln, um die junge Generation im analogen Leben zu erreichen.

Instagram und Co. seien eine gute Möglichkeit, um sich auszutauschen: Was interessiert junge Menschen? An welchen Veranstaltungen würden sie teilnehmen? Er wolle der Generation U35 zeigen, dass auch in ihrem Leben Platz für christliche Themen ist. Das sei vor dem Hintergrund sinkender Mitgliederzahlen eine wichtige Aufgabe.

So teilte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit, dass im Jahr 2019 in Deutschland mit etwa 270.000 Menschen rund 22 Prozent mehr aus der Kirche ausgetreten sein als im Vorjahr. Bei der in Darmstadt ansässigen Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) wurden über 3.000 Austritte mehr verzeichnet als im Jahr 2018. Ihre Mitgliederzahl sank unter die Marke von 1,5 Millionen.

Kummerkasten und Seelsorge

Doch für Pfarrer Niesner bleibt es nicht nur bei den Glaubensfragen. Der 36-Jährige merkt, dass die jungen Leute viele Themen berühren. Er führt eine Seelsorge bei Instagram ein: die "Nachtgedanken". Seine Follower können ihm Fragen und Erlebnisse schildern, die sie beschäftigen. Das Ganze verpackt Jörg Niesner in einem Gebet in seiner Instagram-Story.

"Meine Regel ist, ich urteile nicht. Aber ich nehme mir für jeden einen Moment Zeit und zünde eine Kerze an", sagt Niesner. Bis zu 150 Nachrichten bekomme der 36-Jährige bei seinen "Nachtgedanken". Für ihn sei in den sozialen Medien eine eigene Form von Gemeinde entstanden. Eine feste Strategie habe er nicht. Die sozialen Netzwerke nutze er immer dann, wenn er Zeit und Lust habe.

Neben Instagram ist Jörg Niesner bei der Plattform Tellonym aktiv. Dort können Menschen ihm anonym Fragen stellen, die er wiederum öffentlich beantwortet. Die Themen, die die Jugend beschäftigen sind vielfältig: Probleme mit den Eltern, kranke Angehörige, gescheiterte Beziehungen.

Ein junger Mann habe schlechte Erfahrungen mit der Kirche aufgrund seiner Sexualität gemacht und Niesner um Hilfe gebeten: "Als er gemerkt hat, dass er schwul ist und das geäußert hat, wurde er von der Gemeinschaft ausgeschlossen." Niesner versuchte ihm einen anderen Zugang zur Bibel zu zeigen. "Es ist für die Leute häufig eine riesen Entlastung, wenn sie merken, dass ihr Leben und ihr Glaube miteinander vereinbar sind", sagt Niesner.

Menschen zwischen 25 und 35 sind Zielgruppe

Nach Informationen der EKD sind Menschen, die aus der Kirche austreten, vorwiegend zwischen 25 und 35 Jahre alt. Häufig stünden die Austritte mit dem ersten Job und damit auch der ersten Kirchensteuerzahlung in Verbindung. Kirchliche Angebote würden in dieser Lebensphase, so die EKD, nur selten in Anspruch genommen werden.

"Social Media kann da ganz sicher eine Möglichkeit sein", sagt Pfarrer Lutz Neumeier. Er entwickelt die Strategie für soziale Netzwerke bei der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Viele Gemeinden hätten schon lange Facebook-Accounts, sagt er. Jetzt sei es wichtig noch einen Schritt weiterzugehen und auch auf andere Netzwerke zu setzen. Derzeit erarbeitete die EKHN einen gemeinsamen Instagram-Account, der im November an der Start gehen soll.

"Wir lernen junge Leute zum Beispiel durch den Konfi-Unterricht kennen. Über Social-Media können wir den Kontakt halten", sagt Neumeier. Für Jugendliche sei es häufig einfacher einen Pfarrer über soziale Netzwerke zu kontaktieren, als zum Gottesdienst zu gehen und ihn dort anzusprechen. Vor allem in Krisensituation würden sich die Jungen dann eher an die Pfarrer wenden - wie an Jörg Niesner und seine Nachtgedanken.

Die "Sinnfluencer" seien eine wichtige Instanz und würden deshalb auch von der EKHN unterstützt. "Es ist eine tolle Sache und geht eben nicht um die Reichweite der Reichweite Willen", sagt Neumeier.