Isabella Brawata und Thorsten Büchner auf dem Wochenmarkt im Marburger Südviertel.

Boden-Markierungen und Flatterbänder helfen beim Einhalten der Corona-Abstandsregeln. Aber was, wenn man sie nicht sehen kann? Ein Besuch mit einem blinden Paar auf dem Marburger Wochenmarkt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Abstand halten auf dem Marburger Wochenmarkt - ohne zu sehen

Thorsten Büchner und Isabella Bratawa.
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Was sofort auffällt, ist die Ruhe. Kein Gedränge, kein lautes Stimmengewirr. Auf dem Wochenmarkt im Marburger Südviertel stehen die Stände jetzt weit voneinander entfernt - und die Besucher auch. Wo sie warten sollen und wo nicht, zeigen Absperrbänder und Markierungen auf dem Boden. Für Isabella Brawata und Thorsten Büchner sind die aber nutzlos.

Die Reha-Beraterin Brawata und der Pressesprecher Büchner sind ein Paar, leben in Marburg – und sind beide blind. Sie gehen regelmäßig auf den Markt, auch jetzt noch, obwohl sich seit Beginn der Corona-Krise für sie vieles geändert hat. Nicht nur bei der Arbeit oder im Nahverkehr, auch hier: Die Stände stehen nicht mehr da, wo sie sonst stehen. Die beiden müssen sich neu orientieren.

Weniger Orientierung, weil weniger gesprochen wird

Und natürlich wollen auch sie den Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern zu anderen Menschen einhalten. Eineinhalb Meter, das ist in etwa so lang wie ein Blindenstock. Das gehe, indem man lausche und versuche auszuweichen, sagt Brawata. Aber das ist nun schwieriger als vorher. Früher hätten sich die Leute in der Schlange unterhalten, da habe man sie besser gehört, sagt Büchner. "Das ist jetzt weniger, weil sie weiter auseinander stehen."

Gemüse, Brot, Fleisch, Milchprodukte brauchen sie heute. Los geht‘s. Der Stock rattert über den Asphalt. "Den Metzger oder den Fischstand kann ich sehr gut riechen, das sind gute Orientierungspunkte", erklärt Rehaberaterin Brawata. "Ich wusste immer, dass direkt daneben der Obst-und Gemüsestand ist oder der Stand mit dem Honig." Doch die sind jetzt woanders.

Da hilft es, dass die beiden auf dem Markt bekannt sind und der Antipasti-Verkäufer schon mal zuruft: "Wir stehen jetzt hier, falls ihr zu uns wollt." Büchner freut sich: "So etwas ist total nett."

Marburger sind gut auf Blinde eingestellt

Noch mehr als sonst sind die beiden in der Corona-Krise auf die Unterstützung ihrer Mitmenschen angewiesen - aber das klappe erstaunlich gut, sagt Büchner. Kürzlich habe ein Busfahrer ihm die eigentlich geschlossene Vordertür geöffnet, um ihn zu informieren, welche Linie er fährt. "Er hat dann auch gewartet, bis ich die hintere Tür gefunden hatte und einsteigen konnte."

In der Krise macht sich offenbar bezahlt, dass die Menschen in Marburg schon gut auf Sehbehinderte eingestellt sind. Durch die hier ansässige Blindenstudienanstalt (Blista) leben in der Stadt viele Blinde und Sehbehinderte. Brawata sagt: "Wenn ich zur Post gehe, dann sehe ich die Hinweisschilder nicht. Ich weiß auch nicht, ob schon drei Personen im Geschäft sind oder ob ich noch warten muss. Das muss mir dann jemand sagen. Aber die Menschen sind hier sehr hilfsbereit."

Im Zweifel hilft nur: Fragen

Auf dem Markt kommt erschwerend hinzu: Schon für Menschen ohne Sehbehinderung ist oft kaum zu erkennen, wer eigentlich an welchem Stand ansteht. Also macht Brawata, was alle machen: Sie fragt. Als sie merkt, dass sie vor einem älteren Herrn steht, fragt sie ihn: "Entschuldigung, ist hier die Schlange für den Metzger?" Der Mann sagt: "Ja, aber das Ende ist da hinten", und weist mit dem Arm den Weg – und auch wenn Brawata den Hinweis nicht sehen kann, so hat sie doch an der Stimme erkannt, welche Richtung er meinte.

So gut klappt das nicht immer, erzählt Büchner. "Manchmal rempelt man dann doch jemanden leicht an. Aber da ist keiner böse. Das ist das Nette am Markt, da ist immer Kommunikation, ob Corona oder nicht."

Sendung: hr4, die hessenschau für Mittelhessen, 16.04.2020, 15.30 Uhr