Zwei junge Frauen die in die Kamera blicken, draußen vor dem Hörsaalgebäude der Uni Marburg

Schon ihre Abitur-Feiern fielen ins Wasser, jetzt starten sie unter Corona-Bedingungen an der Uni: Erstsemester wie Naomi Hartmann und Sina Nebe hatten sich den Beginn ihrer Unizeit anders vorgestellt.

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Endlich raus aus dem 200-Einwohner-Dorf und rein in die pulsierende Studentenstadt: Kneipentouren, Leute kennenlernen, in der Mensa abhängen. So hatten sich Sina Nebe und Naomi Hartmann ihren Studienstart in Marburg vorgestellt. Doch jetzt kommt alles anders.

Vor zwei Wochen sind sie aus der Nähe von Korbach (Waldeck-Frankenbeg) nach Marburg gezogen, Sina will Englisch und Geschichte auf Lehramt studieren, Naomi Biologie. "Wir haben uns schon richtig lange darauf gefreut", erzählen sie. Doch nun können sich beide nur schwer vorstellen, wie das Studium werden soll.

Das Ganze erst mal locker auf sich zukommen lassen - das geht unter Corona-Bedingungen nicht. Die Maburger Philipps-Universität will ein sogenanntes Hybrid-Semester durchführen: Manches soll online stattfinden, manches vor Ort. "Man muss sich jetzt schon für total viel anmelden und an ganz viel denken", erzählt Naomi. "Ich fühle mich ein bisschen planlos und habe etwas Angst, da irgendwas zu vergessen."

Wie lernt man Leute kennen?

Sina findet, dass es derzeit sehr schwer ist, neue Leute kennenzulernen. Es hätten sich zwar schon viele Gruppen in den sozialen Medien gegründet, erzählt die 18-Jährige. "Aber das ist ja nicht dasselbe." Und was persönliche Treffen angeht, seien viele Leute momentan sehr zurückhaltend. "In den Gruppen merkt man, dass viele gerade verunsichert sind."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found So beginnt das Studium für Erstsemester in Corona-Zeiten

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In den sozialen Medien ist die Aufregung tatsächlich groß: Eine Marburger Ersti-Gruppe hat auf Facebook bereits über 1.600 Mitglieder. Ständig gibt es dort neue Posts und Kommentare von Studienanfängern. Die meisten suchen Kommilitonen aus ihren Fächern, andere befürchten, etwas Wichtiges zu verpassen. Einer will wissen, wo es in Marburg Waschsalons gibt.

Virtuelles Speeddating und Touren mit Alkohol-Verbot

In der Orientierungswoche vom 26. bis zum 30. Oktober bieten die Marburger Fachschaften eine recht schwer zu überschauende Mischung aus Online-Angeboten und Veranstaltungen vor Ort an.

Das traditionelle gemeinsame Stundenplanbasteln wird in den Wirtschaftswissenschaften zum Beispiel per Videokonferenz gemacht, die Jura-Studierenden bieten virtuelles Speeddating und ein Kneipenquiz an. Andere Veranstaltungen sollen im Hörsaalgebäude stattfinden, bei denen sich zum Beispiel Professoren vorstellen.

Alkohol- und Rauchverbot

Klassische Stadtrallyes sollen dieses Jahr nicht stattfinden. Die Sport-Studierenden wollen zum Beispiel sogenannte Orientierungsläufe durchführen - mit strengen Auflagen: Die Erstis mussten sich schon vor Wochen dafür anmelden, wurden in kleine Gruppen aufgeteilt und sollen die festgelegten Zeiträume exakt einhalten. Auf der Veranstaltung gilt nicht nur striktes Abstandsgebot, sondern auch striktes Alkohol- und Rauchverbot.

Doch ob all diese Pläne wirklich so aufgehen, ist nicht sicher. Alle Veranstaltungen haben laut Uni Marburg zwar Hygienekonzepte, die von der Uni geprüft und genehmigt wurden. Doch die Fachschaften hätten ursprünglich mit einer Obergrenze von zehn Personen im öffentlichen Raum geplant. Wegen gestiegener Corona-Neuinfektionen dürfen in Marburg nun aber nur noch fünf Personen zusammenkommen.

Die Uni teilt mit: Es sei den Fachschaften freigestellt, ob sie ihre Veranstaltungen mit weniger Teilnehmer durchführen oder doch auf reine Online-Angebote umschwenken wollen.

Andere Hochschulen bleiben virtuell

Auch in Kassel soll diese Woche die Hybrid-Orientierungswoche mit einer Mischung aus Präsenz- und Online-Angeboten starten. Andere Hochschulen führen dagegen von vornherein alles virtuell durch. Die Frankfurter Goethe-Universität etwa hat ihre traditionelle Begrüßungsveranstaltung mit Messe und Party bereits am 8. Oktober ersatzlos gestrichen. Aufgrund der anhaltenden Pandemie werde auch das Wintersemester vorwiegend digital ausgerichtet, heißt es.

Auch die Gießener Justus-Liebig-Universität führt dieses Jahr keine Einführungsveranstaltungen vor Ort durch. Für den Studienstart wurde eine virtuelle Plattform entwickelt, um die Erstsemester willkommen zu heißen. Dort soll es ab Montag Begrüßungsvorträge und Live-Chats geben. Außerdem finden die Studierenden auf der Plattform gebündelte Informationen rund ums Studentenleben, etwa zum Thema Wohnen, Hochschulsport oder der Mensa.

"Das ist sehr enttäuschend"

Für die Marburger "Erstis" Naomi und Sina beginnt am Montag ein neuer Lebensabschnitt, auf den sie lange hingefiebert haben. "Ehrlich gesagt finde ich das sehr enttäuschend", sagt Naomi. "Weil das Abi ja auch schon so verlief: Wir hatten keinen Abistreich, keinen Abiball, gar nichts. Und jetzt ist der Unistart auch schon wieder so blöd - einfach total schade."

Naomi hofft, dass sie irgendwann in den nächsten drei Jahren bis zum Bachelor noch mal ein normales Studentenleben führen kann, mit Kneipentouren und allem, was dazugehört. Am meisten hoffe sie aber, dass sie ihr Biologie-Studium bis zum Ende durchziehen wird. An diesem Erstsemester-Wunsch hat sich durch Corona also nichts geändert.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 26.10.2020, 19.30 Uhr