Petra Boberg in der Schule

In Hessen fehlen Lehrer. Immer mehr ungelernte Aushilfen werden im Unterricht eingesetzt, um die Löcher zu stopfen. Doch geht das gut? Eine hr-Journalistin hat den Selbstversuch in einer Grundschule gewagt.

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Krankenschwestern, Zahnarzthelfer oder Architekten: Sie alle unterrichten an hessischen Grundschulen. Es herrscht Lehrermangel. Um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten, werden immer mehr Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung eingesetzt.

Kann das gut gehen? Als studierte Germanistin und hr-iNFO-Redakteurin habe ich den Praxistest gemacht. Ohne pädagogische oder didaktische Ausbildung habe ich elf Wochen lang an einer sogenannten Brennpunkt-Grundschule in Wiesbaden unterrichtet: eine Schulgemeinschaft mit 34 Nationalitäten, 95 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund. Und so habe ich den Schulalltag erlebt.

Totaler Sprung ins kalte Wasser

Einmaleins, Alphabet - so schwer kann das ja nicht sein. Stimmt! Der Stoff an sich ist nicht das Problem, schließlich arbeite ich als Journalistin jeden Tag mit Sprache. Schreiben kann ich also, rechnen bis zum Niveau der vierten Klasse klappt auch noch. Aber wie kriege ich die kleinen Racker dazu, mir zuzuhören und nicht kreuz und quer über Tische und Bänke zu springen?

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Unterricht ungenügend - Wie der Lehrermangel unsere Grundschüler abhängt
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Alleine vor 22 Kindern, schaffe ich das? Klar, beruhigte ich mich - alleine an meiner Grundschule unterrichten sieben Quereinsteiger, die schaffen das ja auch. Eine Einführung von der Schule, ein Seminar oder irgendeine Vorbereitung hatte ich nicht, es war ein totaler Sprung ins kalte Wasser.

Grundschullehrer kann doch jeder! Oder?

Meine erste Unterrichtsstunde in der Klasse 1e: 22 Kinder, keines interessiert sich für mich, einige laufen rum, schubsen sich, schießen Bälle durch die Klasse. Ich kenne keinen einzigen Namen. Keiner hört mir zu, keiner hört seinen Mitschülern zu, keiner konzentriert sich. Eine Lautstärkeampel hängt neben dem Smartboard. Sie leuchtet dunkelrot. Ich lasse es mir nicht anmerken, äußerlich bin ich souverän, innerlich jedoch aufgewühlt. Eines weiß ich schon nach dem ersten Tag: Unterrichten muss gelernt sein.

Journalistin Petra Boberg macht Selfie mit Schülern

Ich weiß doch, wie es geht, ich kann doch Deutsch

"Antonia erzählt, dass sie am Nachmittag bei ihrer Freundin Wilma auf dem Bauernhof war." Ich übe Diktat mit der 4d. Wann schreibe ich das Wort das mit einem s, wann ist dass mit Doppel-s richtig? Warum schreibe ich Häuser mit äu und nicht mit eu? Und was ist noch mal ein Substantiv?

Die Didaktik fehlt mir, und das merke ich sofort. Wie peinlich ist es übrigens, Fragen einer vierten Klasse zögerlich zu beantworten. Ich bin die Lehrerin! Ich tue also alles, um das zu vermeiden, recherchiere im Internet, schaue mir ein Youtube-Tutorial nach dem anderen an.

Augen zu und durch, denke ich mir und orientiere mich an den Lernzielen: Ein Diktat muss ich schreiben lassen und benoten. Dabei passiert mir der erste große Fehler. Ich verstoße gegen eine Regel, lasse die Schüler im Diktat am Ende nicht das Wörterbuch benutzen. Das ist seit der ersten Klasse erlaubt. Ich werde gerügt von der Klassenlehrerin und den Kindern. Ich fühle mich schlecht, zweifle an meiner Kompetenz.

Lehrer müssen immer gerecht sein!

Immer gerecht zu sein, ist der Anspruch, und ich habe auch keines der Kinder bevorzugt. Oder vielleicht doch? Ich ertappe mich dabei, dass ich einige mehr mag als andere. Und ich bin viel zu nett, will Freundin sein mit den Kindern. Sie mögen mich - aber bin ich eine Autorität?

Obwohl ich weiß, dass viele Kinder zu Hause mit Vernachlässigung oder Gewalt umgehen müssen, schaffe ich es nicht, jedem dieser Kinder gerecht zu werden. Manche schalten nach zehn Minuten ab, fangen an zu spielen, schwätzen oder kippeln. Andere haben große Probleme beim Lesen: Haben sie eine Leseschwäche? Liegt es an meinem Unterricht, ist er zu langweilig?

Wie kann ich alle Schüler mitnehmen, die Schnellen, die Schwätzer und die Träumer? Wie kann ich hier individuell fördern, jedem im Rahmen seiner Möglichkeiten gerecht werden? Nehme ich mir zwei Minuten für einen Schüler Zeit, bricht hinter meinem Rücken das Chaos aus. Unterschätze niemals die Gruppendynamik von 22 Erstklässlern. Nach drei Wochen merke ich nicht nur körperlich, wie anstrengend mein neuer Job ist. Ich schlafe schlecht.

Ich kriege die Racker schon in den Griff!

Ich habe mich schon in drei Lehrer-Online-Foren angemeldet. Ich google, was das Zeug hält. Ich hospitiere und lerne jeden Tag, bin beeindruckt, wie leise und diszipliniert das bei meinen Kollegen in den anderen Klassen läuft. Konzentriertes Arbeiten fällt den Kindern offenbar leichter, wenn der Unterricht in drei Phasen eingeteilt wird. Das probiere ich mit der Klasse 1e im Sachunterricht zum Thema Zootiere aus. Ich bin entspannt und zugewandt. Funktioniert besser als Anbrüllen.

Und ich setze meine neue Lieblingsmethodik ein, sie entspricht den Kriterien des modernen Unterrichts: Ich animiere die Schüler, selbst Antworten zu finden. "Wer kann helfen?" wird zu meiner Lieblingsfrage und rettet mich vor manch peinlicher Situation. Denn noch immer kann ich nicht alle Fragen der Kinder beantworten. Das meiste muss ich für mich selbst herausfinden, was Unterrichtsvorbereitung, Methoden und Konfliktlösung angeht - trotz der bereitwilligen Hilfe von Kollegen im Lehrerzimmer.

Grundschullehrer! Das ist ja nicht so viel Arbeit...

"Lehrer sind faul und ständig überfordert" - so lautet ein weit verbreitetes Klischee. Ich war elf Wochen lang Grundschullehrerin an einer Brennpunktschule. Und ich habe großen Respekt vor dem, was die professionellen Lehrer dort jeden Tag leisten. Ich weiß jetzt selbst, dass jede Stunde drei- bis vierfach vorbereitet werden muss. Und wie lange das dauert. Und ich musste nicht nur unterrichten, sondern vor allem erziehen und integrieren.

Trotz aller Probleme und Unsicherheiten: Wenn dich 22 Kinder morgens mit einem Strahlen im Gesicht begrüßen und sich freuen, dass du kommst, dann ist das ein so irre schönes Gefühl. Das alles hat mich letztlich dazu veranlasst - trotz meiner vielen Fragen, meiner Müdigkeit und Hilflosigkeit -, neben dem Journalismus als Vertretungskraft an meiner Grundschule weiter zu machen. Immer dann, wenn es mein Kalender zulässt.

Würden Sie vor einer Grundschulklasse bestehen? Hier geht es zum interaktiven Lehrer-Simulator von hr-iNFO.

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Lehrermangel in Hessen

Wie die Bertelsmann-Stiftung in einer aktuellen Studie zeigt, werden bis 2025 rund 26.300 Lehrer fehlen. In Hessen fehlen nach Angaben des Kultusministeriums voraussichtlich mindestens 1.945 weitere Lehrer bis 2025 - zusätzlich zu den Studierenden, die bis dahin ihr Lehramtsstudium abgeschlossen haben werden.
Der Anteil fachfremder Lehrer bei den Neueinstellungen ist in den vergangenen Jahren bundesweit deutlich gestiegen. Von unter drei Prozent auf mittlerweile über 13 Prozent. In Hessen sind rund zehn Prozent der derzeit eingesetzten 60.000 Lehrer ohne Lehrbefähigung, wie das Kultusministerium auf Anfrage des Hessischen Rundfunks mitteilte. Darunter sind 1.500 Grundschullehrer.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 11.11.2019, 19.30 Uhr