Grafik, die einen Menschen, der am Computer sitzt darstellt. Im Hintergrund ist der Text "Bürgerinnen und Bürger, Bürger*innen, Bürger:innen, Büger_innen oder Menschen in Hessen?" in Regenbogenfarben zu sehen.

Die Stilfrage um geschlechterneutrale Sprache beschäftigt Hessens Behörden. Ob Gendern wirklich geeignet ist oder sogar Barrieren schafft - da gehen die Meinungen auseinander.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bürger*innen? Gendern in Hessens Behörden

Das sogenannte "Gender-Sternchen" steht in der Handreichung "Hinweise zur Umsetzung der geschlechtersensiblen Sprache für die Verwaltung der Landeshauptstadt Stuttgart" in der Anrede "Kolleg*innen" und ist auf einem Bildschirm zu sehen.
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Bürgerinnen und Bürger, Bürger*innen, Bürger-/innen oder Menschen in Hessen: Die zahlreichen Möglichkeiten der korrekten Ansprache treiben auch Behörden im Land um. Während die einen schon konsequent gendern, tun sich andere noch schwer.

Unternehmen, Hochschulen und Verwaltungen verwenden immer häufiger sprachliche Formen wie den Genderstern ("Student*innen") oder den Unterstrich ("Student_innen"). Damit sollen auch Menschen angesprochen werden, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen.

Nicht ohne Tücken

Doch das ist nicht ohne Tücken: Die Verwendung solcher Sonderzeichen kann laut Rechtschreibrat zu Folgeproblemen und grammatischen Fehlern fühlen. Und am Sinn und Zweck scheiden sich die Geister: Für die einen ist es ein Schritt zur Gleichberechtigung, für andere ein Verhunzen der Sprache.

Behörden in Hessen sind sich jedenfalls uneins. Bei einer Umfrage von hessenschau.de wurden alle 26 Kreise und kreisfreien Städten in Hessen angeschrieben. Wie gehen die Behörden mit dem Gendern um? 20 antworteten komplett oder teilweise auf die Fragen.

Weitere Informationen

Hinweis: Bei der Umfrage von hessenschau.de antworteten alle Kreise oder kreisfreien Städte bis auf die Kreise Bergstraße, Main-Taunus, Limburg-Weilburg, Hochtaunus, Gießen, Lahn-Dill.

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Gendern findet zumindest teilweise statt

Die Behörden haben das Thema Gendern definitiv auf der Agenda. In allen Kreisen oder kreisfreien Städten wird zumindest teilweise gegendert, sowohl in der externen Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern als auch intern unter den Mitarbeitenden.

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Von den befragten Landkreisen und kreisfreien Städten benutzt jede fünfte Behörde bereits durchgängig geschlechtergerechte Sprache in der Kommunikation nach außen (21 Prozent). Beim Umgang mit Mitarbeitenden setzt es sogar bereits mehr als jeder dritte Kreis um (39 Prozent).

Alle anderen Behörden gendern zumindest teilweise in einzelnen Abteilungen. Die Stadt Frankfurt erklärte: Wie einzelne Ämter kommunizieren, bleibt diesen selbst überlassen. "So steht es dem Frauenreferat und allen übrigen Institutionen selbstredend frei, in Flyern und Informationsmaterialien Gendersprache anzuwenden."

Viele Behörden gaben an, geschlechtsneutrale Sprache schon längst komplett verwenden zu wollen. Durch die Corona-Pandemie sei das Vorhaben aber vielerorts zur Zeit ausgebremst.

Akzeptanz in der Bevölkerung umstritten

Die Akzeptanz in der Bevölkerung macht vielen Behörden durchaus Sorgen. "Konsequentes Gendern in Sprache und Schrift ist problematisch, da es von einem sehr großen Teil der Bevölkerung abgelehnt wird", teilte der Kreis Waldeck-Frankenberg mit.

Ähnlich geht es anderen Kreisen: "Es allen gerecht zu machen, ist hierbei nur sehr schwer möglich. Diskussionen darüber werden teilweise sehr emotional geführt", war zu hören. Der jahrzehntelange Sprachgebrauch sei sehr gefestigt.

Welche Anrede am geeignetsten ist, ist umstritten. Die Wahl fällt den meisten Behörden schwer. 53 Prozent der Befragten gaben an, dass es schwierig sei, alle Menschen gleichsam anzusprechen.

Wahl der Anrede fällt schwer

"Eine klare, verständliche und geschlechtergerechte Verwaltungssprache ist eine Herausforderung. Während die Beschränkung auf die männliche und weibliche Form eine Personengruppe vernachlässigt, wirken geschlechtsneutrale Begriffe oftmals unlebendig", teilte etwa die Stadt Wiesbaden mit.

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Alle Kreise und kreisfreien Städte bemühen sich nach eigenen Angaben, möglichst geschlechtsneutrale Begriffe zu benutzen. Wenn das nicht möglich ist, bedienen sich die meisten Behörden der Paarform, das heißt sie nennen die weibliche und männliche Form (67 Prozent).

Jeder zehnte Kreis nimmt den Genderstern (11 Prozent). Einige konnten sich noch auf keine einheitliche Linie einigen, dort kann jede Abteilung selbst entscheiden, wie sie geschlechtergerecht kommuniziert (22 Prozent).

Schafft Gendern Sprachbarrieren?

Befragt wurden die Kommunen auch, ob sie das Gendern als zeitgemäß und politisch korrekt betrachten. Die Kreise waren sich dabei einig und stimmten dem zu.

Bei der Frage, ob das Gendern die Verständlichkeit der Sprache erschwert, sind sie sich hingegen uneinig. Fast 40 Prozent der Befragten glauben, dass durch Gendern eine Sprachbarriere entstehen könne. Das sei etwa im Austausch mit Gegnerinnen und Gegnern des Genderns möglich, teilte der Kreis Waldeck-Frankenberg mit.

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Auch dass bei einigen Formen wie der Paarschreibweise nicht alle Geschlechter abgedeckt werden, halten einige Kreise für bedenklich. Zwei Kreise (Waldeck-Frankenberg und Rheingau-Taunus) sind hingegen der Meinung, dass das Thema Gendern teilweise oder komplett überbewertet werde.

Landesverwaltung orientiert sich an Gesetz

Und wie verfährt das Land Hessen? Eine übergreifende Regelung ergibt sich für die hessische Landesverwaltung insbesondere aus dem Gleichberechtigungsgesetz (HGIG). Dort heißt es: "Rechts- und Verwaltungsvorschriften sollen die Gleichstellung von Frauen und Männern sprachlich zum Ausdruck bringen. Dies gilt auch für den dienstlichen Schriftverkehr."

Kreise und kreisfreie Städte sind aber nicht Teil der Landesverwaltung. Regeln für alle Behörden in Hessen gebe es nicht, erklärte das hessische Sozialministerium.

Und wie gehen Sprachhüter mit dem Thema um? Der häufig benutzte Genderstern wird es jedenfalls zunächst nicht in das amtliche Regelwerk der deutschen Sprache schaffen. Dies geht aus einem Zwischenbericht des Rates der deutschen Rechtschreibung hervor, der als maßgebliche Instanz in Fragen der Orthografie gilt.

Verwendung von Sonderzeichen nicht unproblematisch

Der Rat erklärte: Man wolle sich an der Lesbarkeit und Verständlichkeit orientieren. Ziel sei es, "einem unkontrollierten Nebeneinander unterschiedlichster Variantenschreibungen entgegenzuwirken" und "die Einheitlichkeit der Rechtschreibung in allen deutschsprachigen Ländern zu erhalten".

Zu beachten ist, dass sich Gendern und die Verwendung von "Leichter Sprache" nur schwer vertragen. Dabei bieten sich nur Paarformen oder neutrale Formulierungen an. Schrägstriche, Binnen-I und Sonderzeichen eignen sich für das Gendern in "Leichter Sprache" nicht und erschweren das Leseverständnis.

Für blinde und sehbehinderte Menschen ist das Gendern durch Satz- und Sonderzeichen problematisch, wie ein Sprecher der Stadt Frankfurt beurteilte. Dabei spiele auch eine Rolle, wie Computersysteme Texte lesen und wie Sprachausgaben für gehandicapte Menschen eingestellt seien. Es geht beim Gendern nicht nur um Stilfragen, sondern auch um technische Erfordernisse und praktikable Lösungen.