Der Stundenplan für die "Public Climate School" ist im Audimax der Marburger Uni ausgestellt.

Nach den Schülern werden nun auch die Studenten immer lauter: An der Marburger Uni findet die Fridays-for-Future-Bewegung motivierte Mitstreiter. In Darmstadt hingegen läuft der Protest schleppend. Denn Schwänzen für die Umwelt kann negative Folgen haben.

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Dass diese Uniwoche anders verläuft als sonst, merkt Laura Elmer schon morgens, wenn der Wecker klingelt: Seit 8 Uhr ist die Marburger Biologiestudentin und Klimaaktivistin an diesem Montag in der Uni. Sie baut im Hörsaalgebäude Tische auf, legt Infoflyer zurecht, hängt Protestplakate auf. Grinsend erklärt sie: Montags um diese Zeit – da schlafe sie sonst noch tief und fest. "Ich komme sonst erst mittags in die Uni."

Der Grund für den ungewöhnlichen frühen Wochenstart ist ein Aufruf der Klimaprotestbewegung Students for Future zu einem deutschlandweiten Hochschulstreik – angelehnt an die Fridays-for-Future-Schülerbewegung. Nun wollen also auch die Studenten aktiv und lautstark gegen den Klimawandel kämpfen. Die Idee: Die Unis sollen wenn möglich ihr normales Programm ausfallen lassen, stattdessen soll es Veranstaltungen rund um die Klimakrise geben.

Diesem radikalen Aufruf folgen zwar längst nicht alle, doch in etwa 50 deutschen Städte beteiligen sich Studenten auf verschiedene Weise an der Streikwoche, in Hessen etwa in Kassel, Marburg, Gießen, Frankfurt und Darmstadt.

Alternativer Wochenplan

In Marburg haben die Aktivisten einen besonders umfangreichen Stundenplan mit einem kompletten Alternativprogramm für die ganze Woche zusammengestellt: Von morgens bis abends gibt es Vorträge, Workshops oder Diskussionsrunden aus den verschiedensten Fachrichtungen. Die Veranstaltungen der sogenannte "Public Climate School" sind für alle Bürger offen.

"Wir wollen vorhandenes Wissen an die Leute herantragen", sagt Mitorganisatorin Laura Elmer. Viele wüssten zwar, dass es den Klimawandel gibt, seien aber nicht über die vielfältigen Auswirkungen oder mögliche Lösungsansätze informiert. 

Der normale Unibetrieb läuft zwar parallel weiter, aber die Veranstalter rufen die Studierenden dazu auf, ihre normalen Kurse oder Vorlesungen nicht zu besuchen – so weit es ihnen möglich ist, wie Luisa Bischoff vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) in Marburg erklärt. Denn die Kooperation der Fachbereiche sei sehr unterschiedlich gewesen. Während manche Dozenten sich sehr engagieren würden, hätten andere noch nicht mal die Anwesenheitspflicht für ihre Kurse gelockert, kritisiert sie.

Von der Hausarztpraxis, über Extinction Rebellion zur Erziehungswissenschaft

Die Marburger Aktivisten von Students for Future organisieren die Streikwoche gemeinsam mit dem Marburger AStA und ihrem "Dozentenpendant", den Scientists for Future. Einer dieser Wissenschaftler ist Istemi Kuzu, er lehrt am Institut für Chemie. Er hat sich bemüht, möglichst viele Kollegen als Dozenten für die Streikwoche zu gewinnen. "Wir von Scientists vor Future wollen ein Bewusstsein schaffen und erreichen, dass man ins Reden kommt", so Iztemi Kuzu.

Uni Marburg Hörsaal

Einige Dozenten bieten im Lauf der Woche gesonderte Vorträge an, andere integrieren den Klimawandel in ihre regulären Vorlesungen und öffnen diese auch für externe Besucher. Manche Themen sind altbekannt, andere überraschen: So lädt etwa ein Medizinprofessor unter dem Titel "Was juckt mich der Klimawandel?" zu einem Blick in eine Hausarztpraxis im Jahr 2050 ein.

Ein Psychologieprofessor beschäftigt sich mit der Frage, welche psychologischen Schritte nötig sind, damit Menschen den Klimawandel nicht nur als Problem erkennen, sondern auch ihr Handeln dementsprechend verändern. Auch Aktivistengruppen stellen sich vor, etwa die Protestbewegung Pulse of Europe oder die derzeit kontrovers diskutierte Klimaschutzgruppe Extinction Rebellion.

Erst die Schüler, jetzt die Studenten

"Public Climate Schools" gibt es diese Woche auch in Frankfurt, Gießen und Kassel. Während Schüler auf der ganzen Welt schon seit Monaten für mehr Klimaschutz auf die Straße gehen und dafür die Schule schwänzen, nimmt der Protest unter den Studenten nun deutlich später an Fahrt auf.

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Istemi Kuzu (Scientists for Future Marburg), Laura Elmer (Students for Future Marburg) und Luisa Bischoff (AStA)
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Woran das liegt, das fragt sich auch der 25 Jahre alte Student Jonas Sorg. Er studiert Umweltingenieurwissenschaften in Darmstadt, wo sich gerade erst eine Students-for-Future-Gruppe neu gegründet hat. "Genau diese Feststellung war für uns der Anlass, um zu sagen, dass wir diese Gruppe unbedingt aufbauen müssen." Er habe bemerkt: Obwohl der Klimawandel in aller Munde sei, sei es gar nicht so einfach, die Studenten zum Engagement zu bewegen.

"Studenten haben Angst, den Anschluss zu verlieren"

Von Großveranstaltungen wie in Marburg und Frankfurt sei man in Darmstadt noch weit entfernt, sagt Sorg und erklärt: "Es ist bei uns an der Technischen Universität sehr strikt mit Credit Points, manche Kurse haben auch Anwesenheitspflicht." Viele seiner Kommilitonen würden sich zwar gerne mehr einbringen, hätten aber große Angst, dadurch Nachteile zu haben. "Zum Beispiel in fortgeschrittenen Mathe- oder Mechanikvorlesungen, da verliert man schnell den Anschluss, wenn man mal nicht da ist."

Seiner Beobachtung nach sei das politische Engagement an Hochschulen mit einem höheren gesellschaftswissenschaftlichen Anteil oft höher. "Ich denke aber, es ist beides: Welchen Rahmen lässt die Uni zu, und wer macht dann am Ende auch mit?" Die Darmstädter Aktivisten haben diese Woche verschiedene Infostände auf dem Campus aufgebaut und versuchen, mit selbstgebackenen Waffeln mehr Leute für den Klimaprotest zu begeistern.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 25.11.2019, 19.30 Uhr