Berufsschüler in Limburg bei der Arbeit mit Tablets
Soll Standard werden: Berufsschüler in Limburg bei der Arbeit mit Tablets Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Schnelles Internet, Tablets, Lehrerfortbildung: Ein 500-Millionen-Programm soll Hessens Schulen flächendeckend ins Digitalzeitalter hieven. Dazu steckt die Landesregierung zusätzliches Geld in den Bund-Länder-Pakt. Und doch spricht die Opposition von einem "schlechten Witz".

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Es geht um eine halbe Milliarde Euro – eine "Großanstrengung", wie Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) es nannte. Um die Bedeutung zu unterstreichen, trat er als Teil eines Großaufgebots mit den drei Ministern für Kultus, Digitales und Finanzen am Montag in der Wiesbadener Staatskanzlei vor die Presse. Fehlende Tablets, lahmes Internet, kein WLAN und mangelnde App-Kenntnisse bei Lehrern: Mit einem Sprung nach vorne soll das in fünf Jahren weitgehend der Vergangenheit angehören.

Das soll ein Programm unter der Überschrift "Digitale Schule Hessen" möglich machen. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie ist die Ausgangslage?

Gut, aber ausbaufähig, meint die Landesregierung. In Bildungskonzepte, Lehrerfortbildung oder IT-Ausstattung sei schon viel investiert worden. "Jetzt verleihen wir der Entwicklung neuen Schwung", sagte Kultusminister Alexander Lorz (CDU).

Beklagenswert oldschool findet dagegen zum Beispiel Landesschulsprecher Johannes Strehler die Situation. "In vielen hessischen Schulen finden wir - wenn überhaupt - PC-Räume, die im vergangenen Jahrhundert ausgestattet wurden", sagte er vor wenigen Tagen. In manchen Klasse gebe es noch nicht mal einen Overhead-Projektor. Schnelles Internet sei ohnehin die Ausnahme.

Wie sollen Schulen und Schüler jetzt profitieren?

  • Durch den Ausbau der Infrastruktur zum Beispiel. Dazu gehört der Anschluss aller Schulen an das schnelle Internet übers Glasfasernetz. Laut Digitalministerin Kristina Sinemus haben 1.449 Schulen den Antrag gestellt oder sind bereits gigabitfähig angebunden. Wie viele Schulen aber tatsächlich flott online sind, lässt Sinemus gerade erst erheben. Bei der letzten Zählung vor drei Jahren waren es die allerwenigsten.
  • Ein Tablet pro Schüler – dafür reicht das Geld nicht. Das Kultusministerium denkt eher an die Anschaffung von Klassensätzen für bestimmte Stunden. Kultusminister Lorz sprach vom "Primat des Pädagogischen". Die Digitalisierung bedeute nicht den Verzicht auf Bücher. Sie eröffne aber ganz neue Möglichkeiten, zum Beispiel zur individuellen Förderung von Schülern oder zur Veranschaulichung von Lernstoff.
  • Das bereits testweise laufende hessische Online-Schulportal soll zur zentralen Lern- und Arbeitsplattform für Schüler und Lehrer ausgebaut werden.
  • Die Fortbildung für Lehrer soll "massiv verstärkt" werden.
  • Knapp die Hälfte aller Schulen brauche außerdem noch ein eigenes Medienbildungskonzept - und erhalte bei Bedarf Hilfe.
  • Um digitale Inhalte und Probleme des Datenschutzesrechts einschätzen zu können, soll die Medienkompetenz der Schüler gesteigert werden. Zwei Instrumente: die Ausbildung von Schülern zu digitalen Lotsen oder "Medienscouts" sowie die Einrichtung einer "Servicestelle für verantwortungsbewusste Mediennutzung" in Wiesbaden.
"Großanstrengung": Ministerpräsident Volker Bouffier (v.r.) mit den Ministern Alexander Lorz, Kristina Sinemus und  Thomas Schäfer.
"Großanstrengung": Ministerpräsident Volker Bouffier (v.r.) mit den Ministern Alexander Lorz, Kristina Sinemus und Thomas Schäfer. Bild © picture-alliance/dpa

Woher kommt das Geld?

Der Digitalpakt von Bund und Ländern sieht vor, dass an hessische Schulen vom Bund insgesamt 372 Millionen Euro gehen. Die Schulträger, in der Regel Landkreise und Städte, müssen zusätzlich zehn Prozent beisteuern. Gemeinsam mit dem Land Hessen erhöhen die Schulträger diesen Anteil aber zu gleichen Teilen um 25 Prozent, damit insgesamt knapp 500 Millionen Euro investiert werden können. Das sei bundesweit seines Wissens nach einmalig, sagte Ministerpräsident Bouffier.

Angesichts der Bedeutung der Digitalisierung sei es einfach zu wenig, "das Geld des Bundes lediglich zu verteilen“. Unterm Strich steuert das Land für Darlehenszinsen und Tilgungen etwas mehr als 60 Millionen Euro bei. Diese Beteiligung sorge auch dafür, dass in Hessen Pflegeschulen nicht außen vor blieben.

Wie wird das Geld verteilt?

Streng anteilig nach Schülerzahl. "Das dürfte wenig Gerechtigkeitsdebatten auslösen", sagte Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) dazu. Die kleinste Summe fließt nach seinen Angaben nach Oestrich-Winkel, die größte nach Frankfurt (50 Millionen Euro).

Wann geht es los?

Gewünscht ist ein "schnellstmöglicher Geldfluss". Förderanträge sollen noch in diesem Jahr gestellt und die ersten möglichst auch noch bis Ende des Jahres bewilligt werden. Damit das klappt, will die schwarz-grüne Koalition noch im Juni den dazugehörigen Gesetzentwurf in den Landtag einbringen.

Ist das jetzt der große Sprung nach vorne?

Vom hessischen Industrie- und Handelskammertag kam Lob. Das Programm sei "vielversprechend".  Und das nicht zuletzt, weil es offen für rasche Neuentwicklung in der digitalen Welt sei. Das Urteil der Opposition im Landtag fiel erwartungsgemäß weniger gut aus.

Das Programm sei "ein Witz und noch dazu ein schlechter“, sagte Christoph Degen, bildungspolitischer Sprecher der SPD. Andere Bundesländer seien weiter, Hessen lasse die Schulen ohne Rahmenkonzept und Plan alleine, überlasse wie auf anderen Feldern den Kommunen die Hauptlast. Ähnlich bewertet es die Linkspartei: Die Landesregierung schmücke sich mit fremdem Federn, meinte ihre Abgeordnete Elisabeth Kula. "Klamme Kommunen werden sich das nicht leisten können."

Ein Erwachen aus dem Dornröschenschlaf hielt FDP-Bildungsexperte Moritz Promny der Landesregierung zwar zugute. Ihr Programm bleibe aber hinter den Erwartungen zurück. Die Landesmittel müssten verdoppelt werden, sonst werde "wieder nur mit halber Kraft vorgegangen".

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 03.06.2019, 16.45 Uhr