Eine schöne Nachricht vorweg: Die Menschen in Deutschland spenden gerne. Gerne und viel. Doch die Spenden sind ungleich verteilt, viele Krisenherde geraten in Vergessenheit. Wie man langfristig ein Bewusstsein dafür schaffen kann, zeigt ein armenisches Pop-up-Restaurant in Darmstadt.

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Audioseite Außergewöhnlich essen und Gutes tun

Ein Tisch mit Gläsern und Schüsseln im Pop-Up-Restaurant in Darmstadt
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Ein lauer Sommerabend im August, die Sonne geht langsam unter und mehr als ein Dutzend gut gelaunter Menschen haben sich in einem kleinen, von Kopfsteinpflaster bedeckten Innenhof im Darmstädter Johannesviertel eingefunden. Das Publikum ist gemischt, die Tische sind stilvoll gedeckt. Das Ambiente weckt Urlaubsgefühle.

Großflächiger Efeu und wilde Sträucher wuchern an den Wänden und ineinander verwobene Äste, die über den Köpfen der Gäste zusammenlaufen, verleihen der Location einen eigenwilligen Charme. Kerzenschein und Lichterketten geben ihr Übriges. Doch was wohl kaum jemand erahnen würde: Das romantische Dinner findet nicht grundlos statt, es ist eine Spendenaktion für die von Krieg und Armut gebeutelten Menschen in Armenien.

Auf Armenien-Reise zur Pop-up-Idee

Die Idee dazu hatten Lilli Bagradyans und Sven Grolik. Die Architektin und der Designer leben in Darmstadt und hatten schon länger den Gedanken, den Menschen in Armenien zu helfen. Die 28-jährige Bagradyans hat armenische Wurzeln, Teile ihrer Familie kommen ursprünglich aus Bergkarabach. Jene Region, die seit Jahrzehnten Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan ist. Im September 2020 flammt der Krieg erneut auf, Tausende Armenier verlieren durch Bombenangriffe und Waffengewalt ihre Existenzgrundlage oder gar ihr Leben.

Doch bei all dem Leid fällt den beiden bei ihren Reisen durch Armenien auf: "Die Menschen haben ihren Lebensmut nicht verloren, die Gastfreundschaft und Herzlichkeit ist ungebrochen", so der 32-jährige Grolik. Das Paar will nach seinen Reisen etwas zurückgeben und die armenische Kultur, die Kulinarik und die Gastfreundschaft auch in Darmstadt nahbar machen. Gleichzeitig soll dabei auf die schlimme Situation im Land aufmerksam gemacht werden, um Spenden zu sammeln. All dies ist in der Gastronomie perfekt vereinbar - die Idee des Pop-up-Restaurants ist geboren.

Innenhof wird zum Restaurant "Bak"

Im April beginnen sie die Planung. Zugute kommt den beiden die gastronomische Vorerfahrung von Sven Grolik, der mit Freunden bereits vor einigen Jahren die Darmstädter Bar "Chez" gegründet hat. Die Location steht für die beiden ziemlich schnell fest. "Als wir im Johannesviertel an einem Innenhof vorbeigelaufen sind, wussten wir direkt: 'Das ist es! Entweder das hier oder gar nicht.' Es sah genauso aus wie ein klassisches traditionelles armenisches Restaurant."

Menschen sitzen in einem Innenhof an einem langen Tisch.

Die Besitzerinnen und Besitzer lassen sich auf die Vision des Paares ein und so öffnet am 19. August für sechs Tage das Pop-up-Restaurant "Bak" - das ist das armenische Wort für Hof. Jeden Tag haben sie für jeweils rund 50 Euro ein 6-Gänge-Menü samt passender Wein- und Getränkeauswahl für 30 Personen gekocht. Das alles in einer spartanisch anmutenden Küche, die im Hof provisorisch eingerichtet wurde. Alle Zeitfenster und Plätze waren schnell vergeben. Serviert wurden traditionelle armenische Gerichte, sogar teilweise mit regionalen Produkten aus dem Land in der Kaukasusregion.

Armenische Produkte zur Unterstützung vor Ort

Denn zwei Wochen vor dem Start der Spendenaktion reisten die beiden nach Armenien, um sich inspirieren zu lassen und um regionale Produkte für ihr Restaurant einzukaufen. Gepökeltes Fleisch erhielten sie von einem Bauern auf dem Land, Honig am Straßenrand, mitten im Nirgendwo, von einem örtlichen Imker.

"Der Imker konnte es kaum glauben! Er sagte uns, dass er jeden Tag an dieser Straße stehe, aber so viel Honig sonst nie auf einen Schlag verkauft." Dabei stand für ihn nicht einmal das Geld im Vordergrund. "Er fand es einfach toll, dass sich Menschen in Deutschland für die Armenier interessieren und die Kulturen näher bringen möchten", erzählt das Paar.

Pop-up-Restaurant als "Dosenöffner"

Positives Feedback bekamen die beiden auch von armenischen Gästen, die zwei Wochen später ihr Pop-up-Restaurant in Darmstadt besuchten. "Viele waren richtig aufgelöst und freuten sich total, für ein paar Stunden gefühlt wieder in der Heimat zu sein." Sogar Gäste aus Karlsruhe reisten an, um in dem kleinen, nur spärlich bestuhlten Innenhof, ein Stück Heimat zu finden. "Irgendwie muss sich das in der armenischen Community rumgesprochen haben. Die Gäste hatte ich noch nie zuvor gesehen, aber sie wurden über den Abend hinweg zu Freunden", so Lilli Bagradyans.

Ein geschnitztes Schild mit der Aufschrift Bak

Auch die Darmstädterinnen und Darmstädter, die an den Abenden das Pop-up-Restaurant besuchten, konnten einiges mitnehmen. "Ein junger Mann sagte mir, dass er durch unser Pop-up-Restaurant erst wieder an die prekäre Lage im Land erinnert wurde", berichtet die Initiatorin. Darüber hinaus kamen Gastgeber und Gäste auch untereinander ins Gespräch, es wurde über all jenes, aber eben auch über das Land Armenien und dessen Kultur gesprochen.

"Das ist am Ende das wichtigste", ergänzt Sven Grolik. Den Gästen falle es durch den direkten Bezug einfacher, sich mit der Kultur, den Menschen und der momentanen Situation im Land zu beschäftigen. Das armenische Essen und die Getränke seien letztlich ein "Dosenöffner", um sich mehr mit dem Land zu beschäftigen.

Auch künftig kulturelle Spendenprojekte geplant

Die Einnahmen durch das Pop-up-Restaurant schätzen die beiden nach Abzug aller Unkosten auf fast 8.000 Euro. Eine ganze Menge Geld, das komplett für gute Zwecke reinvestiert werden soll. Dafür haben die beiden die Organisation "We Will Rebuild" ins Leben gerufen, die langfristig Menschen aus unterschiedlichen Ländern durch kreative Projekte unterstützen und verbinden möchte.

Lilli Bagradyans und Sven Grolik vor ihrem Pop-up-Restaurant in Darmstadt

"Wir haben noch viel vor", sagt Lilli Bagradyans lächelnd. "Als erstes möchten wir in zwei Wochen nach Armenien reisen, um die Menschen, die uns ihre Produkte verkauft haben, noch mal zu überraschen und um sie mit einem Teil des eingenommenen Geldes weiterhin zu unterstützen."

Zusammenhalt über Ländergrenzen hinweg

Zudem planen sie derzeit ein Sommerkonzert in Armenien. Künstlerinnen und Künstler, die aufgrund des Krieges und der wirtschaftlichen Situation keine Aufträge mehr erhalten, sollen hier eine Bühne bekommen. Einem regionalen armenischen Winzer wollen sie helfen, seinen Wein auch in Deutschland zu verkaufen.

Dabei wollen sie künftig neben Armeniern auch Menschen in anderen Krisengebieten helfen. Der eingenommene Beitrag reiche vielleicht nicht für die große Masse, das sei aber auch nicht schlimm. "Es ist einfach toll zu sehen, wie man das Leben einzelner Personen, die viel Leid erfahren haben, positiv beeinflussen kann, indem man ihnen zeigt, dass man auch über die Ländergrenzen hinweg an sie denkt."

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