Kinder laufen in einer Kita in Kassel durch den Flur.

Kindertagesstätten haben geöffnet. Man solle seine Kleinen aber besser nicht schicken, appelliert das Land. Das sorgt für viel Kritik bei Eltern. Nun will der Bund ihnen in einem zentralen Punkt entgegenkommen.

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Ihren Beschluss, Krippen und Kindergärten auch im verschärften Lockdown offen zu halten, damit Mütter und Väter weiterhin arbeiten gehen können, versah die Landesregierung in der vorigen Woche mit der Empfehlung: Wer kann, soll seine Kinder möglichst zu Hause betreuen.

Aber wer entscheidet, wer kann? Betroffene Eltern und Erzieher hätten sich klare Regeln statt Empfehlungen gewünscht. In der aktuellen Situation fühlen sich viele ratlos und angesichts von Zwängen im Job in die Zwickmühle getrieben.

Vater: Land wälzt Verantwortung auf Eltern ab

Dominic L. (vollständiger Name der Redaktion bekannt) ist Vater von zwei Kindern, zwei und fünf Jahre alt. Der 39-Jährige und seine Frau haben entschieden, diese Woche ihre Kleinen nicht in die Betreuung zu geben. Damit verringern sie zwar das Infektionsrisiko, strapazieren aber ihr Familienleben. Die L.s sind beide berufstätig und arbeiten derzeit im Homeoffice.

"Die Kinder müssen beschäftigt werden, müssen betreut werden. Das ist neben dem Job sehr, sehr schwierig", erzählt Dominic L. In dieser Woche bekämen seine Frau und er es noch gestemmt. "Wie es ab nächster Woche aussieht, müssen wir sehen", sagt der Familienvater aus Südhessen.

Dass die Landesregierung nur einen Appell zur Kinderbetreuung zu Hause gibt, die Kitas aber offen lässt, "wälzt die Verantwortung auf die Eltern ab", findet L. Ihm stünden dadurch bislang keine Verdienstausfallsentschädigung und keine Betreuungstage offen: "Das kann ich nicht in Anspruch nehmen - Kitabetreuung ist ja möglich."

Daniela Lahrs, Leiterin eines Kindergartens in Friedrichsdorf

Bundesregierung: Nachbesserung bei Kinderkrankengeld

Zwar haben Eltern, die wegen der Betreuung ihrer Kinder zu Hause bleiben, nach Darstellung der Landesregierung Anspruch auf Entschädigung in Höhe von 67 Prozent ihres Nettogehalts - bislang aber eben nur im Fall geschlossener Kitas. Tatsächlich schrieb das Regierungspräsidium Darmstadt noch am Dienstag auf Anfrage des hr: "Appelle, Bitten, Empfehlungen, etc. sind keine Anordnung, so dass in solchen Fällen kein Anspruch besteht."

Am Dienstagnachmittag kündigte das Bundesgesundheitsministerium allerdings auf seiner Homepage an, dass künftig Eltern auch dann Anspruch auf das verlängerte Kinderkrankengeld haben sollen, falls - wie in Hessen - Schulen und Kitas weiter offen haben und lediglich die Präsenzpflicht aufgehoben ist. Diese Regelung, die nur für gesetzlich Versicherte gilt, solle rückwirkend ab 5. Januar greifen.

Mutter: Im Herbst keine Einschränkung trotz höherer Inzidenzen

Diana Siegloch arbeitet als Vertriebsmanagerin und ist Mutter von drei Kindern. Außerdem ist sie Sprecherin des Vereins Familien in der Krise. Der bundesweite Verein mit rund 300 Mitgliedern macht sich für die Rechte von Kindern und Familien stark.

Sie wisse aus Berichten anderer Eltern, dass die neue Kita-Regelung viele Familien stresst. "Der moralische Druck wird auf Eltern abgeladen. Kitas interpretieren die Vorgaben der Landesregierung unterschiedlich, und so manche Eltern müssen sich rechtfertigen, wenn sie ihre Kinder in die Betreuung geben", sagt Siegloch. Viele Eltern verstünden nicht, dass sie ihre Kinder im Herbst trotz flächendeckender Inzidenzen über 200 uneingeschränkt schicken konnten und nun bei niedrigeren Infektionszahlen lieber daheim lassen sollten. Siegloch plädiert für "klare Vorgaben, die sich an den Corona-Fallzahlen orientieren". 

Die Managerin aus Wiesbaden und ihr Mann schicken ihre Kinder derzeit in die Kita. "Weil die Inzidenz hier gerade 90 beträgt", sagt Siegloch. Einfach gefallen sei ihnen die Entscheidung aber nicht. Bei einer deutlich höheren Inzidenz hätten die Sieglochs ihre Kinder wohl zu Hause gelassen.

Murad Shafiq, Mitglied im Vorstand des Gesamtelternbeirats der städtischen Kinderzentren Frankfurt

Kindergartenleiterin: Erzieher sind vielen Kontakten ausgesetzt

Daniela Lahrs ist pädagogische Fachkraft und leitet einen Kindergarten in Friedrichsdorf (Hochtaunuskreis). Ihr und ihren 20 Kolleginnen und Kollegen machen die derzeitigen Regelungen Bauchschmerzen, wie sie sagt.

Ihre Arbeit während der Pandemie sei unglaublich schwierig, "wenn man bedenkt, dass wir bei der Arbeit auf bis zu 75 Haushalte treffen, während deutschlandweit gilt, dass ein Haushalt maximal eine weitere Person treffen darf", sagt Lahrs. Nach dem Urlaub über die Weihnachtsfeiertage seien die Erzieher mit mulmigen Gefühlen an den Arbeitsplatz zurückgekehrt.

Lahrs' Forderung ist klar: "Wir hätten uns von der Landesregierung gewünscht, dass Kitas geschlossen bleiben und der verschärfte Lockdown für alle gilt und Kitas keine Grauzone darstellen." Eine Pandemie lasse sich nicht bekämpfen, wenn Kindergärten offen bleiben. Als Kindergartenleiterin habe sie an die Eltern appelliert, ihre Kinder zu Hause zu lassen, erzählt sie. Aktuell komme die Hälfte der Kinder in die Einrichtung.  

Elternbeirat: Form von Nötigung durch das Land

Murad Shafiq gehört dem Vorstand des Gesamtelternbeirats (GEB) der städtischen Kinderzentren Frankfurts an. Die veränderten Betreuungszeiten mit nur noch sieben Stunden stellten die Eltern vor zusätzliche Herausforderungen, sagt er. Dadurch sei es für sie unmöglich, Schichtdienste wahrzunehmen. Dazu komme das Problem, dass alle Eltern ihre Kinder fast zur gleichen Zeit abgäben und so Gedränge entstehe.

Aktuell seien manche Einrichtungen zu drei Vierteln belegt, berichtet Shafiq: "Natürlich machen sich alle Eltern Sorgen um die Gesundheit der Kinder, aber es gibt wenige, die ihre Kinder komplett freiwillig und trotz drohendem Engpass in den Einrichtungen komplett zu Hause lassen." Die Eltern seien gezwungen, die Betreuung zu nutzen, da es angesichts geöffneter Kitas bisher keinen Lohnersatz gebe.

"Das ist schon eine Form von Nötigung, weil die Unterstützung seitens des Staates einfach fehlt, frei über die Gesundheit und das Wohl des Kindes zu entscheiden - also ob ich mein Kind, bei gleichen Kosten und Risiken, zu Hause oder in der Einrichtung betreuen lasse", empört sich Shafiq.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 12.01.2021, 19.30 Uhr

Ihre Kommentare Wie meistern Sie den Spagat zwischen Kita-Kindern und Job?

100 Kommentare

  • Ich habe ein Kind, welches Anspruch auf Kita hat(5), für ein Kind haben wir Anspruch auf Notfallbetreuung(3.Klasse) und für die Dritte(5. Klasse) wurde die Notbetreuung abgelehnt. Wir wohnen auf dem Land. Da ich mein 11- jähriges Kind nicht über 8 Stunden allein Zuhause lassen werde, und das über Tage( Verstoß gegen die Aufsichtspflicht), muss ich mein Kind beim Arzt krank schreiben lassen, damit ich Anspruch auf Kinderkrankentage habe. Meine Frau würde dafür 67 bekommen. Alle 3 sind nun
    daheim und 2 unterschiedliche Klassenjahrgänge soll ich ber Alles unterrichten und das nach Möglichkeit wenigstens 5 Stunden. In der Schule hat jeder Lehrer 2- 3 Fächer. Schulspeisung wird gereicht. Zuhause muss ich nebenbei kochen, abwaschen usw. Der Lehrer studiert 5-6 Jahre Pädagogik. Bei Problemen, machen wir mal schnell eine Telefon- oder Videokonferenz. Die Eltern krauchen auf dem Zahnfleisch.Es ist einfach nicht leistbar und mir tun meine Kinder leid. Ja selber Schuld, warum wollte ich welche.

  • Bin selbst Erzieherin, alleinerziehend noch dazu. Gehe täglich arbeiten und meine Mädchen, beide auf dem Gymnasium, arbeiten sich durch den homescooling- Wahn.
    Ich daxhte mir schon das die zweite Welle kommt, aber so macht es die Regierung leider nicht grade eindeutig. Feste Regeln und Anordnungen sollten her. Die Schulen haben schließlich auch ganz zu.

  • Ich finde die Situation total schwierig. Ich kann die Eltern verstehen, die ihre Kinder bringen. Ich sitze im Homeoffice und das ist mit Kindern nicht möglich! Selbst wenn die Oma zum betreuen da ist, rennen sie während des Meetings ins Zimmer oder schreien oder klopfen gegen die Tür. Es geht einfach nicht mit kleinen Kindern!
    Und nein, ich bringe meine Kinder nicht in die Kita. Die sind Zuhause bzw bei Oma und Opa, wenn ich arbeite. Anders wäre das aber nicht möglich. Es hat nicht jeder das Glück diese Unterstützung zu haben wie wir!

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