Menschenmenge
Ist die Gesellschaft gespalten? Zumindest in den Debatten klingt es oft so. Bild © Colourbox.de

Stecken wir in Deutschland in einer gesellschaftlichen Krise? Nein, sagt der Marburger Soziologe Martin Schröder - im Gegenteil. Ein Gespräch zum Tag der Deutschen Einheit, über ständiges Krisentaumeln und darüber, wie wir Zusammenhalt herstellen können.

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Flüchtlingskrise, Glaubwürdigkeitskrise, Regierungskrise - ein Blick auf die Schlagzeilen der vergangenen Monate zeichnet ein Bild von einer drohenden gesellschaftlichen Spaltung, von einem Mangel an Gemeinschaftsgefühl, und einem Riss zwischen Ost- und Westdeutschland. Krisen überall, so scheint es.

Deutschland, einig Vaterland? Rund 71 Prozent der Hessen halten den Zusammenhalt in der Gesellschaft zumindest teilweise für gefährdet, stellte zuletzt eine Bertelsmann-Studie fest.

Gibt es die Deutsche Einheit, die an diesem Mittwoch gefeiert wird, nur in Festtagsschriften? Nein, sagt der Marburger Soziologe Martin Schröder. Schon der Titel seines neuen Buches stimmt einen anderen Ton an: "Warum es uns noch nie so gut ging und wir trotzdem ständig von Krisen reden."

hessenschau.de:  In Chemnitz gab es Proteste und Ausschreitungen nachdem ein Deutscher getötet worden war - tatverdächtig sind zwei Flüchtlinge. Einen ähnlichen Fall gab es in Hessen. Ein Flüchtling soll die 14 Jahre alte Susanna getötet haben. Doch die Reaktionen waren in Hessen anders als in Sachsen. Warum?

Schröder: Wir sehen, dass Menschen mit dem gleichen Hintergrund bei Alter, Geschlecht und Bildung im Osten eine in etwa doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit haben, mit der AfD zu sympathisieren als im Westen. Irgendetwas führt in Ostdeutschland zu einer anderen Empfänglichkeit etwa für Ausländerfeindlichkeit als in Westdeutschland.

Nur, wir können das wissenschaftlich nicht erklären, es scheint völlig unabhängig von Faktoren wie Arbeitslosigkeit oder Bildung zu sein.

hessenschau.de: Bei manchen Debatten bekommt man derzeit den Eindruck, Deutschland befinde sich in einer Dauerkrise. Ist unsere Gesellschaft gespalten?

Der Marburger Professor Martin Schröder
Die Welt geht nicht zugrunde, sagt der Marburger Professor Martin Schröder. Bild © Martin Schröder

Schröder: Diese angebliche Spaltung kann man wissenschaftlich kaum nachvollziehen, mit einer Ausnahme: Die unteren 50 Prozent der Gesellschaft hatten in den vergangenen 20 Jahren kaum Einkommenszugewinne. Ansonsten gibt es keinen einzigen Grund, zu sagen, dass Deutschland den Bach runtergehe. Wir haben eine Krisendiskussion ohne Krise.

hessenschau.de: Hessen geht es wirtschaftlich gut. Trotzdem haben offenbar viele Hessen ein Gefühl von gesellschaftlicher Ungerechtigkeit. Woher kommt das?

Schröder: Das ist interessant, denn wenn man die Leute fragt, ob sie mit ihrer wirtschaftlichen Situation zufrieden sind, dann sagen nur zehn Prozent, dass es ihnen schlecht gehe. Zugleich beklagen 60 Prozent der Befragten eine soziale Ungerechtigkeit. Das passt nicht zusammen. Das ist, wie wenn jemand sagt: "Ich fahre total gut Auto, aber alle anderen nicht."

hessenschau.de: Wie erklären Sie das?

Schröder: Menschen können ihr eigenes Leben sehr gut beurteilen, auch das der Freunde und vielleicht der Nachbarn. Aber für das ganze Land können sie das kaum: Darauf kann ich nur eine Antwort geben, wenn ich die Medien verfolge - und die berichten oft nur von Krisen, Missständen und falschen Entwicklungen. Das Resultat: Je weniger ich überblicke, desto mehr glaube ich, die Welt geht zugrunde.

hessenschau.de: Sind also die Medien für Angst und Verunsicherung verantwortlich?

Schröder: Eine englische Studie zeigt, dass Menschen mehr Angst vor Kriminalität haben, je mehr sie Nachrichten im Privatfernsehen sehen. Wenn sie sowieso eher ängstlich und pessimistisch sind - das ist in der Regel bei Protestwählern so -, dann passt negative Berichterstattung zu ihrem Weltbild.

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Dann sind Statistiken vielleicht egal. Soziale Medien und auch bestimmte andere Medien liefern ihnen immer das Gefühl: So ist das wirklich, und es ist schlecht.

hessenschau.de: Das Gefühl, dass alles in die falsche Richtung laufe, ist für viele sehr real.

Schröder: Es gab schon immer das Gefühl, alles geht den Bach runter. Im Jahr 1962 erschien zum Beispiel ein Buch, das geradezu eine Hysterie wegen eines bestimmten Pflanzenschutzmittels auslöste. Viele dachten, sie bekommen bald Krebs - was nicht geschah.

Was merkwürdig ist: Wir sind nahtlos in der Lage, von dem einen zum nächsten Katastrophenszenario überzugehen. Wenn das Ende der Welt nicht eintritt, dann doch bestimmt beim nächsten Szenario.

hessenschau.de: Wir machen uns vielleicht völlig umsonst Sorgen?

Schröder: Nicht alles, wovor gewarnt wird, ist Quatsch. Aber man muss erst einmal nachmessen, wie groß das Problem tatsächlich ist. Ein Thema wie Flüchtlinge kann zum Beispiel mit den ganz normalen Mitteln der Politik angegangen werden, ohne den Untergang Deutschlands auszurufen. Man sollte also auch auf Krisenszenarien eingehen, aber die Panik ist oft unangebracht.

hessenschau.de: Der 3. Oktober steht für die Wiedervereinigung von Ost und West. Was kann ich denn selbst für mehr Zusammenhalt tun?

Schröder: Wir können gut über die Tatsache diskutieren, dass Asylbewerberleistungen pro Deutschen etwa zehn Euro pro Monat kosten, das ist ein Fakt. Schwieriger ist es bei Sätzen wie "Wir schaffen das". Die einen glauben das, die anderen nicht. Das führt zu einer Spaltung.

Gut finde ich die Aktion "Deutschland spricht", initiiert von der Zeit, wo sich Menschen mit konträren Meinungen treffen und trotzdem einander zuhören und versuchen, sich in die Lage des anderen zu versetzen.

Man müsste mal linksliberale Marburger Studenten nach Ostdeutschland oder auch in eher abgehängte Gegenden schicken und an Türen klingeln lassen: "Hallo, ich möchte gerne mal Ihre Meinung zu diesem Thema hören" - und zwar ohne den anderen gleich überzeugen zu wollen.

Beide Seiten würden merken: Da hat jemand Sorgen, die ich nicht habe. Und umgekehrt fühlen sich die Menschen gehört, ohne dass ihnen gleich unterstellt wird, ein schlechter Mensch zu sein. Und dann könnten wir wieder über Fakten reden.

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Martin Schröder

Martin Schröder ist Professor für Soziologie an der Uni Marburg. Er forscht unter anderem zu sozialer Ungleichheit und Gerechtigkeitsvorstellungen. Im September erschien sein Buch "Warum es uns noch nie so gut ging und wir trotzdem ständig von Krisen reden" im Benevento-Verlag. Motto des Buches: Mit Fakten gegen Fake-News und Untergansszenarien.

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Sonja Süß.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 02.10.2018, 19.30 Uhr

Ihre Kommentare Ist der Tag der Deutschen Einheit für Sie ein Grund zum Feiern?

5 Kommentare

  • Diese angebliche Spaltung kann man wissenschaftlich kaum nachvollziehen, mit einer Ausnahme: Die unteren 50 Prozent der Gesellschaft hatten in den vergangenen 20 Jahren kaum Einkommenszugewinne. Ansonsten gibt es keinen einzigen Grund, zu sagen, dass Deutschland den Bach runtergehe. ...... das sagt also nichts aus. Die Agenda 2010 hat unsere Gesellschaft mit Solidarität und Zusammenhalt massiv zerstört. Ein jeder lebt in seiner Blase ..

  • Nein. Es war kurz nach Öffnung der Grenze Grund zum Feiern, weil mehr Freiheit entstanden war. Aber, wie so oft, können die Menschen mit neu gewonnener Freiheit nicht, oder schlecht umgehen. Es ist ein Grund zum Nachdenken, ja: Immer noch kostet die Einheit unverhältnismäßig viel Kraft, die in anderen Lebensbereichen viel dringender gebraucht würde.

  • Wenn ich die Medien aufmerksam und breit gestreut verfolge die oft nur von Krisen, Missständen und falschen Entwicklungen berichten, dann definiere ich das Resultat so: Je mehr ich überblicke, desto mehr glaube ich, die Welt geht zugrunde. Im Übrigen, ist es ein Indiz dafür, glauben zu müssen daß unsere Regierenden einen guten Job machen und alles gut und richtig ist, nur weil es mir finanziell besser geht als vielen anderen ? Wir haben Probleme wohin wir auch schauen. Ich mache mir Sorgen um unsere Zukunft. Und ich glaube zu recht. Viele glauben mittlerweile daß ein Plan dahinter steht.

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