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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Spatenstich für autofreies Studentenwohnheim in Gießen

Visualisierung des geplanten Wohnheims: Ein mehrgeschossiges Gebäude mit großen Fenstern und roter Fassade.

In Gießen wird ein neues Wohnheim gebaut - mit einer hessenweit einzigartigen Auflage: Die Studierenden müssen auf ein Auto verzichten. Dafür lockt das Studentenwerk mit besserem Anschluss an klimafreundliche Transportmittel.

Die Fassade soll zwar von außen rot werden, das komplette Bauvorhaben dafür aber umso grüner sein: Das Studentenwerk Gießen baut das erste autofreie Wohnheim Hessens. Es soll komplett im Zeichen des Klimaschutzes stehen.

Die wohl größte Besonderheit: Es soll nicht nur so gut wie keine Autoparkplätze am Gebäude geben, sondern auch eine bisher einzigartige Klausel im Mietvertrag haben. Die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner müssen eine Verzichtserklärung auf ein eigenes Auto unterschreiben.

31 Millionen Euro Baukosten

Auf einem ehemaligen Sportplatz an der Bernhard-Itzel-Straße war am Dienstag Spatenstich für das 31 Millionen Euro teure Bauprojekt. Es soll Gießens größtes Wohnheim werden und in etwa zwei Jahren fertig sein.

Rund 350 Studierende sollen in Einzelapartments und Vierer-WGs einziehen können. Weil durch die fehlenden Parkplätze Geld und Platz gespart wird, kann das Studentenwerk nach eigenen Angaben fast 50 Wohnheimplätze mehr schaffen.

mehrere Menschen in einer Reihe mit Schaufeln in der Hand, Erde fliegt durch die Luft

Weil das Gebäude eine große Dachterrasse in Richtung Westen bekommt, soll es "Westside" heißen. Es liegt in der Nähe der Universitätsgelände für Veterinärmedizin und Naturwissenschaften.

Platz für Fahrräder, E-Lastenräder und Car-Sharing

Im Gegenzug für den Autoverzicht soll die Nutzung anderer Transportmittel gefördert werden: Für jeden Mieter soll ein überdachter Fahrradstellplatz zur Verfügung stehen. Geplant ist außerdem eine Fahrradreparatur-Station, ein E-Lastenrad-Verleih und ein Car-Sharing-Angebot mit E-Autos.

Nur fünf Pkw-Stellplätze soll es geben. Die sollen aber für Bewohnerinnen und Bewohner mit Behinderung sowie für Anlieferungen oder Hausmeisterdienste reserviert sein.

Plätze werden weggehen "wie warme Semmeln"

Der Gießener Studentenwerksleiter Ralf Stobbe geht davon aus, dass es eine große Bereitschaft geben wird, auf ein Auto zu verzichten. Er glaubt: Die Plätze werden weggehen "wie warme Semmeln".

Der Stellenwert des Autos habe unter Studierenden im Vergleich zu früheren Generationen deutlich abgenommen. Untersuchungen würden zeigen, dass nur ein geringer Anteil überhaupt noch ein Auto habe. "Die haben andere Sachen im Kopf", meint Stobbe.

Eine Zielgruppe für das Pilotprojekt dürfte es tatsächlich geben: Nach der aktuellen Mobilitätsumfrage der Justus-Liebig-Universität fahren die meisten Studierenden in Gießen derzeit mit dem Rad oder dem ÖPNV zur Uni. Nur ein Fünftel der Befragten fährt mit dem Auto.

Stellplatzverordnungen schreiben Parkplätze vor

Normalerweise schreiben die Stellplatzverordnungen der Städte und Kommunen genau vor, wie viele Parkplätze beim Bau von Gebäuden geschaffen werden müssen. Für das neue Studentenwohnheim in Gießen wäre das ein Parkplatz je drei Bewohner gewesen. Durch die Verzichtserklärung der zukünftigen Mieter wurde diese Regelung umgangen.

Für den Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde, sind solche Vorgaben schon lange nicht mehr zeitgemäß. "Deshalb appellieren wir schon lange an Länder und Kommunen, die Stellplatzverordnungen zu ändern." Er ist überzeugt: "Das hier ist die Zukunft."

Eine weitere Herausforderung solcher Projekte für bezahlbaren Wohnraum sei häufig die Finanzierung. Die Subvention für Studierendenwohnheime sei in Bayern bisher die beste, meint Meyer auf der Heyde. Auch das "Westside" wird subventioniert: Das Land Hessen fördert mit 16,6 Millionen Euro über die Hälfte der Baukosten mit einem Zuschuss und einem Darlehen.

Studierende haben Idee der Autofreiheit mit eingebracht

Positive Rückmeldungen gibt es von Seiten der zukünftigen Bewohner und Bewohnerinnen. Johannes Deinzer ist studentisches Mitglied des Verwaltungsrats des Studentenwerks. Er sagt: "In einer Zeit, in der so viel über Mietsteigerungen und Enteignungen diskutiert wird, ist es genau das richtige Signal, so viel bezahlbaren Wohnraum für Studierende zu schaffen."

Die Studierenden hätten die Idee der Autofreiheit im Verwaltungsrat selbst mit eingebracht. Man sei sehr zufrieden, dass dies nun so realisiert werde.

Miete liegt über BAfög-Satz

Auch Habib Yasar vom Studierendenausschuss der Justus-Liebig-Universität findet das neue Wohnheim "einfach super". Yasar ist AStA-Referent für Wohnen und Soziales. Er geht davon aus, dass die Plätze im Neubau sehr gefragt sein werden. "Das Haus hat eine perfekte Lage und ist gut an Supermärkte und den Bahnhof angeschlossen."

Einen Kritikpunkt habe er bei allem Lob aber dennoch: Er sei dem Land Hessen sehr dankbar für die Förderung - trotzdem sei schade, dass die Miete mit mindestens 336 Euro pro Zimmer über dem aktuellen BAföG-Satz liegen soll. Seiner Meinung nach sei das zu viel. "Natürlich ist es im Privatsektor teurer, aber der Sinn eines Wohnheims ist ja gerade der, dass es günstiger sein sollte."

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