Transparent mit Unterschriften

Ein geschasster Lehrer, Schüler im Streik und Minderjährige im Kreuzverhör: Eine umstrittene Oberstufen-Reform hat im Odenwald zu einem handfesten Schulzoff geführt. Selbst die Staatsanwaltschaft wird tätig.

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Schülerprotest: Sprechchöre und Plakate auf Schulhof

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Erneut haben hunderte Schüler an der Ernst-Göbel-Schule in Höchst (Odenwald) in dieser Woche gegen die Abordnung eines Lehrers an eine andere Schule und für eine andere Informationspolitik seitens der Schulleitung demonstriert. Auf Transparenten war zu lesen "Herr Wehde an die EGS", "Schweigen ist keine Lösung" und "Sieht so Schulfrieden aus?".

Angeblich Störung des Schulfriedens

Dazu gab es entsprechende Sprechchöre, in denen die Schüler keinen Zweifel daran ließen, wie sehr sie hinter ihrem Lehrer stehen. Der Streik dauerte den ganzen Vormittag. Ähnliche Aktionen hatte es bereits vor einigen Wochen gegeben.

Der Studienleiter der Oberstufe an der Schule, Rüdiger Wehde, war mitten im Schulhalbjahr und kurz vor den Abiturprüfungen vom Schulamt in Heppenheim an eine andere Schule in Michelstadt abgeordnet worden, vorerst bis Ende Juni. Zur Begründung hieß es, Wehde störe den Schul- und Betriebsfrieden.

Kritik an Plänen der Schulleitung

Der bei den Schülern sehr beliebte Pädagoge hatte Pläne der Schulleitung kritisiert, das Kurswahlsystem der Oberstufe zu ändern. Dadurch wären bestimmte Fächerkombinationen bei den Leistungskursen nicht mehr möglich gewesen. Bei Schülern wie Eltern löste die angekündigte Umstellung Verunsicherung aus.

Laut der Vorsitzenden des Schulelternbeirats, Romy Müller, soll Wehde Schülern deshalb vorgeschlagen haben, die Kursanmeldungen für das kommende Halbjahr vorerst nicht auszufüllen, bis die Sache geklärt sei. Für die Schulleitung scheinbar ein Anlass, den unbequemen Lehrer loszuwerden.

Kinder zu schriftlichen Aussagen genötigt?

Pikant dabei ist, dass laut Oberstufensprecher Finn Meister acht minderjährige Schülerinnen und Schüler von einer Lehrerin dazu gedrängt wurden, schriftlich abzufassen, was Wehde zu ihnen gesagt habe. Eine Dezernentin des Schulamts habe später in einer Videokonferenz bestätigt, dass diese Schriftstücke den Ausschlag für Wehdes Abordnung gegeben hätten.

Die Leiterin des Schulamts, Susann Hertz, bestritt dagegen auf hr-Anfrage eine "rechtliche Relevanz" der Schriftstücke. Die Schülerinnen und Schüler seien lediglich gebeten worden, aufzuschreiben, was sie im Zusammenhang mit der Oberstufenanmeldung gehört hatten und hätten dies freiwillig getan. "Es ist daher schwer nachvollziehbar, warum dies bei einzelnen Personen offenbar eine Welle der Empörung hervorgerufen hat."

Staatsanwaltschaft involviert

Nach Worten von Schulelternbeirätin Müller hat es aber nicht nur Empörung, sondern vor allem schwere Schuldgefühle bei den betreffenden Schülern ausgelöst. "Die Kinder sind minderjährig und hatten da wirklich schwer mit zu kämpfen." Mit der Befragung befasst sich inzwischen auch die Staatsanwaltschaft Darmstadt. Es werde zunächst allgemein geprüft, ob ein Straftatbestand vorliegen könnte, sagte ein Sprecher.

Der Personalrat der Schule sowie der Kreiseltern- und Kreisschülerbeirat haben unterdessen Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Schulleitung und Schulamtsleiterin Hertz eingelegt. Diese werde vom Kultusministerium bearbeitet, teilte Hertz mit. Sie habe dazu auch schon eine Stellungnahme verfasst.

Kreiselternbeirat kritisiert Alleingang

Auch der Kreiselternbeirat war über den Alleingang des Schulleiters Ralf Guinet zur Änderung des Kurswahlsystems empört. Der Schritt sei mit keinem Gremium abgestimmt worden, wie das eigentlich üblich sei, sagte die Vorsitzende Gudrun Gebhardt. Gerade die Kurswahlmöglichkeiten hätten bislang die Attraktivität der Schule ausgemacht, so Gebhardt.

Viele Schüler seien deshalb aus dem benachbarten Bayern an die Schule gekommen. Es sei zu befürchten, dass die geplante Änderung zu weniger Anmeldungen führen könnte. Laut Meister besuchen derzeit rund 1.200 Schülerinnen und Schüler die EGS.

Schulleiter schweigt

Lehrer Wehde lässt sich inzwischen durch den Frankfurter Anwalt David Hofferbert vertreten. Der erklärte, sein Mandant, der sich in Sachen Schulrecht sehr gut auskenne, habe den Schulleiter immer wieder auf mögliche Rechtsfehler bei Entscheidungen hingewiesen. "Dazu ist er geradezu verpflichtet", so Hofferbert. Denn an einer Schule werde gemäß Schulgesetz eben nicht von oben nach unten durchregiert.

Von Guinet gibt es bislang keine Stellungnahme. Der Schulleiter erklärte dem hr auf Anfrage, er könne sich zu den Vorgängen derzeit nicht äußern. Immerhin: Die Umstellung des Kurssystems wurde vorerst zurückgestellt. Oberstufensprecher Meister fürchtet aber, dass es künftige Jahrgänge doch noch treffen könnte.

Schüler kündigen weitere Streiks an

Die Schülerschaft will jedenfalls weiter für ihren Lehrer und einen anderen Umgang an der Schule eintreten. "Wir fordern mehr Transparenz, mehr Kommunikation zwischen Schülern und Schulleitung", so Meister. Im Zweifel werde man weiter streiken. "Wir machen bis zu den Sommerferien weiter, und wir machen auch danach noch weiter."

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