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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Streit in Flüchtlingsunterkunft droht zu eskalieren

Die Polizei war mit einem Großaufgebot in der Flüchtlingsunterkunft

Die Flüchtlingsunterkunft am Alten Flugplatz im Frankfurter Stadtteil Bonames kommt nicht zur Ruhe. Wegen Brandgefahr mussten die Bewohner in der Nacht sämtliche Herde und Kochplatten herausgeben. Es wurde chaotisch, Politiker mussten die Situation entschärfen.

Es war eine lange Nacht in der Flüchtlingsunterkunft in Frankfurt-Bonames. Bis in die frühen Morgenstunden verhandelten Vertreter der Stadt, freiwillige Unterstützer und Politiker am Samstag mit Bewohnern der Unterkunft. Sie sollten sämtliche elektrische Kochgeräte herausgeben. Die Stadt sah akute Brandgefahr. Am Donnerstag hatte ein Sachverständiger schwere Mängel im Stromnetz der Unterkunft festgestellt.

Zuletzt, sagte ein Sprecher des Sozialdezernats, sei es mehrfach zu Kabelbränden gekommen. Schuld seien vor allem die großen Stromfresser wie Mikrowellen und Küchenherde, die sich einige Familien selbst installiert hätten. Diese Geräte müssten deshalb sofort raus.

"Warum kommt das jetzt?"

Der Konflikt um selbst installierte Herde schwelt schon seit mehreren Wochen. Jetzt kam noch die Anordnung hinzu, auch die Kochplatten abzugeben, die eigentlich standardmäßig zur Unterkunft gehören. Weil darauf zunächst nur ein kleiner Teil der Bewohner einging, stellte die Stadt am frühen Freitagabend den Strom in der Unterkunft komplett ab.

Zugleich ließ die Stadt von einer Hilfsorganisation warmes Essen bereitstellen. Dieses Angebot boykottierten die Bewohner aber. Viele reagierten fassungslos auf die Aktion, so etwa der Afghane Ahmatcha Zadran: "Die Leute benutzen die Herde doch teilweise schon seit vier Jahren. Warum kommt das jetzt?" Einige waren auch wegen ihrer Babys in Sorge. Ohne Strom könnten sie keine Flaschennahrung für sie zubereiten.

Übergangsweise ins Hotel

Am frühen Abend drohte die Eskalation: Die Vertreter der Stadt, unter ihnen der Leiter der "Stabsstelle Unterkunftsmanagement", weigerten sich, den Strom wieder anzustellen, solange die Kochgeräte nicht herausgegeben würden. Bewohner schrien wutentbrannt nach Strom. Es blieb aber bei verbalen Angriffen. Die Polizei war mit rund einem Dutzend Mannschaftswagen vor Ort, musste aber nicht eingreifen.

Die Frankfurter Diakonie, die eigentlich von der Stadt mit dem Betrieb der Unterkunft beauftragt ist, hatte zu dem Zeitpunkt schon mit sämtlichen Mitarbeiter die Einrichtung verlassen. Der Leiter der Diakonie, Michael Frase, betonte auf hr-Nachfrage: "Die Federführung für die Aktion liegt bei der Stadt."

Erst am späten Abend gelang doch noch eine Verständigung: Die Bewohner gaben die Geräte ab, dafür soll die Stadt jetzt für gemeinschaftliche Kochmöglichkeiten sorgen. Um etwa 23 Uhr wurde daraufhin der Strom wieder eingeschaltet. Außerdem brachte das Sozialdezernat einige Familie übergangsweise in einem Hotel in der Innenstadt unter. Nach Angaben eines Sprechers nahmen zunächst 68 Bewohner das Angebot an. Fast 50 von ihnen hätten das Hotel aber in der selben Nacht wieder verlassen, weil sie mit den Gegebenheiten dort nicht zufrieden gewesen seien.

Linken-Politikerinnen schlichten

Eine Schlüsselrolle bei dem Kompromiss hatten Politiker und freiwillige Unterstützer. Eine Stadtverordnete der Linken, Merve Ayyildiz, und eine Landtagsabgeordnete der gleichen Partei, Saadet Sönmez, gingen mit den drei Stadtvertretern durch die Unterkunft und sprachen mit allen betroffenen Familien.

Sönmez, die bis halb zwei Uhr morgens vor Ort war, kritisierte die zuständige Dezernentin Daniela Birkenfeld (CDU). Eigentlich hätte diese zur Unterkunft kommen müssen, so Sönmez. "Frau Birkenfeld steht jetzt in der Verantwortung, den Menschen etwas Besseres zu bieten." Einfach 330 Menschen für mehrere Stunden den Strom abzustellen, sei Sippenhaft.

Birkenfeld selbst hatte sich am Freitag nur per Pressemitteilung geäußert. Das Stromnetz in der Unterkunft werde in den kommenden Wochen erneuert. Ziel sei, "allen Bewohnerinnen und Bewohnern Kochmöglichkeiten ohne Einschränkung zur Verfügung zu stellen".

Sendung: hr-iNFO, 11.7.2020, 14 Uhr