Die Grafiken zeigen Möglichkeiten einer Nachverdichtung im städtischen Wohnungsbau.

Die TU Darmstadt geht in einer aktuellen Studie von hunderttausenden Wohnungen aus, die auf Supermärkten, Parkhäusern und Bürogebäuden gebaut werden könnten. Liegt die Zukunft der Städte auf den Dächern? Eher nein, sagt die Stadt Frankfurt.

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Leben über dem Supermarkt: Eine Lösung für den angespannten Wohnungsmarkt?
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Frankfurt wächst und wächst. Eben gerade knackte die Stadt die Rekordmarke von 750.000 Einwohnern. Im vergangenen Jahr kamen jeden Monat rund 560 neue Bürger hinzu. Der Wohnungsmarkt ist angespannt. Schon heute fehlen nach Angaben des Planungsdezernats rund 40.000 Wohnungen in der Stadt. Was tun?

Frankfurt dünn besiedelt - im Vergleich zu Paris

Die TU Darmstadt legte am Mittwoch in Berlin eine Studie vor, die Lösungen verspricht. Das Zauberwort heißt Nachverdichtung. Darunter verstehen die Wissenschaftler die Aufstockung und Erweiterung von bestehenden Gebäuden und das Schließen von Baulücken.

Die Grafik zeigt diverse Möglichkeiten der Nachverdichtung

"Deutsche Städte haben gegenüber Städten im europäischen Ausland ein großes Entwicklungspotential", erläutert der Leiter der Studie, Karsten Tichelmann. Er verweist darauf, dass Frankfurt mit 2.960 Einwohnern pro Quadratkilometer (Stand 2018) im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen eher dünn besiedelt ist. In Paris etwa leben über 22.000 Menschen auf einem Quadratkilometer, in London sind es 12.600 Menschen.

Potential von 350.000 Wohnungen im Rhein-Main-Gebiet

Die Forscher der TU haben sich für ihre "Deutschland-Studie 2019" Nicht-Wohngebäude angeschaut. Das Ergebnis: Auf Bürogebäuden, Parkhäusern und Supermärkten könnten bundesweit 1,2 Millionen Wohnungen entstehen. "Warum werden diese kostbaren Flächen freigehalten?", fragt Tichelmann.

Er spricht von einem "enormen Potenzial für zusätzliche Wohnungen". In der Regel könne man die Wohnungen darauf relativ teuer vermieten: Guter Ausblick, Sonne, moderne Ausstattung. Zudem ließen sich gerade Parkhausdächer gut begrünen, da sie viel Last aushielten - hier könnten etwa Kindertagesstätten entstehen.

Alleine für das Rhein-Main-Gebiet habe die Aufstockung ein Potential von 350.000 Wohnungen, erklärt der Darmstädter Forscher. "Ohne, dass dafür zusätzliches Bauland ausgewiesen muss", wie er anfügt. Das wäre wohl mehr als nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein der gerade im Rhein-Main-Gebiet so angespannten Wohnungsmarktsituation.

Wohnungsmarktsituation in Hessen im Jahr 2017

Lidl baut Wohnungen - leben über dem Discounter

Oben wohnen, unten einkaufen oder parken - ganz neu ist die Idee nicht. Tatsächlich gibt es schon solche Projekte. Auch in Frankfurt. Im Stadtteil Gallus will der Discounter Lidl zusammen mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG über seinem Lebensmittelmarkt insgesamt 110 Wohnungen bauen. Dazu muss der bestehende Markt aber erst einmal abgerissen werden. Denn: Einfach Stockwerke auf alte Flachbauten aufsetzen, das geht in vielen Fällen nicht, dafür ist die Statik der Gebäude nicht ausgerichtet.

Kann die Aufstockung von Discountern die Wohnungsnot in Städten wie Frankfurt lindern? Das Frankfurter Planungsdezernat hat die 213 Supermärkte im Stadtgebiet untersucht. Nur 19 Märkte kommen demnach für eine Aufstockung in Frage. 1.200 Wohnungen könnten so entstehen.

"Das ist genug, um sich die Mühe zu machen", sagt der Sprecher des Dezernats, Mark Gellert. Deshalb suche man jetzt das Gespräch mit den Eigentümern. Aber: "Damit werden wir das Wohnungsproblem in Frankfurt nicht lösen", sagt der Sprecher.

Frankfurt: "Wir müssen auch auf den Acker gehen"

Auch die Umwandlung von Bürofläche in Wohnungen habe ihre Grenzen. Im Stadtteil Niederrad rollen schon seit einiger Zeit die Bagger, um eine frühere Bürostadt in das gemischt genutzte "Lyoner Quartier" zu verwandeln. Rund 1.000 Wohnungen sind schon auf dem ehemaligen Gewerbegebiet entstanden - 3.000 Wohnungen sollen folgen.

Dieses Bürohaus aus den 1960er-Jahren in der Frankfurter Lyonerstraße wurde in ein Wohnturm mit 98 Wohneinheiten umgewandelt.

Hier 1.200 Wohnungen über Discountern, dort 4.000 Wohnungen in einer ehemaligen Bürostadt. "Die Konversion von Büros und die Nachverdichtung reichen nicht aus, den Wohnungsbedarf in Frankfurt zu decken", sagt der Dezernatssprecher. Für das Jahr 2030 rechnet Frankfurt mit 810.000 Einwohnern. Wo sollen die Menschen leben?

"Wir müssen auch auf den Acker gehen", sagt Gellert. So wie im Nordwesten der Stadt. Dort plant die Stadt auf Kartoffel- und Getreidefeldern einen neuen Stadtteil mit 12.000 Wohnungen. Aber da gibt es andere Probleme. Benachbarte Kommunen klagen und Meteorologen warnen vor einer Änderung des Mikroklimas. Die Stadtentwicklung Frankfurts wird wohl weiter eine Herkulesaufgabe bleiben.

Neuer Frankfurter Stadtteil Nordwesten