Ein Mann und sein Sohn am Teich in der "Grünanlage Ostanlage", Screenshot des Stadtplans.

Wohin, wenn die Temperaturen steigen? Gerade in der Gießener Innenstadt heizt sich die Luft schnell mal auf. Der "Coole Stadtplan" zeigt jetzt Orte in der Stadt, an denen sich die Hitze aushalten lässt - und wo es kostenlos Wasser zu trinken gibt.

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Das Wasser plätschert, Wind streicht durch die Blätter und am Ufer des Teichs spielen Kinder. Schön ist es hier an dem kleinen Flecken Grünfläche mit dem sperrigen Namen "Grünanlage Ostanlage" am Rand der Gießener Innenstadt, und vor allem: schön kühl. Deshalb taucht der Ort auch in einem interaktiven Online-Stadtplan auf, den die Stadt vor kurzem rausgebracht hat.

17 sogenannte "Kühle Parkanlagen und Rückzugsgebäude", elf "Wasserstellen", also zum Beispiel Brunnen, und zwölf "Refill-Stationen" sind in dem "Coolen Stadtplan" eingezeichnet, dazu auch noch schattige Sitzgelegenheiten und schattige Wege. Umweltdezernentin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) will laut Mitteilung so die Menschen raus aus den "dunklen Zimmern" und fort von "energiefressenden Ventilatoren" nach draußen locken, an kühle Orte in der Stadt.

Nachts ist es in der Innenstadt bis zu 9 Grad heißer als außerhalb

Zu denen zählt neben Parkanlagen auch der Philosophenwald im Osten der Stadt, ein Stück Straße entlang des Bächleins Wieseck, der Alte Friedhof oder eine kleine Grünfläche hinter einem Hotel. Ebenfalls eingezeichnet ist der knapp vier Hektar große Botanische Garten, der aktuell aber aufgrund der Corona-Pandemie gesperrt ist.

Warum das Ganze notwendig ist, zeigt der Plan allerdings auch: Ausgerechnet in der autofreien Innenstadt, wo sich die meisten Menschen aufhalten, ist die bioklimatische Belastung hoch bis sehr hoch. Umweltamtsleiter Gerd Hasselbach sagt: "Die Innenstadt ist zu 90 bis 95 Prozent versiegelt, Fassadenbegrünung gibt es kaum. Die Gebäude heizen sich so auf, dass es in den Nächten nach besonders heißen Tagen dort bis zu neun Grad wärmer ist als zum Beispiel ein paar Kilometer weiter in der Wieseckaue."

Wie andere Städte, die vom Zweiten Weltkrieg stark betroffen waren, kämpft Gießen da auch gegen den aus Klima-Sicht misslungenen Wiederaufbau der Stadt. "Das sind alte Fehler, die früher nicht als Fehler gesehen wurden", erzählt Hasselbach - etwa achtgeschossige Gebäude, die quer in der Luftschneise stehen und so verhindern, dass frischer Wind in die Stadt kommt. "Früher war es auch egal, ob ein Parkplatz geteert oder geschottert worden ist. Dieses Bewusstsein ist erst mit den Jahrzehnten gekommen."

Kostenloses Wasser will bis jetzt niemand

Ein öffentlicher Trinkwasserbrunnen in der Gießener Fußgängerzone.

Damit die Menschen in der Hitze auch genug trinken, zeigt der Stadtplan sogenannte "Refill-Stationen", also öffentliche Wasserspender, Geschäfte oder Ämter, an denen man sich kostenlos Trinkwasser zapfen kann. Das hilft etwa auf dem Berliner Platz und dem angrenzenden Anlagenring, wo mittags die Luft flirrt. Wasser gibt's hier laut Plan im Rathaus oder in der benachbarten Verbraucherzentrale Hessen.

Die Verbraucherzentrale hat seit Beginn der Corona-Pandemie nur noch drei Mal pro Woche an drei Stunden geöffnet. Kostenloses Trinkwasser habe man schon vor dem interaktiven Stadtplan angeboten, sagt die Leitende Beraterin Susanne Pertermann. "Das wurde aber nicht nachgefragt." Nun hofft sie, dass das Angebot mit der Aktion bekannter wird - und damit auch die Verbraucherzentrale.

Schaufenster mit Symbol für kostenloses Trinkwasser.

Ähnliches berichtet Augenoptiker Norbert Rau. Ein aufgeklebter blauer Wassertropfen an seinem Schaufenster weist seit mehr als einem Jahr darauf hin, dass Kunden und Passanten sich hier kostenlos Wasser holen können. "Noch kein Kunde hat danach gefragt", sagt er. Das könnte natürlich auch daran liegen, dass das Zeichen vielen Menschen noch unbekannt ist.

Bis Donnerstag 2.000 Aufrufe

Laut Umweltamtsleiter Hasselbach ist ein Ziel des Plans, auf genau solche Angebote aufmerksam zu machen. Im Herbst will die Stadt ein Entwicklungsprogramm starten - zum Beispiel will sie es fördern, wenn Eigentümer Flächen entsiegeln und Fassaden begrünen.

Vor 30 Jahren sei ein erster Anlauf in diese Richtung schon einmal krachend gescheitert, erzählt Hasselbach. "Aber spätestens seit 2018 haben wir permanent viel zu warmes Wetter mit viel zu wenigen Niederschlägen. Wir hoffen, dass heute mehr Leute mitmachen."

Apropos mitmachen: Bis Donnerstagmittag hatten knapp 2.000 Menschen die Karte aufgerufen, das sei "schon eine schöne Menge". Gut möglich aber, dass diese Zahl in den nächsten Tagen deutlich ansteigt - bis zu 34 Grad warm soll es Freitag und Samstag in Gießen werden. Da kann ein kühler Ort bestimmt nicht schaden.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 31.07.2020, 19.30 Uhr