Mann mit großem Hund in Stall

Der Wolf ist zurück und macht Haltern von Weidetieren Sorge. Hessens letzter Stadtschäfer hofft nun auf seine neuen mazedonischen Herdenschutzhunde.

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Spezialhund vs. Wolf: Hungener Stadtschäfer will seine Schafe beschützen

maintower
Ende des Videobeitrags

"Ich erkenne jedes meiner Schafe am Gesicht", sagt Ralf Meisezahl. Und das sind nicht wenige: Meisezahl ist Hessens letzter festangestellter Stadtschäfer. Wenn im Frühjahr die Lammzeit vorbei ist, wird er mit rund 1.300 Tieren auf die Wiesen rund um die Schäferstadt Hungen (Gießen) ziehen. Seit fast 30 Jahren macht er das so. Doch eine Sache ist in letzter Zeit anders: eine neue potenzielle Gefahr.

Der Wolf kehrt zurück nach Hessen, mancherorts ist er auch schon angekommen. Zum Beispiel im nahegelegenen Vogelsberg, wo eine Wölfin seit fast zwei Jahren immer wieder Weidetiere reißt und sich selbst in Ortschaften blicken lässt.

Geheimwaffe: Susi und Stromer

Meisezahl ist überzeugt: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es auch seine Herde treffen könnte. Und dann will er vorbereitet sein. Einen Elektrozaun hat er schon aufgestellt, aber er glaubt nicht, dass "das bisschen Zäunchen" im Ernstfall reichen wird, wie er sagt.

Der Schäfer hofft deshalb auf seine neue Geheimwaffe: Susi und Stromer sind zwei wuschelige mazedonische Herdenschutzhunde der Rasse Šarplaninac. Meisezahl hat sie von einem Kollegen aus Sachsen bekommen, für einen Freundschaftspreis von 400 Euro pro Hund.

Herde Schafe im Stall

Hunde fühlen sich als Teil der Herde

In den Bergen Kosovos und Nordmazedoniens werden die Hunde seit Jahrhunderten zum Herdenschutz eingesetzt. "Sie werden in der Schafsherde geboren und arbeiten dann völlig selbstständig", erklärt Meisezahl: "Sie fühlen sich als Teil der Herde und verteidigen die Schafe gegen alles, was kommt."

Mit bis zu 60 Zentimetern Größe und 45 Kilo Gewicht ist ein ausgewachsener Šarplaninac zwar mächtig, aber nicht der größte Hund, den es gibt. Dennoch zeigen etwa Videos auf Youtube, wie sich die Herdenschutzhunde mutig Wölfen entgegenstellen und sogar den direkten Zweikampf aufnehmen. Ein großer Vorteil der Hunde ist für Meisezahl auch, dass sie in Hessen nicht auf der Kampfhundeliste stehen, also recht unkompliziert zu halten sind.

Noch keine Harmonie in der Herde

Für den Schäfer ist es ein Experiment, solche Herdenschutzhunde in der dicht besiedelten deutschen Kulturlandschaft einzusetzen. Ob es gelingt, hänge unter anderem vom Verhalten der Spaziergänger ab, erklärt er. Meisezahl hat bereits Hinweisschilder zu den Hunden rund um seine festen Wiesen aufgestellt und appelliert an die Menschen, nicht einfach so auf die Schafe zuzugehen, wenn er nicht in der Nähe ist.

Noch sind die eineinhalb Jahre alten Hunde zudem in der Ausbildung, und die Schafe müssen sich noch an ihre Gegenwart gewöhnen. Derzeit seien sie noch spürbar unruhig, sagt Meisezahl. "Und wenn sie jetzt ihre Lämmer bekommen, werden sie sehr mütterlich und fangen an, ihre Lämmer vor den Hunden zu verteidigen."

Es sei ein zeitaufwendiger und schwieriger Prozess, die Harmonie in der Herde wieder herzustellen. "Bis es im Frühling raus auf die Weide geht, müssen die Schafe und Hunde ein Team werden." Ganz sicher ist der Schäfer sich nicht, was passieren wird, wenn er dann die Stalltore aufmacht.

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 26.01.2021, 18 Uhr