Hessische Kommunen verbannen zunehmend Grabsteine aus Kinderarbeit von ihren Friedhöfen. Steinmetze und Initiativen halten das Verbot für wenig sinnvoll. Das Problem bestehe ganz woanders.

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Steinmetz arbeitet an einem Grabstein

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Verbot von Grabsteinen aus Kinderarbeit

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Ob als Helfer in der Landwirtschaft, als Arbeiter in Steinbrüchen oder als Sexsklaven - Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge werden weltweit rund 150 Millionen Kinder zur Kinderarbeit gezwungen. Das ist fast jedes zehnte Kind. Rund 73 Millionen von ihnen müssen unter hochgefährlichen oder ausbeuterischen Bedingungen arbeiten, etwa in Steinbrüchen in Indien oder China.

Fast die Hälfte der hierzulande verwendeten unverarbeiteten Steine kommen von dort. Ein Großteil davon steht im Verdacht, das Ergebnis von Kinderarbeit zu sein.

Auf den Friedhöfen in Gießen dürfen künftig keine Grabsteine mehr aus Kinderarbeit aufgestellt werden. Das hat das Stadtparlament mehrheitlich beschlossen, nachdem zuvor das Land Hessen mit einem neuen Friedhofs- und Bestattungsgesetz den Weg für solche Beschlüsse von Kommunen freigemacht hat.

Gießener OB: Wir müssen Kinder schützen

"Wir sind eine Welt, und es darf uns nicht egal sein, wo die Grabsteine herkommen, die auf unseren Friedhöfen stehen", begründet Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) die Entscheidung in ihrer Stadt: "Gerade wenn es um Kinder geht. Wir müssen Kinder schützen, da haben wir eine Verantwortung."

Ganz ähnlich sehen das Politiker in anderen hessischen Kommunen. Auch sie überarbeiten zur Zeit ihre Friedhofssatzungen. In Wiesbaden ist das Verbot bereits in einer Satzung verankert. In Paragraf 25a heißt es dort: "Grabsteine und Grabeinfassungen aus Naturstein dürfen nur aufgestellt werden, wenn sie nachweislich ohne schlimmste Form von Kinderarbeit hergestellt worden sind." Der Nachweis dazu könne durch eine lückenlose Dokumentation erbracht werden.

Steinmetz: Kinder können gar keine Grabsteine herstellen

Hier setzt die Kritik der hessischen Steinmetzbetriebe an. Nach Auffassung von Landesinnungsmeister Karl-Heinz Damm sind die kommunalen Verwaltungen mit der Prüfung überfordert. "Keine Kommune hat dafür die notwendige Qualifikation", sagt Damm. Er hält deswegen das Gesetz für überflüssig.

Er habe im Innenausschuss des Landtags dazu Argumente vorgebracht, die aber nicht berücksichtigt worden seien. "Man hat das Gesetz beschlossen und durchgewunken", sagt Damm. Außerdem seien Grabsteine gar nicht das Problem. Damm: "Sie werden aus etwa 20 bis 30 Tonnen schweren Blöcken verarbeitet. Das können unmöglich Kinder machen."

Aus Sicht des Steinmetzmeisters muss die Politik vielmehr den Blick auf Pflastersteine aus Natursteinen legen: "Bei der Herstellung von Naturstein-Artikeln, die in Baumärkten billig verkauft werden, gibt es zweifelsfrei Kinderarbeit."

Pflastersteine aus Kinderarbeit

Verschiedene Initiativen, die sich gegen Kinderarbeit engagieren, bestätigen Damm in diesem Punkt. Demnach stammen bis zu 90 Prozent der Pflastersteine, die in Deutschland verwendet werden, aus Indien. Und dort kämen viele Kinder in der Produktion zum Einsatz.

Aber es geht nicht nur um Steine. Katrin Schlechtriemen vom Weltladen in Gießen weist darauf hin, dass auch viele andere Produkte mittels Ausbeutung von Kindern entstehen: "Besonders Fußbälle und Schokolade sind typische Waren aus Kinderarbeit." In manchen Ländern müssten Kinder schwere Kakaosäcke über viele Kilometer tragen. Katrin Schlechtriemen: "Wir müssen bei allem, was wir so selbstverständlich in unseren Alltag integriert haben, überlegen, woher die Produkte kommen, wie sie entstanden sind und wo sogar Kinder einbezogen worden sind und sie unter schlimmsten Bedingungen produziert haben."

Weitere Informationen

Auszug aus Friedhofssatzung Wiesbaden

§ 25a Verbot von Grabsteinen aus ausbeuterischer Kinderarbeit
(1) Grabsteine und Grabeinfassungen aus Naturstein dürfen nur aufgestellt werden, wenn sie nachweislich ohne schlimmste Form von Kinderarbeit im Sinne von Art. 3 des Übereinkommens Nr. 182 der Internationalen Arbeitsorganisation vom 17. Juni 1999 über das Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit (BGBl. 2001 II S. 1291) hergestellt worden sind. Herstellung im Sinne dieser Vorschrift umfasst sämtliche Bearbeitungsschritte von der Gewinnung des Natursteins bis zum Endprodukt.

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-iNFO, 12.06.2019, 15.50 Uhr