Stephan E.

Nach Erkenntnissen des ARD-Magazins Monitor soll der Tatverdächtige im Fall Lübcke noch im März an einem konspirativen Treffen von Neonazis in Sachsen teilgenommen haben. Experten sehen sogar Querverbindungen zum NSU.

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Stephan E. soll Kontakt zu Neonazis gehabt haben
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Der Tatverdächtige im Mordfall Lübcke, Stephan E., soll noch vor wenigen Monaten in Kontakt mit Neonazis gestanden haben. Nach Erkenntnissen des ARD-Magazins "Monitor" soll E. am 23. März zusammen mit Mitgliedern der neonazistischen Organisationen "Combat 18" und "Brigade 8" an einer konspirativen Veranstaltung im sächsischen Mücka teilgenommen haben. Dem Magazin liegen Fotos vor, die dies belegen sollen.

Combat 18 und der NSU

Nach Erkenntnissen der Monitor-Redaktion nahm an der Veranstaltung neben Stephan E. auch Stanley R. teil, der als eine zentrale Figur von "Combat 18" in Deutschland gilt. "Combat 18" wurde als bewaffneter Arm des im Jahre 2000 in Deutschland verbotenen Neonazi-Netzwerks "Blood and Honour" gegründet - das wiederum zum Unterstützer-Umfeld des rechtsterroristischen "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) gezählt wird.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ein Treffen mit alten Bekannten aus der Szene

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Damit gerät die bisherige Darstellung der Sicherheitsbehörden, wonach Stephan E. zwar lange Jahre in der rechtsextremen Szene aktiv gewesen, in den letzten zehn Jahren jedoch nicht mehr in Erscheinung getreten sei, in Wanken. Die vermeintliche Unauffälligkeit des Verdächtigen hatte unter anderem dazu geführt, dass das hessische Landesamt für Verfassungsschutz E.s Akte aus dem Nachrichtendienstlichen Informationssystem (NADIS) löschte. Damit stand sie dem Verfassungsschutz selbst aus Datenschutzgründen nicht mehr zur Verfügung. Allerdings wurde am Freitag bekannt, dass das Landesamt die Akte dem Generalbundesanwalt angeboten hat.

Stephan E. als Gewalttäter bekannt

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hs
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Bereits bekannt war, dass Stephan E. im Jahr 1992 sich eines versuchten Totschlags an einem Mann mit Migrationshintergrund schuldig gemacht hatte. Ein Jahr später soll der damals 20-Jährige einen Bombenanschlag auf eine Asylbewerber-Unterkunft in Hohenstein-Steckenroth (Rheingau-Taunus) geplant haben. Bewohner der Unterkunft konnten damals ein brennendes Auto vor dem Heim löschen, in dem ein Sprengsatz lag.

Auch an einem Überfall von rund 400 Neonazis auf die Demonstration des Deutschen Gewerkschaftsbunds zum 1.Mai 2009 in Dortmund soll Stephan E. beteiligt gewesen und dafür zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden sein.

Verfassungsschutz überprüft V-Leute

Die Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer, Barbara John, fordert eine Untersuchung möglicher Verbindungen zwischen dem Mordfall Walter Lübcke und dem rechtsextremistischen Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). "Ich schließe nicht aus, dass der jetzt Festgenommene damals zu den NSU-Kreisen gehört hat, die im Hintergrund beteiligt waren", sagte sie den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland mit Blick auf die Ermordung von Halit Yozgat durch den NSU in Kassel. Deshalb müssten die Akten zum Mordfall in Kassel wieder geöffnet werden.

Die Verfassungsschutzämter von Bund und Ländern haben derweil angeordnet, sämtliche V-Leute aus dem Bereich Rechtsextremismus zu Stephan E. zu befragen, wie die Berliner Tageszeitung "Tagesspiegel" unter Berufungs auf Sicherheitskreise berichtet. Die Rede ist von einer dreistelligen Zahl von Informanten. Eventuell würden auch bereits abgeschaltete V-Leute erneut kontaktiert.

Ebenfalls nach "Tagesspiegel"-Informationen soll Walter Lübcke auf einer Liste des NSU mit 10.000 Namen von Personen und Objekten gestanden haben. Unter Berufung auf Sicherheitskreise schreibt das Blatt, Lübcke sei im hinteren "8000-er Bereich" der Liste aufgeführt.

Der Name Stephan E. war schon im NSU-Untersuchungsausschaus des Landtags aufgetaucht. Die Linke hatte Einsicht in die Protokolle der geheimen Sitzung beantragt, was vom Landtagspräsidenten bewilligt wurde. Hermann Schaus von der Linken sagte dem hr am Freitag, nun würden die Protokolle erneut durchforstet, um mögliche Hinweise auf Stephan E. Zu bekommen.

Die Einsicht erfolge allerdings unter Aufsicht, Notizen seien nicht erlaubt. Die Dokumente gebe es ausschließlich in Papierform – entsprechend nehme das Zeit in Anspruch: "Das darf ich im Kopf rumtragen, aber niemandem erzählen".

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 21.06.2019, 16.45Uhr