Sabine Wicker steht im Arztkittel vor einem Krankenhauseingang.

Doppelt Astrazeneca oder doch lieber eine Kreuzimpfung? Bei Impfwilligen aus Hessen herrscht Verunsicherung. Wie sicher die Kreuzimpfung wirklich ist und welche Erkenntnisse es dazu bereits gibt, erklärt Sabine Wicker, Vize-Vorsitzende der Ständigen Impfkommission. 

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Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt für Astrazeneca-Erstgeimpfte seit 1. Juli die sogenannte Kreuzimpfung. Der Grund: Die Immunantwort bei der Kombination des Impfstoffes Astrazeneca mit einem mRNA-Impfstoff von Biontech oder Moderna soll deutlich besser sein als bei der doppelten Impfung mit Astrazeneca. Viele verunsichert das, auch weil es in kurzen Abständen immer wieder neue Informationen rund um den Impfstoff von Astrazeneca gab.   
  
Warum die Stiko sich für eine Empfehlung zur Kreuzimpfung ausgesprochen hat und wie gut diese vor dem Coronavirus schützt, erklärt Sabine Wicker, Professorin an der Uniklinik Frankfurt und stellvertretende Vorsitzende der Stiko.

hessenschau.de: Warum hat sich die Stiko dazu entschieden, die Kreuzimpfung explizit zu empfehlen?   

Sabine Wicker: Bei der sogenannten Kreuzimpfung sprechen wir von einer heterologen Impfung. Das bedeutet, man impft zuerst mit einem Vektor- und dann mit einem mRNA-Impfstoff. Verschiedene Daten, sowohl aus dem nationalen als auch aus dem internationalen Umfeld,  zeigen ganz eindeutig, dass die sogenannte Kreuzimpfung eine höhere Impfeffektivität hat als zwei Impfungen mit Astrazeneca. Darüber hinaus bietet die heterologe Impfung den entscheidenden Vorteil, dass Sie die vollständige Immunisierung innerhalb von vier Wochen abschließen können. Und das ist ganz besonders wichtig zum Schutz vor der Delta-Variante.

hessenschau.de: Wie sicher ist die Kreuzimpfung im Vergleich zu einer doppelten Impfung mit Astrazeneca?

Wicker: Die Kreuzimpfung hat eine ähnliche Impfeffektivität wie zwei mRNA-Impfstoffe. In den Zulassungsstudien wurde sie auf ungefähr 94 bis 95 Prozent bestimmt. Die Impfeffektivität von zwei Astrazeneca-Impfungen liegt bei ungefähr 70 bis 80 Prozent.

hessenschau.de: Die WHO zum Beispiel sagt, dass sie noch nicht genügend Daten hat, um die Kreuzimpfung zu empfehlen. Es gibt auch noch keine Langzeitstudien. Was sagen Sie dazu?

Wicker: Das Virus ist ja auch noch nicht lange da. Es gibt aber eine ganze Reihe von unterschiedlichen Studien, in denen unterschiedliche Patientengruppen, Altersgruppen, Zeitabstände sowie verschiedene Impfstoffe oder Impfintervalle untersucht wurden. Und die Ergebnisse waren ziemlich eindeutig: Sie belegten immer die sehr hohe Impfeffektivität der sogenannten Kreuzimpfung. Der Stiko und auch Ländern wie Dänemark, Schweden und Großbritannien hat das ausgereicht, um die Kreuzimpfung zu empfehlen.

hessenschau.de: Wenn die Stiko die Kreuzimpfung empfiehlt, bedeutet das im Umkehrschluss, dass sie von der Impfung nur mit Astrazeneca abrät?

Wicker: Das kann man so nicht sagen. Auch zwei Astrazeneca-Impfungen bieten einen sehr hohen Schutz vor einer schweren Infektion, Hospitalisierung oder einem tödlichen Verlauf.

hessenschau.de: Was empfehlen Sie Menschen, die bisher nur einfach geimpft sind mit Astrazeneca?

Wicker: Wenn Sie erst eine Astrazeneca-Impfung bekommen haben, dann rät die Stiko, die zweite Impfung mit einem mRNA-Impfstoff durchzuführen.  

hessenschau.de: Brauchen Menschen, die zweifach mit Astrazeneca geimpft wurden, nun eine dritte Dosis?

Wicker: Wenn Sie vollständig mit Astrazeneca - also mit zwei Dosen im Abstand von neun bis zwölf Wochen - geimpft wurden, brauchen Sie nach aktuellem Wissensstand keine dritte mRNA-Impfstoffdosis. Zum jetzigen Zeitpunkt sind noch keine allgemeinen "Booster-Impfungen" empfohlen worden. Die Ständige Impfkommission prüft das aber gerade. Falls eine Auffrischungsimpfung erforderlich ist, werden wir das zeitnah publizieren können.

hessenschau.de: Es ist derzeit ja sehr viel Astrazeneca-Impfstoff in den Arztpraxen vorhanden. Wenn die Kreuzimpfung so eine gute Impfeffektivität hat, könnte man sie dann nicht auch in umgekehrter Reihenfolge durchführen? Also erst einen mRNA-Impfstoff und dann Astrazeneca?

Wicker: Nein! Die umgekehrte Reihenfolge sollte nicht stattfinden. Da gibt es Daten, die belegen, dass dann die Impfeffektivität schlechter ist. Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt ausreichend mRNA-Impfstoff. Von daher würde ich hier keine Experimente machen wollen.

hessenschau.de: Über Astrazeneca wurde so viel berichtet: Erst gab es zum Beispiel eine Empfehlung für die eine, dann für die andere Altersgruppe. Können Sie nachvollziehen, dass einige Menschen gerade verunsichert sind?

Wicker: Natürlich kann ich nachvollziehen, dass Menschen verunsichert sind. Aber ich würde das insgesamt nicht so negativ bewerten wollen. Wir haben aktuell eine sehr dynamische Lage und gewinnen ständig neue Erkenntnisse. Und sobald wir neue wissenschaftliche Daten haben, kann es unter Umständen auch zu neuen Impfempfehlungen kommen. Aber das ist etwas, das ich eher positiv sehe und nicht negativ.

hessenschau.de: Wie erklären Sie sich, dass sich dann gerade so wenig Menschen impfen lassen?

Wicker: Das mag daran liegen, dass wir schon mittlerweile über die Hälfte der Deutschen vollständig geimpft haben. Über 60 Prozent haben ihre Erstimpfung erhalten. Wir können nicht davon ausgehen, dass sich alle impfen lassen. Und manche nehmen das vielleicht im Moment auch nicht mehr als ganz so wichtig wahr. Aber es ist nach wie vor wichtig, dass wir eine möglichst hohe Quote erreichen, um die Pandemie zu bekämpfen.

Das Gespräch führte Sophia Luft.

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