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Vizechefin weist Kritik an Ständiger Impfkommission zurück

Sabine Wicker hält die erste Spritze mit einer Covid-Impfdose hoch, die sie gleich verabreichen wird.

Die Frankfurter Ärztin Sabine Wicker ist die stellvertretende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission. Damit ist sie an den Entscheidungen zu Impfempfehlungen in der Corona-Pandemie beteiligt. Und immer öfter im Fokus der Kritik.

Sabine Wicker bekam 2010 einen Brief, wonach das Bundesgesundheitsministerium sie in die Ständige Impfkommission (Stiko) berufen will. Sie habe sich unglaublich gefreut und sei stolz gewesen, erinnert sich die Frankfurter Ärztin. Damals habe das allerdings niemand in ihrem Umfeld so recht verstehen können. "Stiko? Was ist das? Was machst du da?", habe man sie gefragt.

Mehr als zehn Jahre und eine Pandemie später kennt fast jeder in Deutschland die Stiko. "Und jeder meint, besser zu wissen, was sie tun soll", sagt Wicker, die hauptberuflich als Leiterin des Betriebsärztlichen Dienstes des Universitätsklinikums und des Fachbereichs Medizin der Goethe-Universität Frankfurt arbeitet.

Zu langsam, zu gemütlich, zu wenig Haltung?

Seit vergangenem Jahr ist sie die stellvertretende Vorsitzende der Kommission aus 18 Fachärztinnen und Fachärzten, die Deutschlands Impfstrategie maßgeblich beeinflusst - und dafür, wie sie das tut, zunehmend in der Kritik steht:

Wicker sagt, die Stiko habe ein Kommunikationsproblem. In einem Vortrag im House of Pharma & Healthcare der Uni Frankfurt erzählte sie nun von Anfeindungen, die täglich in ihrem E-Mail-Postfach landen ("Impfhure", "Impfdiktatorin", "schlimmer als jede KZ-Wärterin", um nur einige Beispiele zu nennen). Und sie versuchte, die Funktionsweise ihrer ehrenamtlichen, wissenschaftlichen Arbeit zu erklären.

Die Stiko ist nicht die deutsche EMA

Um zu verstehen, wie die Arbeit der Stiko aussieht, müsse man zunächst begreifen, welche Aufgaben die Stiko in Deutschland überhaupt hat. Schließlich gibt es auch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA), die über die Zulassung von Impfstoffen entscheidet. "Unsere Arbeit beginnt dann, wenn die Arbeit der EMA vorbei ist", sagt Wicker.

Die Stiko müsse mehr Daten sichten als die EMA, da die Stiko nicht nur die Sicherheit eines Impfstoffs anhand der Zulassungsstudie bewerte, sondern auch Kriterien erarbeite, nach denen Bevölkerungsgruppen bei der Impfung priorisiert würden. Außerdem berücksichtige sie sowohl das Nutzen-Risiko-Verhältnis für die Einzelnen als auch für die gesamte Bevölkerung.

"Unsere Empfehlungen machen wir immer auf Grundlage der besten verfügbaren Evidenz", sagt Wicker. Das könne manchmal auch bedeuten, dass es trotz einer geringen Datenlage zu einer Empfehlung komme, wenn die epidemiologische Lage das erfordere.

Umstrittene Empfehlung zu Kinderimpfungen

Hinsichtlich der Impfung für Fünf- bis Elfjährige drängten Stimmen aus der Politik und viele Eltern auf eine zügige, allgemeine Empfehlung. Die Stiko empfahl bislang allerdings nur Kindern mit Vorerkrankungen oder Kontakt zu Risikopatienten eine Impfung - anderen soll sie auf Wunsch dennoch ermöglicht werden. Das sei aktuell die Entscheidung, die man aufgrund der "besten verfügbaren Evidenz" getroffen habe, rechtfertigt die Ärztin das Vorgehen der Kommission.

Dass auch die Empfehlung für Booster-Impfungen im Oktober zu spät gekommen sei, streitet Wicker ab. Schließlich hätte die Politik besser planen können, so dass von Anfang an mehr Menschen ihre Auffrischungsimpfung hätten erhalten können.

"Astrazeneca war retrospektiv keine gute Empfehlung"

Als "retrospektiv keine gute Empfehlung" sieht Wicker mittlerweile die Entscheidung vom April, Astrazeneca nur für Unter-60-Jährige zu empfehlen. Für die vulnerabelste Gruppe, die Älteren, habe es damals in der Zulassungsstudie der EMA nur sehr wenige Daten gegeben. Deshalb entschied die Stiko sich gegen eine Empfehlung für diese Altersgruppe.

Innerhalb kürzester Zeit wurde die Entscheidung damals aber zurückgenommen, da Sinusvenenthrombosen als schwerwiegende Nebenwirkung auftraten - nicht bei den Älteren, sondern vorwiegend bei jüngeren Personen. In einer Aktualisierung ihrer Empfehlung teilte die Kommission mit: Nur noch Über-60-Jährige sollten den Impfstoff bekommen. Auch, wenn das möglicherweise für Verwirrung gesorgt habe, betont Wicker: "Selbstverständlich müssen wir eine Entscheidung umgehend ändern, wenn wir die Evidenz für eine schwere Nebenwirkung haben."

Sabine Wicker

Drei wissenschaftliche Vollzeitkräfte in der Stiko-Geschäftsstelle am Robert-Koch-Institut (RKI) unterstützen die ehrenamtlichen Kommissionsmitglieder dabei. Denn die 18 Fachärztinnen und Ärzte aus Pädiatrie, Virologie, Allgemeinmedizin, Tropenmedizin, Gynäkologie, Epidemiologie oder - wie in Wickers Fall - Betriebsmedizin arbeiten zusätzlich in ihren Hauptberufen zum Beispiel an Universitätskliniken.

Drei Vollzeitstellen für die aktuelle Menge an Studien, die pro Woche erscheinen, seien zu wenig, sagt Wicker. Die Stiko müsse wöchentlich hunderte bis tausende Studien sichten - allein um die Studien nach ihrer Qualität zu filtern. Die Geschäftsstelle am RKI sei stark belastet und brauche dringend personelle Verstärkung. Wegen des hohen Arbeitspensums mit den Impfentscheidungen zu Covid-19 bleibe momentan vieles zu anderen Erkrankungen liegen.

"Nur meinem persönlichen Gewissen verpflichtet"

In vorpandemischen Zeiten traf sich die Runde dreimal im Jahr im RKI, wie Wicker weiter berichtete. Derzeit kämen die Impfexpertinnen und -experten einmal wöchentlich in Videokonferenzen zusammen. Dann werde diskutiert, manchmal gebe es unterschiedliche Positionen. "Wir sind aber kein Meinungsclub", betont die Ärztin. Was zähle, seien die Fakten.

"Am Ende bin ich bei der Abstimmung nur meinem persönlichen Gewissen und niemandem sonst verpflichtet", sagt Wicker. Darin sieht sie den großen Vorteil der Stiko. "Wir sind komplett unabhängig und frei."

Muss die Stiko reformiert werden?

Deswegen wirkt sie grundsätzlich wenig begeistert von Forderungen nach Reformierungen oder einer vollständigen Neuausrichtung der Impfkommission. Dass die Mitglieder ehrenamtlich in ihrer Freizeit arbeiteten, dürfe sich aus ihrer Sicht nicht ändern. "Es ist gut, dass wir unsere Expertise aus den eigentlichen Arbeitsstellen mit einbringen", sagt sie.

So entscheide sie nicht nur über Impfempfehlungen, sondern impfe selbst an der Universitätsklinik Frankfurt. "Da fühle ich mich gut aufgehoben und will weitermachen", sagt Wicker. Weitermachen will sie auch in der Stiko. Die Kritik, besonders die der Impfgegner, gehe ihr zwar an die Nieren. "Ich bin aber nicht entmutigt", sagt sie entschlossen - vielleicht auch noch immer etwas stolz.

Weitere Informationen

Ständige Impfkommission

  • Die Ständige Impfkommission arbeitet auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes.
  • 1972 wurde die Stiko eingerichtet, seit 1994 ist sie beim Robert-Koch-Institut (RKI) angesiedelt.
  • Das Bundesgesundheitsministerium beruft die Mitglieder.
  • Die Mitgliederzahl schwankt zwischen 12 und 18 Fachärztinnen und -ärzten verschiedener Fachgebiete, die ehrenamtlich in der Kommission tätig sind.
  • Eine Berufungsperiode dauert drei Jahre, die aktuelle Periode läuft bis Frühjahr 2023.
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