Das Foto zeigt den Künstler Gunter Demnig wie er Stolpersteine in einer hessischen Stadt verlegt.

Mit den Stolpersteinen hat Gunter Demnig eine eigene Form der Erinnerungsarbeit entwickelt. Im Interview zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs berichtet der Alsfelder Künstler, warum die Aktion gerade bei Jugendlichen verfängt.

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Als Gunter Demnig Mitte der 1990er Jahre begann, Stolpersteine an den früheren Wohnorten von NS-Opfern zu verlegen, war das Echo gespalten. Vertreter jüdischer Gemeinden fürchteten, dass das Andenken der Ermordeten buchstäblich mit Füßen getreten werde.

Inzwischen haben der Künstler und seine Mitstreiter in ganz Europa mehr als 75.000 Stolpersteine verlegt. Demning lebt und arbeitet in Alsfeld (Vogelsberg).

hessenschau.de: Herr Demnig, am 8. Mai 2020 jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Eigentlich ein Datum, an dem zahlreiche Veranstaltungen stattfinden sollten. Doch die Corona-Pandemie überschattet derzeit alles. Was waren Ihre ursprünglichen Pläne für diesen Tag?

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„Mit der Aktion würde ich derzeit mich und Angehörige der Ermordeten gefährden. Das geht nicht!“ Zitat von Gunter Demnig
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Gunter Demnig: Es war einiges geplant. Solche Daten werden ja gerne genommen. Am 27. Januar, dem Internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocausts, bin ich zum Beispiel oft in Italien, weil man dort diesen Tag zum Anlass nimmt, um Stolpersteine verlegen zu lassen. Dann gibt es den 9. November. Am 8. Mai wäre ich eigentlich im Saarland gewesen, in Neunkirchen und Ottweiler. Aber bis Mitte Mai ist alles wegen Corona abgesagt.

hessenschau.de: Dabei könnten Sie die Stolpersteine theoretisch ja auch alleine verlegen oder in Beisein von sehr wenigen Menschen.

Gunter Demnig: Eine Gemeinde wollte sogar, dass ich trotzdem komme und verlege. Aber selbst wenn ich da hinfahren würde, wo soll ich übernachten? Das wäre weiter weg gewesen, und die Hotels sind ja geschlossen.

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Gunter Demnig

Gunter Demnig wurde 1947 in Berlin geboren. Ab 1967 studierte er Kunstpädagogik und Industrie-Design an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, später wechselte er an die Kunsthochschule Kassel. Mitte der 1970er Jahre studierte er Kunst an der Universität Kassel.

1996 begann er mit der Aktion Stolpersteine. Dabei lässt er am letzten freigewählten Wohnort von NS-Opfern kleine Steine in den Bürgersteig ein, auf denen Messingplatten mit den Lebensdaten und dem Ort der Ermordung der Opfer angebracht sind. Demnig und seine Mitarbeiter verlegten seitdem europaweit mehr als 75.000 Stolpersteine.

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hessenschau.de: Sie gehören mit 72 Jahren auch zur Gruppe der besonders Gefährdeten.

Gunter Demnig: Klar, in dem Alter ist das schon etwas kritischer. Zumal wenn man so viel unterwegs ist wie ich. In Italien bin ich gerade so am Ausbruch der Pandemie vorbeigeschrammt. Ich habe in der Lombardei noch Anfang des Jahres in 30 Orten Stolpersteine verlegt, unter anderem in Brescia. Das war knapp zwei Wochen, bevor es da losging. Danach habe ich gesagt: Stopp, das geht nicht! Ich bin mit so vielen Menschen in Kontakt und dadurch nicht nur gefährdet, sondern auch Gefährder. Man gibt das ja unheimlich schnell weiter.

hessenschau.de: Zumal oft Verwandte der Ermordeten zur Verlegung der Stolpersteine kommen, die selbst auch schon älter sind.

Gunter Demnig: Genau. Außerdem reisen normalerweise viele von Ihnen eigens aus Israel oder den USA an. Das ist momentan auch nicht möglich. Die Flüge sind alle gestrichen.

hessenschau.de: Sie haben schon Tage der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und an den Zweiten Weltkrieg erwähnt. Der 8. Mai als der Tag, an dem Deutschland kapitulierte, scheint hierzulande eher zur zweiten Reihe dieser Gedenktage zu gehören.

Gunter Demnig: Vielleicht. In anderen Ländern gibt es diesen Tag der Befreiung, in den Niederlanden etwa den 4. Mai. Da ist einfach die Symbolik klarer. Schließlich waren dieser Länder besetzt. Selbstverständlich ist der 8. Mai auch für uns Deutsche ein Tag der Befreiung. Und für mich und die Stolperstein-Aktion ist das unter normalen Umstände auch ein wichtiger Termin.

hessenschau.de: Welche Gefühle herrschen Ihrer Erfahrung nach bei den Angehörigen der Opfer an diesem Tag vor?

Gunter Demnig: Ich erlebe die Menschen bei den Stolpersteinverlegungen. Da ist erst einmal Trauer, die wieder hochkommt. Aber wenn wir die Steine verlegen, sind die Namen wieder da. Und wenn die Angehörigen mitbekommen, wer sich alles mit dem Schicksal der Ermordeten befasst - ganze Schulklassen zum Beispiel -, dann ist da so etwas wie Freude. Wohl auch, weil man endlich abschließen kann.

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„Die Menschen erleben bei den Stolpersteinverlegungen Trauer und Freude.“
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Bei einer Verlegung kam ein Angehöriger auf mich zu, der über einen Kindertransport nach England gelangt war. Er verbrachte dort den Rest seines Lebens. Die Stolpersteine wurden für seine Mutter und Großmutter verlegt. Er sagte sinngemäß: Die Stolpersteine können natürlich keine Grabsteine sein, aber für mich sind es Schlussteine.

Als ich in Norwegen war, sagte ein anderer: Schön, dass ein Künstler aus Deutschland mit diesen Steinen zu uns kommt - auch wenn es erst nach 70 Jahren ist. Das sind die Momente, in denen man weiß, warum man das macht und warum es weitergehen muss.

hessenschau.de: Sie verlegen die Stolpersteine seit gut 25 Jahren. Hat sich in dieser Zeit die Erinnerungskultur verändert?

Gunter Demnig: Das Interesse hat zugenommen. Ich dachte, gerade bei den Stolpersteinen würde es irgendwann mal nachlassen. Aber tatsächlich kommen immer neue Anfragen dazu. Viele aus dem Ausland, beispielsweise aus Israel.

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Dort war es ja oft so, dass die Überlebenden nicht über ihre Erfahrungen und ihren Verlust reden konnten. Aber jetzt ist da eine neue Generation, die wissen möchte, was passiert ist, und die daran erinnern will. Es geht also ungebremst weiter. Wir lernen hier in Alsfeld gerade einen Nachbarn an, der bei der Herstellung der Steine helfen soll.

hessenschau.de: Und wie sieht es in Deutschland aus? Haben hier die Jugendlichen noch Interesse an der Thematik?

Gunter Demnig: Auf jeden Fall. Man wird nie alle in einer Schulklasse dafür interessieren können. Aber wir erreichen durch die Stolpersteine eher junge Leute. Wenn die ein Buch aufschlagen und lesen, da sind sechs Millionen Juden ermordet worden, dann bleibt das zunächst eine abstrakte Größe.

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„Wir erreichen durch die Stolpersteine eher junge Leute. Das ist eine Art direkter Geschichtsunterricht.“
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Aber wenn sie sich mit einem Familienschicksal befassen, mit Leuten, die um die Ecke und vielleicht in der gleichen Straße gewohnt haben, wenn sie mitbekommen, dass da jemand so alt war wie sie selbst gerade, in dieselbe Schule gegangen ist - dann ist es was ganz anderes. Dann ist es so eine Art direkter Geschichtsunterricht. Das ist nichts Abstraktes mehr.

hessenschau.de: Sie sind 1947 geboren, zwei Jahre nach Kriegsende. Wie präsent war der Krieg noch, als Sie aufwuchsen?

Gunter Demnig: Bis zu meinem achten Lebensjahr habe ich bei meinen Großeltern in Nauen bei Berlin gelebt. Kein richtiger Bauernhof, aber wir hatten Kleinvieh, haben Gemüse angebaut, waren quasi Selbstversorger. Bis dahin hatte ich eine tolle Kindheit und vom Krieg wenig mitbekommen. Dann aber mussten wir nach West-Berlin flüchten, weil mein Vater im Spanischen Bürgerkrieg in der Legion Condor gedient hatte.

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hessenschau.de: Also in dem Luftwaffenverband der deutschen Wehrmacht, der auf Seiten der rechten Putschisten gegen die Republik kämpfte.

Gunter Demnig: Die Namen waren den Sowjets ja bekannt. Wäre mein Vater ihnen durch Zufall in die Hände geraten, wäre das nicht gut ausgegangen. Ich habe mich da auch zuerst gefreut: West-Berlin, eine große Stadt.

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„Mein Vater hat als Wehrmachtssoldat in der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg gedient.“
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Also hat der Krieg meine Kindheit indirekt schon geprägt. Auch wenn mein Vater nie über seine Erlebnisse sprechen wollte. Ich weiß nur, dass er eben in Spanien war und den Rest des Kriegs in Frankreich bei der Flugabwehr. Mehr war aus ihm nicht rauszuholen.

hessenschau.de: Lassen Sie uns zum Schluss noch einmal in die Gegenwart zurückkehren: Wie kann angesichts der Corona-Krise ihrer Meinung nach ein angemessenes Gedenken am 8. Mai aussehen?

Gunter Demnig: Darüber habe ich mir, ehrlich gesagt, noch keine Gedanken gemacht. Wichtig ist, dass wir das Datum nicht vergessen. In irgendeiner Form sollten wir es würdig begehen - als Tag der Befreiung.

Das Interview führte Danijel Majic.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 04.05.2020, 19.30 Uhr