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zum Video A-49-Protest bringt Unruhe ins Dorf Dannenrod

Versammlung von Gegnern des Ausbaus der A49 in Dannenrod.

Im 170-Einwohner-Ort Dannenrod konzentriert sich die Auseinandersetzung um den Ausbau der A49. Hier stehen sich hunderte Polizisten und Ausbaugegner gegenüber. Der Konflikt hat auch das Leben der Anwohner verändert. Der Dorfpfarrer spricht von "blank liegenden Nerven".

Dannenrod, einen Stadteil von Homberg/Ohm (Vogelsberg), kannten noch vor einem Jahr die wenigsten. Inzwischen berichtet sogar die Abendnachrichten der Tagesschau hin und wieder über den Ort und seinen angrenzenden Wald. Ein Teil des Dannenröder Forsts soll für den Weiterbau der umstrittenen A49 zwischen Kassel und Gießen gerodet werden. Umweltschützer halten diesen Teil seit gut einem Jahr besetzt. Hunderte von Polizisten sind hier seit Wochen jeden Tag im Einsatz, um den Wald von Baumhäusern der Besetzer zu räumen und die Rodungen zu ermöglichen.

Anwohner: "Das Dorf ist geteilt"

Im kleinen Dannenrod spiegelt sich der große Konflikt zwischen Wirtschaftsförderung und Umweltschutz - nicht nur im Wald, sondern im Ort selbst. Viele Dannenröder unterstützen die Aktivisten, indem sie sie bei sich duschen oder ihre Wäsche waschen lassen und ihnen Lebensmittelspenden bringen. Andere sind nicht so gut auf die Aktivisten zu sprechen.

Die Frage, ob der Wald oder die Autobahn wichtiger ist, spalte den Ort, berichtet der 82-jährige Karl Schneider: "Es ist nicht mehr schön hier. Das Dorf ist geteilt. Wer die Autobahn befürwortet, wird von den Einheimischen schon mal schräg angeguckt oder muss sich rechtfertigen."

Schneider ist nach eigenen Angaben seit 40 Jahren, seit Beginn der Planungen, gegen die Autobahn. Er findet, die Politik bürde seinem Heimatort eine Last auf, obwohl es mehrere Alternativen zur A49 gegeben habe. Auf seinem Hof parkt ein gelber Camper. Den hätten die Aktivisten da abgestellt, erzählt er. Alles nette Leute.

Anwohnerin geht nicht mehr ohne Pfefferspray raus

Das sieht eine Frau, die ihren Namen nicht nennen will, ganz anders. Sie wohnt in unmittelbarer Nähe zum Protestcamp der Aktivisten am Sportplatz Dannenrod. Sie berichtet, dass sie Angst habe vor diesen fremden, teils vermummten Menschen. Mit dem Hund spazieren gehe sie nur noch in Begleitung ihres erwachsenen Sohns und mit einem Pfefferspray in der Tasche. "Mit anderen Dorfbewohnern spreche ich nicht mehr über die Autobahn oder die Aktivisten", erzählt sie. Sie wisse, dass sie mit ihrer Meinung in der Minderheit sei.

Wer sich im Dorf umhört, bekommt den Eindruck, dass sich viele Dannenröder weniger an den Aktivisten gegen die Autobahn stoßen. Eher fühlen sie sich durch die vielen Polizisten gestört. Einer von ihnen ist Lothar Schmidt, er sagt: "Was hier abgeht, hat der Ort noch nie erlebt. Der Hubschrauber dröhnt von morgens bis abends über dem Ort. Dazu ein Polizeiaufgebot, das meiner Meinung nach total übertrieben ist."

Anwohner ärgern sich auch darüber, dass die Beamten nun auch am Wochenende im Einsatz sind. Dadurch kämen sie überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Sie sagen, sie seien erschrocken über die Härte, mit denen die Polizei teilweise gegen die Aktivisten vorgehe. Die Gewalt, die von manchen Aktivisten ausgeht, erwähnen sie nicht.

Das Problem ist: In dem Dorf mit 170 Einwohnern kann man sich schlecht aus dem Weg gehen. Manche Autobahnbefürworter und -gegner sind miteinander verwandt oder sind Nachbarn.

Pfarrer spricht von "Dauerstress und blank liegenden Nerven"

Ingrid Süßmann betreibt ein Gasthaus in der Ortsmitte. Sie hat ihre Räume für die Aktivisten geöffnet. Wegen Corona sei derzeit sowieso nichts los, sagt sie. Also erlaubt sie den jungen Menschen, hier ihre Handys zu laden oder auch mal eine Nacht in einem warmen Bett zu schlafen.

Vor der Pandemie gab es im Gasthaus jede Woche einen Stammtisch. Süßmann befürchtet, dass es den Stammtisch auch nach dem Ende der Coronakrise und der Auseinandersetzungen im Wald nicht mehr geben wird: "Einige haben schon seit Monaten nicht miteinander gesprochen, weil sie unterschiedliche Meinungen vertreten." Die Gastwirtin hat den Eindruck, die Dannenröder gingen sich bewusst aus dem Weg.

Das beobachtet auch Alexander Starck, Pfarrer der kleinen Kirchengemeinde in Dannenrod. Er sagt: "Schon länger beobachte ich, dass die unterschiedlichen Ansichten zur Autobahn zu Spaltungen zwischen Nachbarn, Freundschaften und durch Familien geführt haben." Er versuche immer wieder zu vermitteln, führe Gespräche mit beiden Seiten, lädt jeden Freitagabend zum Friedensgebet. Doch die Autobahnbefürworter seien eher zurückhaltend.

Starck findet, dass die Dauerpräsenz der Polizei den Dannenrödern über Gebühr zusetzt: "Hier sind täglich tausende Beamte unterwegs. Das kann einem schon Angst machen." Er spricht von Dauerstress und blank liegenden Nerven. Der Pfarrer befürchtet, dass es Jahre dauern wird, den Ort wieder zu vereinen.