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Medizinstudentin hilft auf Covid-Station der Uniklinik Gießen

Anne Urban, Medizinstudentin und Aushilfe auf der Covid-Station der Uniklinik Gießen

Wer an Corona stirbt, tut dies meist nach qualvollen Wochen im Krankenhaus. Medizinstudentin Anne Urban hilft auf der Gießener Covid-Station aus. Pfleger nötigen ihr höchsten Respekt ab, Impfmuffel findet sie rücksichtslos. Hier ist ihr Bericht.

Anne Urban ist 24 Jahre alt, studiert Medizin und unterstützt die Pflegekräfte auf der Corona-Intensivstation der Uniklinik Gießen. Nach Angaben des Ärztlichen Geschäftsführers des UKGM, Prof. Dr. Werner Seeger, halfen in der ersten und zweiten Welle der Pandemie bis zu 200 Studierende bei der Versorgung der bis zu 50 Covid-Kranken auf der Station.

Aktuell arbeiten dort demnach nur 50 bis 60 angehende Medizinerinnen und Mediziner mit. Der Bedarf sei jedoch höher, sagt Seeger. Allerdings seien etliche Studierende einfach erschöpft. Hier berichtet Anne Urban von dem aufreibenden Arbeitsalltag dort.

"Ich bin seit dem letzten Winter regelmäßig auf der Covid-Intensivstation. Meistens mache ich Spät- oder Nachtdienste. Da ist es oft ruhiger, manchmal wird es aber auch sehr schnell sehr hektisch, weil es einem Patienten auf einmal schlecht geht. Man kann sich auf nichts einstellen.

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„Die Pfleger setzen sich einem unglaublichen Infektionsrisiko aus.“
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Im letzten Dezember habe ich eine Mail bekommen, sie ging an alle Medizin-Studierenden in Gießen ab dem 5. Semester. Darin stand, dass jetzt unbedingt Hilfe gebraucht wird, weil sich die Lage zugespitzt hat. Ich habe mich direkt gemeldet.

Natürlich ist es von Vorteil, wenn man eine Vorausbildung hat. Ich habe keine und schaue, dass ich den Pflegekräften möglichst viel abnehme, damit sie mehr Zeit am Patientenbett haben. Ich fülle Pflegewagen auf, richte Medikamente her und mache Blutgasanalysen. Oder helfe dabei, die Schutzausrüstungen an- und ausziehen. Es ist enorm, was da auch verbraucht wird, aber notwendig. Die Pfleger setzen sich einem unglaublichen Infektionsrisiko aus. Deswegen sind sie dreilagig verpackt.

Anne Urban, Medizinstudentin und Aushilfe auf der Covid-Station der Uniklinik Gießen

Auf der Intensivstation ist es oft bedrückend, je nachdem wie es den Patienten geht. Den Corona-Patienten geht es nach wie vor nicht gut. Es gibt sehr viele beatmete Patienten.

Es ist immer schlimm und tragisch, wenn Patienten versterben. Vor allem nach so langer Zeit. Bei uns auf der Station bekommen sie oft eine wochenlange Maximaltherapie. Der Tod jüngerer Patienten nimmt mich besonders mit. Da stelle ich mir vor, dass ich das sein könnte. Oder mein Bruder.

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„Mir geht es nahe, wenn nach einem Todesfall die Familie kommt. Dann denke ich: Es geht uns alle an, ob jung oder alt.“
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Ich erinnere mich an einen ungefähr 30-jährigen Patienten. Da dachten wir, dass er es noch schafft, und haben gehofft. Dann hat sich das aber schlagartig, auch in einem Nachtdienst, verschlechtert. Er musste reanimiert werden und ist dann relativ schnell verstorben. Der junge Mann hatte auch keine Vorerkrankung, man wusste von nichts.

Mir geht es auch nahe, wenn die Familie dann kommt, sich alle verabschieden. In solchen Situationen denke ich: Es geht uns alle etwas an, ob jung, ob alt.

Ich spreche viel darüber, was ich auf der Station erlebe, auch mit den Pflegern dort. Es ist ein nettes Team. Teilweise wurde auch nachgefragt, wie es mir geht. Ob ich darüber reden will oder so etwas schon mal gesehen habe. Das wird gut und offen kommuniziert.

Ich mache mir keine Sorgen, mich auf der Station mit dem Coronavirus anzustecken. Es sind auch überall Antigen-Schnelltests verfügbar, ich kann mich immer testen lassen. In der Regel habe ich keinen direkten Patientenkontakt. Das ist nicht vergleichbar mit dem Stammpersonal, das dort arbeitet. Die sind täglich hautnah am Patienten.

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„Zu sehen, wie sich die Pflegekräfte abmühen, hat einen gewissen Frust auf mich übertragen.“
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Neulich hatte ich eine Nachtschicht, da waren alle Patienten stabil und endisoliert, also nicht mehr ansteckend, anders als bei meinen Diensten davor. Das heißt, die Schutzausrüstung war nicht mehr notwendig. Ich konnte in die Zimmer mitgehen, was für mich auch spannend war, so nah mit dran sein zu dürfen.

Die Arbeit hat mich nicht verändert. Aber dadurch, dass ich sehe, wie sich die Pflegekräfte abmühen, hat sich ein gewisser Frust auf mich übertragen. Ich kann es nicht verstehen, dass sich einige immer noch nicht impfen lassen.

Das geht nicht gegen die Leute, bei denen es medizinische Gründe gibt. Aber dass diejenigen, die es können, denen, die einen Einblick haben, nicht glauben, das finde ich schade. Es würde die Situation verbessern, da bin ich mir sicher, wenn sich mehr Leute impfen ließen.

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„Letzter Winter war eine andere Situation. Wir hatten keinen Impfstoff. Ich frage mich, ob manche Fälle heute nicht vermeidbar gewesen wären.“
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Bei uns sind in den allermeisten Fällen nur Ungeimpfte auf der Intensiv. Natürlich fragt man sich da manchmal, ob das nicht hätte verhindert werden können. Letzten Winter war es eine andere Situation. Wir hatten keinen Impfstoff. Für die Pflegekräfte war es auch eine andere Situation. Die haben sich dem Infektionsrisiko ausgesetzt. Rückblickend war es letzten Winter heftig.

Viele auch junge Pfleger sind motiviert, kämpfen sich durch die Pandemie. Für mich ist es verständlich, dass einige von ihnen mit dem Job aufhören. Manchmal frage ich mich, wie sie es schaffen, nach zwei Jahren Pandemie das noch durchzustehen. Das ist schon beeindruckend. Sie verdienen meinen größten Respekt.

Ich bin froh über den Einblick hier. Es ist wichtig zu wissen, wie schnell Situationen brenzlig werden können. Dass ich Arbeitsabläufe auf der Intensiv mitbekomme, bereichert mich. Ich denke, dass ich so später gewappneter bin, wenn ich meinen ersten Einsatz als Intensivärztin haben werde.

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„Für mich ist auch wichtig, dass ich mitbekomme, wie schnell Situationen brenzlig werden können.“
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Weil wir Studierenden immer das Feedback bekommen, dass es wichtig ist, was wir tun und die Hilfe gut gebraucht werden kann, habe ich nach wie vor Lust, hier zu helfen, und bin motiviert. Ich bin auch gern hier.

Im April habe ich Staatsexamen. Bis dahin möchte ich noch weitere Dienste machen. Dann geht es für mich ins Praktische Jahr. Dann bin ich erst mal nicht mehr hier. Freunde von mir und andere Studierende wollen sich aber diesen Winter noch melden."

Protokoll: Caroline Nützel

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