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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Studie zu sexualisierter Gewalterfahrung älterer Jugendlicher

Sujetbild sexualisierte Gewalt

Welche Erfahrung machen Jugendliche mit sexualisierter Gewalt? Eine hessische Studie an Berufsschulen kommt zu dem Ergebnis: Viele hat es schon getroffen - und oft sind die Täter im gleichen Alter.

Welche Erfahrungen machen Jugendliche mit sexualisierter Gewalt und wie viele Jugendliche sind von sexualisierter Gewalt betroffen? Um darüber repräsentative Daten zu erhalten, haben die Uni Marburg und die Uni Gießen in der dritten der sogenannte "SPEAK!-Studenreihe im Auftrag des Hessischen Kultusministeriums Schülerinnen und Schüler der Eingangsjahrgänge an beruflichen Schulen zu ihren Erfahrungen befragt.

Der Großteil der Befragten war zwischen 16 und 19 Jahre alt. In früheren Speak!-Studien an Regel- und Förderschulen waren bereits 14- bis 16-Jährige befragt worden.

Die am Freitag im Beisein von Kultusminister Alexander Lorz (CDU) vorgestellten Ergebnisse zeigen: Mehr als 40 Prozent der befragten Jugendlichen an beruflichen Schulen in Hessen haben körperliche sexualisierte Gewalt erlebt, ein Großteil davon mehrfach. Weibliche Jugendliche sind besonders stark betroffen. Gar 66 Prozent, zwei Drittel der Jugendlichen, haben ebenfalls meist wiederholt und verschiedentlich nicht-körperliche Formen sexualisierter Gewalt wie etwa verletzende sexuelle Kommentare oder Exhibitionismus erlebt.

Von "Antatschen" bis zur Vergewaltigung

Die Bandbreite von erlebter körperlicher sexualisierter Gewalt ist groß: Über die Hälfte (56 Prozent) der weiblichen Jugendlichen berichteten, gegen ihren Willen begrapscht ("angetatscht" worden zu sein. Bei den männlichen Jugendlichen waren es elf Prozent.

Jede vierte weibliche Jugendliche (25 Prozent) berichtete aber auch davon, dass jemand versucht habe, Geschlechtsverkehr zu erzwingen. Vier Prozent der männlichen Jugendlichen erlebten das auch. Und jede zwölfte weibliche Jugendliche (8 Prozent) hat nach eigenen Angaben eine Vergewaltigung mit vollzogenen Geschlechtsverkehr erlitten (1 Prozent der männlichen Jugendlichen).

Risiko-Orte für sexualisierten Gewalt

Das Hauptrisiko, körperliche sexualisierte Gewalt zu erleben, besteht nach Angaben der Befragten in einer anderen Wohnung beziehungsweise auf einer Party (61,1 Prozent), gefolgt vom öffentlichen Raum (54 Prozent) - aber auch der Schule (17,7 Prozent) oder der Betrieb (6,1 Prozent) werden unter anderem genannt.

Die meisten von körperlicher sexualisierter Gewalt Betroffenen (36,5 Prozent) geben eine fremde, männliche Person als Täter an. Weiters werden unter anderem der Bekannte (22 Prozent), der Freund (21 Prozent), der Ex-Partner (15,4 Prozent) oder der Mitschüler (11,4 Prozent) genannt. Die Erfahrungen von sexualisierter Gewalt nimmt im Vergleich zu den vorher untersuchten Alterstufen deutlich zu. Die Täter sind, wie in den Studien zuvor, vor allem annähernd Gleichaltrige.

"Gehört zur alltäglichen Erfahrungswelt"

Die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt seien in der Regel keine einmaligen; die allermeisten Jugendlichen erlebten dies wiederholt und mehr als eine Form, erläuterte Studienleiterin Sabine Maschke von der Uni Marburg.

Sie und ihr Kollege Ludwig Stecher von der Uni Gießen bilanzierten: "Die Ergebnisse zeigen in eindrücklicher Weise, dass sexualisierte Gewalt – in all ihren Formen, von der sexualisierten Beschimpfung bis hin zu körperlichen Formen sexualisierter Gewalt – zur alltäglichen Erfahrungswelt der Mehrheit der Jugendlichen gehört."

Nicht Schulform entscheidend

Es sei dabei nicht so entscheidend, welche Schulform besucht werde, sondern vielmehr das Alter und das Geschlecht: Je älter die Jugendlichen, desto ausgeprägter die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt.

Für die aktuelle Speak!-Studie wurden 1.118 Schülerinnen und Schüler der Eingangsjahrgänge an beruflichen Schulen in der ersten Jahreshälfte 2020 anonym befragt. Die mehrheitlich zwischen 16 und 19 Jahre alten Befragten hatten anonym einen standardisierten Fragebogen ausgefüllt.

Der Fragebogen sei von den Schülerinnen und Schülern mit großer Ernsthaftigkeit ausgefüllt worden, berichteten die Wissenschaftler. "Das ist nicht selbstverständlich und zeigt, dass die Fragen von großer lebensweltlicher Relevanz sind." Die Jugendlichen hätten wichtige Hinweise und Ratschläge für den Umgang mit sexualisierter Gewalt gegeben.

Schönheitsideal aus Pornos

Nicht zuletzt verweisen die Studienleiter auf den hohen Pornografiekonsum männlicher Jugendlicher. Zwei Drittel der Befragten gaben an, "öfter" Pornos anzuschauen. Etwa jeder vierte Dauernutzer findet nur noch solche Körper schön, die er in Pornos sieht. Oder er sagte, dass er immer mehr Pornos brauche.

Maschke und Stecher empfahlen für die Präventionsarbeit, zusätzlich zum möglichen sexuellen Missbrauch durch erwachsene Täter den Fokus verstärkt auf sexualisierte Gewalt zwischen Gleichaltrigen zu richten. Das Thema sollten an den Schulen stärker behandelt werden. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) kündigte spezielle Fortbildungen für Lehrer zu dem Thema an.

Sendung: hr-iNFO, 26.02.2012, 14.30 Uhr