Eine Gruppe von Jugendlichen steht auf einem Platz in einem ehemaligen Konzentrationslager, im Hintergrund ein Wachturm

Wie der Blick in einen Abgrund: Für die junge Generation Z ist die Nazi-Zeit ähnlich faszinierend wie True Crime. Zu diesem Ergebnis kommt eine psychologische Studie im Auftrag der Arolsen Archives.

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Generation Z interessiert an NS-Zeit

hessenschau vom 25.01.2022
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Abschreckend und anziehend zugleich - so wirkt die Zeit des Nationalsozialismus auf die sogenannte "Generation Z". Wie eine Studie des Kölner Rheingold-Instituts im Auftrag der Arolsen Archives in Bad Arolsen (Waldeck-Frankenberg) ergab, interessieren sich die 16- bis 25-Jährigen mehr für die Nazi-Zeit als die Generation ihrer Eltern.

75 Prozent der Befragten gaben an, die Geschichte des Holocausts interessant zu finden. In der Gruppe der 40- bis 60-Jährigen waren es nur 66 Prozent.

Eine große Rolle spiele dabei das Gefühl, keine persönliche Schuld zu tragen. Im Vergleich zu früheren Generationen könnten die 16- bis 25-Jährigen unvoreingenommener und befreiter auf die NS-Zeit blicken.

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Die Arolsen Archives

Die Arolsen Archives sind ein internationales Zentrum, das sich mit der Verfolgung von Menschen in der NS-Zeit beschäftigt. Sie sind nach eigenen Angaben das weltweit umfassendste Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Sammlung gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

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Starker Bezug zu gegenwärtigen Problemen

Die "Generation Z" sieht der Studie zufolge auch "einen starken Zusammenhang zwischen Geschichte und Gegenwart". Sie verbinde die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus mit akuten gesellschaftlichen Problemen wie Rassismus und Diskriminierung.

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Studie: Junge Menschen und die NS-Geschichte

Eine Gruppe von Jugendlichen steht auf einem Platz in einem ehemaligen Konzentrationslager, im Hintergrund ein Wachturm
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So äußerten in der Befragung 39 Prozent der 16- bis 25-Jährigen, dass Rassismus in der heutigen Gesellschaft für sie eines der wichtigsten Probleme sei. Bei den 40- bis 60-Jährigen nannten dagegen nur 14 Prozent der Befragten Rassismus als wichtiges Thema.

Die Monstrosität der NS-Verbrechen löst laut der Studie bei den jungen Erwachsenen eine Mischung aus Faszination und Angst aus. Für sie sei der Nationalsozialismus noch stärker als für ihre Eltern ein extremes Gegenbild zur heutigen Welt.

Die Konfrontation mit der NS-Zeit habe geradezu den Charakter einer Mutprobe. Die Studie vergleicht die Faszination dafür mit dem Phänomen "True Crime" - also Literatur oder Filme, die sich mit echten Verbrechen beschäftigen.

Interesse auch an Tätern

Die "Generation Z" wolle auch über die Täterseite informiert werden, sagte Rheingold-Chef Stephan Grünewald der Nachrichtenagentur dpa. "Sie fragen sich in dem Zusammenhang: Was hätte ich damals getan? Hätte ich vielleicht auch meine jüdischen Nachbarn verraten? Das macht einerseits Angst, weil man sich da selbst vielleicht unliebsame Wahrheiten eingestehen muss. Es immunisiert aber auch."

In den Tiefeninterviews sei eine "unheimliche Faszination" des Themas spürbar gewesen. Es gebe mitunter sogar die Befürchtung, nach einer intensiven Auseinandersetzung damit nicht mehr derselbe Mensch zu sein: "Man blickt in einen Abgrund und weiß nicht, was dieser Abgrund mit einem macht", sagte der Psychologe.

Repräsentative und tiefenpsychologische Studie

"Ich nehme in den Ergebnissen der Studie bei den Jugendlichen eine große Offenheit, Neugier und Freiheit im Denken wahr", sagte Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives. "Heute erlebt diese Generation, dass Demokratien in Gefahr geraten können. Ich finde es sehr gut nachvollziehbar, dass Erinnerung für sie mit dem Blick in ihre eigene Lebenswelt verbunden ist, in der populistische, autoritäre und intolerante Stimmen immer lauter zu hören sind."

Für die Studie wurden insgesamt 100 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 16 und 25 Jahren sowie Erwachsene im Alter zwischen 40 und 60 Jahren tiefenpsychologisch befragt. In einer anschließenden quantitativen Erhebung wurden noch einmal 1.058 Jugendliche und Erwachsene befragt.

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