Fünf Portraits der Protagonistinnen und Protagonisten Kyra, Octavian, Lilly, Ramin und Tim.

Studierende haben es während der Pandemie nicht leicht. Corona ist für viele inzwischen zur psychischen Belastung geworden, aber auch Geldsorgen und Leistungsdruck sind Teil ihrer Lebensrealität. Fünf von ihnen berichten aus ihrem Alltag.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Studieren in Zeiten von Corona

Hörsaal der Uni Kassel - Studierende in großem Abstand - alle tragen Mundschutz
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Virtuelle Kennenlern-Spiele statt WG-Partys

Lilly Stöckeler (23 Jahre) studiert Anglophone Studies im ersten Semester an der Justus-Liebig-Universität in Gießen.

"Als Erstsemester fällt es einem derzeit vor allem schwer, Leute kennenzulernen. Ich bin von Bayern nach Gießen gezogen und kenne daher niemanden - bis auf meine WG-Mitbewohnerin. Mit ihr verstehe ich mich auch super. Würde es sie nicht geben, hätte ich bestimmt längst einen Lagerkoller. Klar, die Universität versucht uns schon zu helfen, beispielsweise indem sie Videokonferenzen zum Kennenlernen organisiert. Aber ganz ehrlich, diese Veranstaltungen sind schon ein bisschen traurig. Ich bin halt jemand, der gerne im echten Leben auf Menschen zugeht. Aber dann gezwungenermaßen in Videokonferenzen Kennenlern-Spiele zu spielen oder mit einem Bier virtuell anzustoßen, das ist nicht unbedingt das, was man sich unter dem Studentenleben vorstellt.

Lilly Stöckeler

Auch das Studieren an sich ist eine Herausforderung. Das größte Problem ist für mich das Lernen von zu Hause. Man ist total schnell abgelenkt, ich glaube um einiges schneller, als wenn man tatsächlich in einem Vorlesungssaal sitzt. Vor allem wenn wir schwierigere Themen besprechen, wäre es cool, wenn man sich einfach im Vorlesungssaal zum Nachbarn drehen und fragen könnte 'und, hast du verstanden, was sie gerade gesagt hat?'. Wenn man dann jedoch mit 200 Leuten in so einer Videokonferenz sitzt und keiner die Kamera an hat, dann fühlt sich das nicht so an, als würde man studieren.

Diese berühmt-berüchtigten WG-Partys, das Rumhängen auf dem Campus oder das gemeinsame Lernen - all das würde ich auch gerne erleben. Das zweite Semester wird wahrscheinlich genauso sein, das dritte kann man noch nicht so wirklich vorhersagen. Wenn ich das mal so betrachte, wirkt es so, als wäre mein halbes Studium fast vorbei, bis ich endlich auch mal erlebe, was es heißt, eine Studentin zu ein. Das ist echt frustrierend."

Staatsexamen: "Irgendwie muss es ja klappen"

Octavian Socolan (26) studiert Zahnmedizin im 10. Semester an der Goethe-Universität in Frankfurt.

"In knapp drei Wochen werde ich mein Staatsexamen schreiben. Hoffentlich, wenn alles gut geht. Denn im ersten Teil des zahnmedizinischen Examens brauchen wir freiwillige Patienten, an denen wir Füllungen und Wurzelbehandlungen durchführen können. Die Suche nach solchen Patienten ist ziemlich schwierig. Schon vor der Pandemie haben sich kaum Freiwillige gefunden, durch Corona haben viele potenzielle Testpersonen natürlich noch mehr Ängste, sich im Rahmen unseres Staatsexamens behandeln zu lassen. Viele fürchten, dass sie sich anstecken könnten, obwohl wir Schutzkleidung tragen und ein Hygienekonzept vorweisen können.

Octavian Socolan

Natürlich hilft uns auch die Universität Testpersonen zu finden. Am Ende müssen wir jedoch trotzdem zusätzlich freiwillige Patienten akquirieren, das war schon immer so und ist auch in diesem Wintersemester wieder der Fall. Ich frage derzeit in meinem näheren Umfeld und bei Freunden nach. Außerdem habe ich eine Arztpraxis bei mir in der Nähe kontaktiert, ob sie Patienten fragen, die sich das vorstellen können. Was passieren sollte, wenn ich nicht genügend Freiwillige finde? Das weiß ich nicht so richtig und das ist auch das, was mich ein bisschen beunruhigt. Und man muss sich vorstellen: Wir haben beim Staatsexamen auch nur zwei Versuche. Sollten die nicht klappen, habe ich fünf Jahre umsonst studiert.

Alles in allem glaube ich aber schon, dass das Examen klappen wird. Ich habe auch das Gefühl, dass die Dozenten und Professoren sich Gedanken dazu gemacht haben und auf unserer Seite stehen. Am Ende könnte es auch sein, dass wir Studierende einen Teil der Aufgaben vielleicht an einem sogenannten Phantomkopf durchführen dürfen. Das ist nichts anderes als ein Dummy, an dem wir Studierende ebenfalls Füllungen und Wurzelbehandlungen durchführen können. Bei den Studierenden, die im letzten Semester ihr Examen hatten, wurde das so gehandhabt. Damals wurde ganz auf freiwillige Testpersonen verzichtet. Zwar soll es dieses Mal anders sein, aber mal sehen, wie viele Freiwillige sich finden lassen. Ich habe bisher noch keine Patienten. Ein bisschen mulmig ist mir dabei schon, aber irgendwie muss es ja klappen."

Studieren mit Familie: Ausgaben auf das Nötigste minimiert

Ramin Mahbubie (34 Jahre) studiert Berufspädagogik mit Fachrichtung Metalltechnik, Politik und Wirtschaft an der Universität in Kassel.

"Bei mir ist es ein bisschen anders als bei den meisten anderen Studenten, da ich mit meiner Frau und meinen zwei Kindern zusammenlebe. Seitdem wir uns im Lockdown befinden, ist es für mich sehr schwierig zu studieren. Meine beiden Kinder sind die meiste Zeit zu Hause, auch meine Frau arbeitet aus dem Homeoffice heraus. Dienstags, mittwochs und donnerstags habe ich von 10 bis 18 Uhr eigentlich Uni-Seminare. Das ist jedoch schwierig, da mein Sohn ebenfalls Homeschooling-Unterricht hat und daher meinen Laptop benutzen muss. Den gebe ich ihm natürlich sehr gerne, da ich nicht möchte, dass er in der Schule nicht mehr hinterherkommt. Für mich macht es das jedoch umso schwieriger. Wirklich zu lernen, schaffe ich im Alltag oft nur, wenn die Kinder mal spielen oder abgelenkt sind.

Ramin Mahbubie und Kinder

Darüber hinaus ist mein Nebenjob durch die Pandemie weggebrochen. Freitags und samstags war ich immer unterwegs und habe nebenbei als Promoter im Einzelhandel gearbeitet. Dadurch, dass nun der komplette Einzelhandel schließen musste, ist diese Einnahmequelle komplett weggebrochen. Das ist schon die Hälfte unserer Einkünfte, die gerade wegfallen. Wir haben unsere Ausgaben daher auf das Nötigste minimiert. Auf Sparflamme - quasi.

Ich würde mir wünschen, dass die Infektionszahlen weiter abnehmen, sodass Schulen, Geschäfte und Unis wieder öffnen können. Ich wünsche mir aber auch, dass die Politik mit dem Impfen vorankommt. Erst war die Rede davon, dass niemand sich impfen möchte. Nun sind die Leute bereit sich impfen zu lassen, aber es gibt einfach nicht genügend Impfstoff. So wird sich auch an meiner Situation erst mal nichts ändern."

Präsenzprüfungen trotz Infektionsrisiko

Tim Lange (21 Jahre) studiert Informatik im 7. Semester an der TU Darmstadt.

“Mich stört vor allem die derzeitige Prüfungssituation. Prüfungen finden bei uns immer noch größtenteils als Präsenzveranstaltungen statt, obwohl sie dank einer Verordnung im Januar auch online durch alternative Prüfungsformen ersetzt werden könnten. Dadurch müssen wir Studierende uns weiterhin der Infektionsgefahr aussetzen, gemeinsam mit Hunderten in einem Vorlesungssaal zu sitzen und Prüfungen zu schreiben. Auch die Anfahrt zur Uni - oft in voll besetzten Bussen und Zügen - ist ein großes Infektionsrisiko, das aus meiner Sicht unnötig ist.

Tim Lange

Das Problem ist, dass sich nicht genügend Gedanken im Vorhinein gemacht wurden. Bereits im November hätte man ahnen können, dass "normale" Prüfungen wahrscheinlich schwer machbar sein werden. Anstatt frühzeitig Pläne auszuarbeiten und die Studierenden zu informieren, wurde bis in den Januar hinein gewartet. Dann wurde den Professoren zwar die Möglichkeit gegeben, ihre Klausuren auch durch digitale, alternative Prüfungsformen zu ersetzen, allerdings war es da schon viel zu spät. Viele Dozenten hatten bereits ihre Prüfungen konzipiert, andere - so erzählen es viele Studierende - hatten gar nicht mitbekommen, dass nun auch die Möglichkeit einer Online-Prüfung besteht. Außerdem bedeutet eine Online-Prüfung für die Professoren auch mehr Transferaufgaben, weniger Reproduktion. Das führt allerdings auch dazu, dass es für die Dozenten und ihre studentischen Mitarbeitender länger dauert, Klausuren zu kontrollieren. Auch das führt dann am Ende dazu, dass Klausuren weiterhin in Präsenz geschrieben werden und wir einem Infektionsrisiko ausgesetzt sind."

Studierende mit unterschiedlichsten Problemen

Kyra Beninga (26 Jahre) studiert gymnasiales Lehramt für Politik, Wirtschaft und Deutsch im 8. Semester und ist Vorsitzende des AStA in Frankfurt.

"Uns als AStA erreichen derzeit sehr viele Anfragen zu vielen verschiedenen Bereichen der Studierenden. Ein großer Punkt sind natürlich finanzielle Sorgen. Viele Studierende hatten Nebenjobs in der Gastronomie oder im Einzelhandel - die fallen jetzt weg. Auch das Thema BAföG-Anspruch und Soforthilfen ist wichtig. Außerdem gibt es Studierende, die durch die Corona-Beschränkungen auch psychische Probleme haben.

Kyra Beninga

Dann gibt es bei uns sehr viele, für die es einfach eine erhöhte Arbeitsbelastung innerhalb ihres Studiums gibt. Eigentlich sollte es gerade im Pandemie-Semester eine geringere Arbeitsbelastung geben. Das ist jedoch unserer Meinung nach nicht der Fall. Studierende müssen zum Teil Referate und schriftliche Ausarbeitungen abgeben, nur um einen Teilnahmeschein zu bekommen und um danach an Prüfungen teilnehmen zu dürfen.

Ein weiteres großes Thema: Praktikumsplätze. Bei uns melden sich Studierende, die sagen 'Wir kriegen nur Absagen, obwohl wir tolle Zeugnisse vorzuweisen haben' und von ihren Qualifikationen her eigentlich überhaupt keine Probleme haben sollten, einen Praktikumsplatz zu finden. Aber viele Betriebe haben gerade Homeoffice, können gar keine Praktikantinnen und Praktikanten einlernen und lehnen dann eben aufgrund der Pandemie und den Beschränkungen die Studierenden ab. Manche Studierende können sich auch andere studentische Aktivitäten anrechnen lassen. Bei vielen sieht es aber am Ende so aus, dass sie länger studieren müssen, als sie eigentlich geplant hatten.

Alles in allem denke ich schon, dass den Studierenden noch besser geholfen werden könnte, sowohl vom Land als auch von den Universitäten. Wir würden uns wünschen, mehr Planungssicherheit zu haben. Beispielsweise frühzeitig zu wissen, ob Prüfungen in Präsenz oder online stattfinden. Außerdem sollte es eine bessere Soforthilfe für Studierende geben. Maximal 500 Euro in einer Stadt wie Frankfurt, wo bereits das WG-Zimmer im Schnitt mehr kostet, sind utopisch.

Man fühlt sich so ein bisschen, als würde man gegen Windmühlen kämpfen. Wir hatten zwar Gespräche mit der Landesregierung und der Universität, allerdings ist es schwer, große Verbesserungen zu erzielen."

Sendung: hr4, 05.02.2021, 16.30 Uhr