Es geht nicht nur um geschlossene Mensen und geänderte Bibliotheks-Öffnungszeiten: Für viele Menschen, die in Hessen studieren, bedeutet die Corona-Krise auch persönlich massive Einschränkungen. Hier erzählen vier von ihnen ihre Geschichte.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Studieren in Zeiten von Corona

Ein Collegeblock in einem Hörsaal der Universität Kassel.
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Formal startet an diesem Dienstag an der Uni Gießen die Präsenzphase - aber davon wird kaum jemand etwas mitbekommen. Denn nach wie vor sollen so viele Veranstaltungen wie irgend möglich digital stattfinden. Nicht nur in Gießen setzt sich damit ein ohnehin schon sehr eigenartiges Semester fort - das diejenigen, die an den Hochschulen studieren, zum Teil vor echte Herausforderungen stellt.

"Ich kenne noch keinen einzigen Kommilitonen persönlich"

Marius Oldenschläger (21), studiert Soziale Arbeit im 1. Semester an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Marius Oldenschläger.

"Ich studiere seit Mitte April, aber habe noch keinen einzigen meiner 40 Kommilitonen persönlich getroffen. Alle Uni-Veranstaltungen finden digital statt, etwa über Zoom, mit meinen Kommilitonen kommuniziere ich über Whatspp. An der Uni war ich nur ein einziges Mal, wurde nach zehn Minuten wieder nach Hause geschickt.

Ohne Corona hätte ich meine ganzen Kommilitonen schon kennengelernt, wir hätten beispielsweise Ersti-Partys veranstaltet oder wären auch mal gemeinsam was trinken gegangen. Wie man das so aus der Schule kennt, hätten sich beispielsweise die ersten Freundesgruppen gebildet, das fehlt mir komplett.

Zuhause konzentrieren kann ich mich gut, aber mir fehlt dieser 'offizielle Charakter', das Campus-Feeling. Ich pendle ja nicht zur Fachhochschule, sitze nicht in den Vorlesungen, aber ich bräuchte das irgendwie. Ich befürchte, dass es im zweiten Semester nicht leichter wird, weil wir dann unterschiedlichere Module belegen werden und die Uni plant, die Online-Vorlesungen im Wintersemester weiterzuführen."

"Ich vermisse es, in die Uni zu gehen"

Hülya (26, Name geändert), studiert im 3. Semester Wirtschaftsjura an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Hülya.

"Von meinen Kommilitonen habe ich noch keinen einzigen persönlich getroffen, weil ich zum Sommersemester von Mannheim nach Frankfurt gewechselt bin. Meine sozialen Kontakte habe ich auf null runtergefahren, um meine Familie vor Corona zu schützen. Meine Schwester und mein Vater gehören wegen Herzerkrankungen zur Risikogruppe. Mein Großonkel liegt seit neun Wochen auf der Intensivstation  wegen Corona. Seitdem fühlt sich die Lage noch bedrohlicher und realer an, vor allem weil mein Onkel erst 55 ist, keine Vorerkrankungen hatte und auch nicht zur Risikogruppe gehört. 

Dass alle Uni-Veranstaltungen digital stattfinden ist okay für mich, aber ich vermisse es natürlich, in die Uni zu gehen. Hinzu kommt: Seit meine Eltern im Home-Office sind, bricht bei uns zuhause immer wieder die Internetverbindung zusammen."  

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Das erste Semester für Studierende in Hessen

Im Jahr 2019 haben knapp 45.000 Personen ein Studium in Hessen aufgenommen. Abschließende Zahlen für das laufende Sommersemester 2020 liegen dem statistischen Landesamt in einigen Wochen vor. Laut einer hr-Umfrage sind es je nach Größe der Hochschule zwischen 1.000 und 3.000 Erstsemester.

Viele Universitäten und Fachhochschulen melden, dass ihr Lehrbetrieb derzeit weit entfernt sei von einem normalen Präsenz-Lehrbetrieb. So wird etwa in Gießen das Sommersemester “maximal digital“ abgehalten. An der Uni Frankfurt fänden lediglich Prüfungen unter Hygiene- und Abstandsregeln vor Ort statt, auch Bibliotheken seien inzwischen wieder eingeschränkt geöffnet, sagt Pressesprecher Olaf Kaltenborn. Es sei empfohlen worden, die Lehre auch im Wintersemester 2020 digital zu planen.

Detlev Reymann, Präsident der Hochschule Rhein-Main, sagt, es sei den Dekanaten bewusst, dass ein Studienstart unter "Corona-Bedingungen" vor allem für junge Menschen besonders herausfordernd sei.

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"Finanziell hing ich erst mal komplett in der Luft"

Ole Schuldt (30), studiert Erziehungswissenschaften an der Philipps-Universität Marburg.

Ole Schuldt.

"Mir sind durch die Corona-Pandemie rund 60 Prozent meiner Einnahmen weggebrochen. Normalerweise gebe ich auf Honorarbasis Seminare für junge Menschen, die beim Deutschen Roten Kreuz Freiwilligendienst leisten. Jetzt, da die Kurse nicht stattfinden, verdiene ich nichts. Außerdem begleite ich einen behinderten Jungen im Rahmen der Familienunterstützung – auch das geht seit Mitte März nicht mehr.

Das heißt, ich hing zunächst mal in der Luft, weil Fixkosten wie Miete und Krankenversicherung ja weiter laufen. Als Student habe ich schon vor Corona immer knapp kalkuliert. Jetzt, ohne Nebenjob und ohne eine Aussicht, wann wieder Geld reinkommt, ist es noch viel schwieriger. Meinen Anspruch auf Bafög habe ich verloren, weil ich über der Regelstudienzeit liege, ich bin im 10. Semester. Und meine Mutter kann jetzt auch nicht mal eben 1.000 Euro locker machen.

Meine Großeltern haben mir mit ein paar hundert Euro über den April geholfen. Und dann hat eine Kommilitonin mir einen zinsfreien Kredit von 1.500 Euro gewährt. Das hilft mir total, zum Teil ist ja noch gar nicht klar, wann ich wieder Geld verdienen kann. Zusätzlich zu den Bafög-Schulden und dem Bildungskredit weitere Schulden machen zu müssen, belastet mich aber.

Von der Politik fühle ich mich vergessen. Bisher gab es nur vom Land ein Soforthilfeprogramm, aber das Geld war so schnell weg, dass längst nicht alle überhaupt was bekommen haben. Bei den anderen waren es teilweise auch nur 100 oder 200 Euro - besser als nichts, aber natürlich überhaupt kein Ausgleich für die fehlenden Einnahmen seit zweieinhalb Monaten. Auf Bundesebene wurde im Mai zwar die Beantragung von zinsfreien Darlehen über die KfW-Förderbank ermöglicht, das ist aber viel zu spät. Das erste Geld soll im Juni auf den Konten landen."

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Finanzprobleme im Studium durch Corona

Laut einer Sozialerhebung der Deutschen Studierendenwerke finanzieren sich rund 61 Prozent der Studierenden in Deutschland durch einen Nebenjob. Bei den allermeisten dürften diese Nebentätigkeiten jetzt weggebrochen sein. Die Sozialberatungsstellen der hessischen Universitäten und Hochschulen verzeichnen einen Anstieg der Anfragen von rund 30 Prozent. Etwa 70 Prozent davon befassen sich mit Geldsorgen durch die Corona-Pandemie.

Die Philipps-Universität in Marburg hat einen Nothilfefonds für Studierende eingerichtet. Dort sind mittlerweile rund 50.000 Euro an Spenden eingegangen. Mehr als 250 Studierende haben bereits einen Antrag gestellt und bekommen im Schnitt 200 Euro ausgezahlt.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat außerdem Soforthilfen in Höhe von 100 Millionen Euro angekündigt. Der freie Zusammenschluss der Student*innenschaft hat in einer Mitteilung diese Maßnahme empört als zu spät, unzureichend und zu bürokratisch zurückgewiesen und die Entlassung der Bundesbildungsministerin gefordert.

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"Als Studentin mit Kindern werde ich durch Corona mindestens ein Semester länger studieren"

Lena Collette, 28, studiert Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Außerschulische Bildung im Bachelor an der Universität Gießen (6. Semester) und ist Mutter von zwei Kindern (1 und 3 Jahre).

Lena Collette.

"Ich hatte gerade ein Vollzeit-Praktikum in einer Tagesstätte für psychisch Erkrankte angefangen, als die Kitas geschlossen wurden. Das hieß für mich dann: Praktikum abbrechen, um die Kinder zu betreuen, die eben erst in Krippe und Kindergarten eingewöhnt waren. Davor hat uns meine Mutter in der Kinderbetreuung unterstützt, aber das geht jetzt ja nicht mehr.

Die Uni ist mir zwar entgegengekommen und hat mir eine vorherige Arbeit als Praktikum anerkannt. Dennoch werde ich mindestens ein Semester länger studieren, weil ich die Kinder betreue und dadurch weniger Zeit für Studium und Bachelorarbeit habe als geplant. Und womöglich heißt das, dass ich doch keinen Master mache; wir sind als Familie ja auch darauf angewiesen, dass ich irgendwann mal Geld verdiene.

Mein Mann arbeitet in Vollzeit als Koch hier in Gießen. An seinen beiden freien Tagen versuche ich jetzt, so viel wie möglich für die Uni zu machen, denn wenn ich den ganzen Tag lang Kinder betreut habe, bin ich abends meistens zu müde zum Arbeiten. Aber ich komme trotzdem zeitlich nicht hin. In diesem Semester belege ich drei Seminare, alle online, an drei verschiedenen Tagen. An einem kann ich also nicht teilnehmen, sondern muss mir das im Nachhinein erarbeiten. Ich gehe davon aus, dass sich meine Noten jetzt verschlechtern, aber wichtiger ist, dass ich endlich fertig werde.

Ich glaube, die soziale Umstellung durch Corona fällt anderen mehr auf als mir. Mein Tag ist ohnehin strukturiert - um halb sieben aufstehen, um zwölf Mittagessen, das hat sich nicht geändert. Aus Versehen mal bis mittags schlafen, wie andere, kann mir nicht passieren. Und abends feiern war ich auch schon vorher kaum."

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Studieren mit Kind

Nach einer Erhebung im Auftrag des Deutschen Studentenwerks hatten im Jahr 2016 rund 7 Prozent der Studentinnen und 5 Prozent der Studenten in Hessen mindestens ein Kind, das in aller Regel auch bei ihnen im Haushalt lebte. Einige der vielfältigen Angebote für sie, etwa die flexible Kinderbetreuung "Flying Nannies" an der Uni Kassel oder die Sommerferienbetreuung an der Uni Marburg, wurden nun abgesagt. Seit Anfang Mai haben zumindest alleinerziehende Studentinnen und Studenten Anspruch auf Notbetreuung.

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Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version hatte es geheißen, dass Lena Collette ein Semester länger studiert, weil sie ihr abgebrochenes Praktikum nachholen muss. Auf Hinweis einer Mitarbeiterin der Universität Gießen stellte sich heraus, dass ihr eine andere Tätigkeit ersatzweise als Praktikum anerkannt wird. Die Mitarbeiterin schreibt: "Somit kann ich mit Sicherheit sagen, dass der Studentin, wie von Ihnen beschreiben, kein Nachteil (in Bezug auf das Praktikum) entstehen wird." Zudem haben Collettes Kinder seit Anfang Juni in Gießen Anspruch auf Betreuung. Dennoch wird sich ihr Studium verlängern, da sie z.B. durch die wochenlange Kinderbetreuung weniger Zeit als geplant für ihre Bachelorarbeit zur Verfügung hatte.

Aufgezeichnet von Anna Dangel, Anna Spieß und Bodo Weissenborn.

Sendung: hr4, Die hessenschau für Mittelhessen, 02.06.2020, 15.30 Uhr