Ein kleines Zimmer in einer Unterkunft für Wohnungslose.

Die Stadt Frankfurt muss Menschen unterbringen, die keine Wohnung finden. Diese Aufgabe hat sie einem evangelischen Verein übertragen, offenbar ohne ausreichende Kontrolle.

"Abreißen und neu bauen" - das ist alles, was Denis Rahman zu seiner Bleibe einfällt. Er heißt in Wirklichkeit anders, genau wie Thorsten Malik. Beide haben keine eigene Wohnung. Sie wurden von der Stadt Frankfurt zusammen mit 25 weiteren Männern in einer Unterkunft am Rande Frankfurts untergebracht. Dafür ist Malik dankbar. Aber mit der Art der Unterbringung ist er nicht einverstanden: "Das ist menschenunwürdig."

Ihre Bleibe ist eine Baracke in einem Industriegebiet neben einem Autobahnkreuz. In einer Lagerhalle nebenan hat es Anfang Februar gebrannt. Die Hitze war so groß, dass auch in ihrem Haus Scheiben von Türen und Fenstern geplatzt sind. Lichtschalter sind geschmolzen. Bis heute ist ein Großteil der Schäden nicht repariert.

Schockierende Zustände in der Unterbringung

Reporter des hr wiesen die Verantwortlichen Mitte März auf die Missstände hin. Vergeblich. Der Besitzer der Immobilie verweist auf den Pächter. Der reagiert barsch. Er behauptet, neue Fenster seien bestellt und würden bald eingebaut. Aber jetzt, fast drei Monate nach dem Brand, ragen immer noch Glasscherben aus den Fensterrahmen.

Wie kann die Stadt das tolerieren? Die Bauaufsicht erklärt auf Anfrage, sie wisse nichts über die Unterkunft. In einem Industriegebiet dürften Menschen nur mit einer Sondergenehmigung untergebracht werden. Ob die vorliege, wisse man auch nicht. Die Bauaufsicht sei dafür auch nicht zuständig. Auch das Ordnungsamt kann nicht weiterhelfen: Im Gewerberegister ist unter der angegebenen Adresse gar kein Beherbergungsbetrieb gemeldet.

Beschädigte Fenster, aufgeworfenes Welldach, Sperrmüll im Hof: Obdachlosenunterkunft am Rande Frankfurts

Evangelischer Verein vermittelt Unterkünfte

Verantwortlich für die Unterbringung Wohnungsloser ist das Sozialdezernat der Stadt. Das Dezernat erklärt, die Unterbringung sei zwar eine städtische Aufgabe. Aber die Anmietung und die Koordinierung der Unterkünfte übernehme die Stadt nicht selbst. Diese Aufgabe, die "zentrale Vermittlung von Unterkünften", sei seit 1993 an den Evangelischen Verein für Wohnraumhilfe mit Sitz in Frankfurt vergeben.

Über diesen Verein ist öffentlich wenig bekannt. Vorsitzender ist Michael Frase, der Leiter des Diakonischen Werks in Frankfurt. Von seiner Struktur her wirkt der Verein wie ein Unternehmen. Denn er hat nur zwölf Mitglieder, aber rund 100 Angestellte. Und er koordiniert ein millionenschweres Geschäft. 86 Millionen Euro Steuergeld hat die Stadt im vergangenen Jahr für die Unterbringung von rund 8.000 Wohnungslosen ausgegeben.

Trotzdem veröffentlicht der Verein weder Geschäftsberichte noch Jahresabschlüsse. Fragen des Hessischen Rundfunks lässt er größtenteils unbeantwortet. Von wem und zu welchen Konditionen er die Unterkunft im Industriegebiet gemietet hat, bleibt unklar. Klar ist nur: Weder die Stadt noch der Verein schreibt die Unterbringungen öffentlich aus.

Vermieter will Schäden endlich beheben lassen

Die Bewohner berichten, dass das Sozialamt für ihre rund acht Quadratmeter großen Zimmer pro Monat über 900 Euro an den Vermieter überweist - "Mondpreise", wie sie sagen. Bei rund 25 Bewohnern würden damit jährliche Mieteinnahmen von rund einer Viertelmillion Euro erzielt. Der Pächter behauptet allerdings, derzeit sei die Miete wegen der Schäden gemindert.

Der Evangelische Verein macht zur Miete keine Angaben. Zum Zustand des Hauses teilt der Verein auf wiederholte Nachfrage jetzt mit: "Die Fenster sollen in den kommenden zwei Wochen geliefert und eingebaut werden." Auch das durch den Brand beschädigte Dach werde ausgebessert.

Thorsten Malik und Denis Rahman können solchen Versprechungen kaum noch glauben. In einer Bruchbude mit zersprungenen Fenstern, zwischen Autobahnkreuz und abgebrannter Lagerhalle, wirken sie verzweifelt und wollen einfach nur noch weg. Aber eine eigene Wohnung finden sie eben nicht.

Sendung: hr-fernsehen, defacto, 27.04.2020, 20.45 Uhr