Männer und Frauen stehen vor einem leeren Ladengeschäft. Mit buntem Klebeband bekleben sie ein Schaufenster.

Mit dem Projekt "Summer of Pioneers" lockte Homberg (Efze) in diesem Sommer 20 Großstädter aufs Land. Der Plan: Den Ort mit ihren frischen Ideen attraktiver machen für Zugezogene und Alteingesessene. Was - und wer - bleibt nach dem halben Jahr?

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Es waren einmal 20 Menschen, denen das Leben in der Großstadt zu eng und stressig wurde und die sich nach Idylle und Natur sehnten. Sie zogen aus, um ein Experiment zu wagen: Landleben auf Probe.

Das ist nicht etwa der Beginn eines modernen Märchens, sondern ein Projekt der Stadt Homberg (Efze). Im Rahmen des "Summer of Pioneers" hat sie Kreativ- und Digitalschaffenden aus der Großstadt einen Sommer auf dem Land ermöglicht. Der Deal: Die Städter bekommen günstige, möblierte Wohnungen nahe dem Homberger Marktplatz zur Verfügung gestellt - Internet-Flatrate, ein neu eingerichteter Coworking-Space und ein Gemeinschaftsgarten inklusive. Im Gegenzug bringen sie Ideen mit, die die Stadt beleben sollen. Am besten nachhaltig.

Mit frischen Ideen gegen Leerstand in der Innenstadt

Die Hoffnung der Projektverantwortlichen: mehr Kultur, weniger Leerstand - und ein Erkenntnisgewinn zur Frage, was Städter am Landleben attraktiv finden und was nicht. 120 Menschen bewarben sich, um Teil des Projekts zu werden.

Ausgewählt wurden schließlich 20 "Pioniere", etwa aus Berlin, Jena, dem Rhein-Main-Gebiet und Hamburg. Von Mai bis Oktober lebten sie in dem beschaulichen Städtchen im Schwalm-Eder-Kreis. Tagsüber gingen sie ihren Jobs nach - digital, versteht sich. Nach Feierabend entwickelten sie gemeinsam Ideen, wie wieder mehr Leben in die etwas eingeschlafene Homberger Innenstadt kommen könnte.

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Die Stadt finanzierte das Projekt unter anderem aus Mitteln der Stadtentwicklung und durch Sponsorengelder, etwa des lokalen Energie-Dienstleisters. Über die genauen Kosten hält man sich bedeckt. "Man darf das nicht als ein in sich geschlossenes Projekt sehen", sagt Bürgermeister Nico Ritz (parteilos) auf Nachfrage. Vielmehr sei es Teil eines ohnehin laufenden Stadtentwicklungsprozesses.

Fast die Hälfte bleibt in Homberg

Ende Oktober ist der Pionier-Sommer geendet. Zumindest offiziell. Denn acht der Teilnehmer wollen in Homberg bleiben. Christina Schmelzle-Böhm und ihr Mann Julian zum Beispiel. Vorher lebten sie in Frankfurt. Sie arbeitete als Aufnahmeleiterin beim Fernsehen, er als Kameramann.

Ein Mann und eine Frau stehen auf einer Terrasse. Hinter ihnen sind Fachwerkhäuser zu sehen.

Aber schon länger fragte sich das Paar: Was wollen wir eigentlich vom Leben? "Wenn ich die Hälfte meiner Zeit damit verbringe, nur Geld zu verdienen, um die Miete zu zahlen, dann habe ich gar nicht mehr so viel Energie, um mich den eigentlichen Dingen, mit denen ich mich verwirklichen möchte, zu widmen", findet Julian Schmelzle.

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Das Paar kündigte seine Wohnung in der Stadt, Christina sogar ihren Job - ohne zu wissen, was sie in Homberg erwartet. Nach nur einer Woche fand sie eine neue Aufgabe: auf einem Biohof in der Nähe von Homberg. Mittlerweile führt das Paar gemeinsam das Hof-Café. Julian Schmelzle meint: "Hier auf dem Land kann der einzelne viel mehr bewegen. Wenn etwas fehlt, dann hat man hier eher die Möglichkeit, diese Lücke zu füllen, wenn man Bock hat."

"Die Wertschätzung ist viel mehr da"

Zwar habe sich ihr Gehalt halbiert, sagt Christina Schmelzle-Böhm. Aber: "Die Wertschätzung ist viel mehr da für die Arbeit, die man macht." Das war es auch, was Lisa Amling in ihrem Beruf vermisste. Sie arbeitete als Küchenchefin in Wien und verlor immer mehr die Freude an ihrem Job. Als sie nach Homberg kam, wollte sie zuerst gar nicht mehr kochen.

Eine Frau mit weiß-blau gestreiftem T-Shirt und blonden, zum Zopf gebundenen Locken steht in einer Küche und gibt Teig in eine Springform.

In einem anderen Rahmen hat sie es aber doch noch einmal ausprobiert: Sie verköstigte erst die anderen Pioniere und dann die 25 Kinder des örtlichen Waldkindergartens. Plötzlich sah sie wieder Sinn in der Arbeit als Köchin. "Nicht nur dafür zu sorgen, dass man satt ist, sondern auch zu zeigen, wo die Sachen herkommen, wie sie gemacht werden, dass man Sachen aus Rohstoffen komplett selber machen kann. Eine Tomatensuppe zum Beispiel nur mit Gemüse und nicht aus der Tüte", so Amling. Auch sie will über das Projekt hinaus in Homberg bleiben und vielleicht für weitere Kitas kochen.

Homberger anfangs skeptisch

Für rund die Hälfte der Pioniere war das Projekt also ein Erfolg. Und für die alteingesessenen Homberger? Verena Wimmel vom Stadtmarketing-Verein bekam anfangs weniger gutes Feedback zu hören. Viele seien skeptisch gewesen, was "die Neuen" da machen würden. Der Kontakt zueinander fehle.

Vor einem Fachwerkhaus ist eine Leinwand aufgebaut. Davor sitzen viele Menschen auf Stühlen und schauen einen Film.

Das wurde im Verlauf des Projekts besser, zum Beispiel durch Aktionen wie einem Open-Air-Kino-Abend auf dem Marktplatz, Sundowner-Events auf dem Burgberg oder Kunstausstellungen im ehemaligen Schuhgeschäft. "Das ist ja Großstadt auf dem Dorf. Das ist schon mehr Leben als vorher", findet etwa Eisverkäufer Simone.

"Größere Vielfalt reingebracht"

Laut Projektleiter Jonathan Linker haben die Pioniere das Landleben nicht neu erfunden. "Sie haben es für sich entdeckt. Aber was die Pioniere geschafft haben: Sie haben eine größere Vielfalt reingebracht."

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Audioseite Das Projekt "Summer of Pioneers" ist ein Erfolg für Stadt und Teilnehmende

Menschen stehen zusammen im Sonnenuntergang
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Einige ihrer Projekte sollen fortgeführt werden: Im Coworking-Space am Marktplatz etwa können sich nun alle Homberger einmieten. Die leerstehenden Ladenflächen sollen weiterhin für Pop-Up-Stores und -Events wie Vernissagen genutzt werden. Außerdem ist ein sogenannter Maker Space in der Mache: ein Ort, an dem jeder seine Ideen verwirklichen kann, vom Repariercafé bis zum Kalligrafie-Workshop.

Das Projekt soll weitergehen

Die Hoffnung vieler Homberger ist nun, dass die Pioniere der Kleinstadtgemeinschaft einen Anstoß gegeben haben für neue Ideen für die Innenstadt. Dass die Aufbruchstimmung anhält.

Kameramann Julian Schmelzle etwa berichtet von einem Gespräch mit einer Hombergerin: "Sie fragte mich: Was müssen wir tun, damit das nächstes Jahr weitergeht?" Tatsächlich hat der Magistrat bereits einer Verlängerung des Projekts zugestimmt, mit alten und neuen Pionieren. Schon im nächsten Jahr sollen neue Städter aufs Land ziehen. Interessierte können sich bereits vormerken lassen.

Ein Mann fährt auf einem Roller in den Sonnenuntergang. Eine Frau sitzt hinter ihm.

"Es ist fast gruselig, wie sich das alles gefügt hat", sagt Christina Schmelzle-Böhm rückblickend. Ihr Mann Julian ergänzt: "Das geht jetzt erst los. Ich glaube, dass dieser 'Summer of Pioneers', dieses halbe Jahr, erst die Einleitung war in einem Buch, das noch sehr viele Kapitel haben kann."

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Das Projekt

Der erste "Summer of Pioneers" fand 2019 und 2020 im brandenburgischen Wittenberge statt. Das Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem vom Bundesinnenministerium und der Bundesregierung. Die Hälfte der Pioniere blieb auch nach Abschluss des Projekts in Wittenberge. Der angestoßene Transformationsprozess der Stadt wird durch verschiedene Förderprogramme weitergeführt. Neben Homberg gab es in diesem Jahr auch im baden-württembergischen Tengen und im südwestfälischen Altena einen "Summer of Pioneers".

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