Eine Fotomontage der Stadt Gießen mit einer Surferwelle, auf der Menschen surfen

Eine Gruppe von Surfern will eine stehende Welle in die Lahn bauen - und stößt damit bei der Stadt Gießen auf offene Ohren. Wie schwer die Planung ist, davon kann man in Kassel ein Lied singen.

Ob "Die Perfekte Welle" von Juli oder "Stadt ohne Meer" von OK Kid - Gießener Popmusiker haben das Meer schon sehr erfolgreich besungen. Jetzt setzt sich eine Gruppe begeisterter Surfer dafür ein, dass die Stadt tatsächlich einen Hauch von Ozean bekommt: eine stehende Surfwelle in der Lahn.

Paul Schmidt ist Teil des vierköpfigen Teams des Projekts "Lahnwelle". Die Idee sei im November entstanden, als die vier Freunde viel Freizeit zum Nachdenken hatten, sagt er: "Man müsste dann nicht mehr nach Portugal oder Südamerika fliegen, sondern könnten direkt hier vor unsere Haustür surfen und mit dem Fahrrad anreisen." Das Ziel sei eine komplett klimaneutrale, nachhaltig geplante Surfmöglichkeit - und zwar ganzjährig.

Stadt Gießen: "Tolle Idee"

Die Stadt Gießen zeigt sich bisher sehr offen für den Vorstoß. Bürgermeister Peter Neidel (CDU) sprach von einer "tollen Idee mit einer großen Strahlkraft für Gießen". Sie passe zu der jungen und lebendigen Stadt. Man habe nun mit dem Stadtmarketing den Startschuss für eine Machbarkeitsstudie gegeben.

Ein geeigneter Ort in Gießen steht noch nicht fest. Auch ist unklar, in welchem Umfang Umbaumaßnahmen im Flussbett nötig sein werden. Als Gutachter wurde der Innsbrucker Professor für Wasserbau, Markus Aufleger, beauftragt. Er arbeitet derzeit an der "Dauerwelle Nürnberg", die bereits im Bau ist.

In der Machbarkeitsstudie sollen auch ökologische Aspekte beachtet werden, betont der Surfer Schmidt. Außerdem wolle man die Interessen von Angel- oder Kajakvereinen beachten und integrieren. Wenn die Machbarkeitsstudie gute Ergebnisse liefere, könne er sich vorstellen, dass schon in drei Jahren auf der Lahn gesurft wird.

Popbands Juli und OK Kid signalisieren Support

Ganz praktisch entstehen derartige Wellen durch abgeneigtes Gelände oder eine Art Rampe unter Wasser. Wo sich schnelles und langsamer fließendes Wasser treffen, entsteht eine dauerhafte Flusswelle, unter dem Surfboard gibt es dann Strömungsgeschwindigkeiten von etwa drei bis vier Metern pro Sekunde.

"Eine Flusswelle surft sich ganz anders als eine Meereswelle", erklärt Schmidt. Sie habe den Vorteil, dass es einfacher sei, auf das Brett zu springen. Dementsprechend könnten nicht nur Surf-Experten die Wellen reiten. "Wir wünschen uns auch, den Hochschul- und Schulsport zu integrieren", so Schmidt. Vielleicht könnte es also in Zukunft "Leistungskurs Surfen" an Gießener Schulen geben.

Einiges an Unterstützung hat die Lahnwelle schon: Auf Instagram hat sie in kürzester Zeit über 1.600 Follower gesammelt. Auch lokale Größen unterstützen die Idee. Die Band Juli schreibt: "Die perfekte Welle für Gießen." Auch Fernsehmoderator Jan Köppen und die Band OK Kid äußerten sich positiv.

Kassel: "Fulle Welle" schon seit Jahren geplant

Die älteste und berühmteste Flusswelle Deutschlands ist die Eisbachwelle in München, die ganzjährig Surfer aus der ganzen Welt anlockt. Weil Fliegen zu weit entfernten Surfspots auf Hawaii oder in Kalifornien in der Surfer-Szene aus Klimagründen immer mehr verpönt wird, haben sich in vielen deutschen Städten Initiativen gebildet - auch in Kassel setzt sich der Verein Fulle Welle dafür ein.

Die Idee für eine Flusswelle auf der Fulda, die durch Kassel führt, ist schon fünf Jahre alt. Es wurden bereits drei Machbarkeitsstudien durchgeführt und verschiedene Orte geprüft, aber ein definitiver Standort wurde bisher noch nicht festgelegt - ein Fingerzeig für Gießen, wie beschwerlich ein solches Projekt in der Realität sein kann.

"Wasserbau ist sehr kompliziert"

Anne Walther ist die Zweite Vorsitzende des Kasseler Vereins. "Wir sind nach wie vor in der Planung – und das ist nicht immer ganz einfach", berichtet sie. Die Stadt Kassel stehe grundsätzlich hinter dem Projekt, auch die Universität unterstütze den Verein mit Fachwissen.

Surfbretter, die auf einer Wiese in Kassel stehen

Der Verein habe inzwischen rund 100 Mitglieder, man stecke viel Arbeit und Zeit in die Planung, berichtet Walther. "Aber Wasserbau ist sehr kompliziert, und es gibt ganz viele Aspekte und Regularien rund um den Fluss, die berücksichtigt werden müssen." Man sei auch mit anderen Initiativen und dem Lahnwellen-Team in Gießen in Kontakt. Die Herausforderungen seien von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich.

Bei der Fulda gehe es zum Beispiel um die Interessen von Anwohnern, den Umwelt- um Naturschutz und darum, wie der Fluss bereits von Wasserkraftwerken genutzt wird. "Als Surfer sind wir naturbewusste Menschen, und es ist ja gerade unser Anliegen, dass wir unseren Sport umweltbewusster ausüben können." Es wäre also widersinnig, wenn die Welle dann nicht komplett "grün" wäre, so Walther. Wann und wie es mit der "Fulle Welle" konkret weitergeht, sei in Kassel weiter offen.