Theodor W. Adorno

Der Frankfurter Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno starb vor 50 Jahren. Sein Vortrag über Rechtsradikalismus wird wieder als aktuell empfunden. Ob das gerechtfertigt ist, darüber sind sich ein Frankfurter Philosophie-Professor und ein Politik-Student uneinig. Ein Doppel-Interview.

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Ganz unverhofft kommt der Philosoph Theodor W. Adorno aktuell zu neuem Glanz. Nicht nur wegen seines 50. Todestages an diesem Dienstag. Im Juli wurde erstmals sein Vortrag über die "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" aus dem Jahr 1967 publiziert und wird seitdem mit dem Erstarken rechter Strömungen unserer Zeit in Verbindung gebracht.

Hintergrund der Rede waren die damals überraschenden Wahlerfolge der neu gegründeten NPD in den 1960er Jahren. Adorno erklärte damals, 22 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dass die "gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus nach wie vor fortbestehen" und mit welchen rhetorischen Tricks die NPD arbeite.

Master-Student Frederik Heinz / Professor Matthias Lutz-Bachmann (v.l.)

Was denken ein Philosophie-Professor und ein Studierender über den wiederentdeckten Adorno? Ein Gespräch mit Matthias Lutz-Bachmann, 67 Jahre alt und Professor für Philosophie an der Frankfurter Goethe-Universität, und Frederik Heinz. Der 26-Jährige beschäftigt sich in seinem Master-Studiengang Politische Theorie an der Goethe-Uni vor allem mit gesellschaftlicher Entpolitisierung und Rechtstheorie.

hessenschau.de: Adornos Vortrag von 1967 über die "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" wird heute als erschreckend aktuell bezeichnet. Warum?

Matthias Lutz-Bachmann: Weil die Grundprobleme unserer Gesellschaft, die Adorno beschreibt, noch immer nicht gelöst sind. Die ungleiche Verteilung von Eigentum und die Chancenunterschiede treiben Menschen mit Abstiegsängsten der politischen Rechten in die Arme und lassen sie zur Fremdenfeindlichkeit tendieren. Das würde nicht entstehen, wenn wir die Chancen gerechter verteilen würden. 

Frederik Heinz: Adornos Vortrag finde ich grundsätzlich gut. Allerdings: Adorno bemerkt selbst immer wieder, dass sich der neue Rechtsradikalismus in den 1960er-Jahren, den er da beschreibt, nicht direkt vergleichen lässt mit dem der 1930er-Jahre oder noch älteren Bewegungen. Genauso müsste man heute sagen, dass der kurze Aufstieg der NPD in der Sechzigern nicht einfach gleichzusetzen ist mit dem Aufstieg der neuen Rechten, den wir heute beobachten. Da wird jetzt zu sehr so getan, als hätte Adorno schon die AfD beschrieben. Die Aktualität des Vortrags ist zumindest mit Vorsicht zu genießen.

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Lutz-Bachmann: Solange die Probleme der Chancenunterschiede nicht beseitigt sind, werden wir in ökonomischen und politischen Krisen immer wieder diese Rechtsentwicklung, wie jetzt bei der AfD zu erkennen, beschert bekommen. Und deswegen sind die Texte von Adorno auf eine beschämende Weise noch immer zutreffend.

Heinz: Mich stört an der Neuauflage, dass die Verlage Adornos Rede als etwas ganz Neues verkaufen und Profit daraus schlagen wollen. Dieser Text war seit Jahren frei zugänglich, aber keiner hat sich dafür interessiert. Dass Adorno jetzt von verschiedenen Feuilletons als eine Art moralischer Weckruf gegen eine neue Rechte beschrieben wird, scheint mir nicht zu Adornos Denken zu passen. Es geht nur um Vermarktung, nicht um sein Werk.

hessenschau.de: Worin liegt noch 50 Jahre nach seinem Tod die Faszination an Adorno?

Lutz-Bachmann: Adorno war Vorreiter für eine Demokratisierung der Gesellschaft, dass Menschen aller Schichten Zugang zu Bildung, nicht nur zu Ausbildung hatten. Er war ein Kritiker autoritärer Verhältnisse und prangerte Missstände an. Das traf den Zeitgeist. Adorno konnte die Massen bewegen wie ein Prophet. Bis heute fasziniert er junge Studierende, weil nach ihm niemand mehr gekommen ist, der eine Gesellschaftstheorie und eine Kulturkritik mit der Intensität und Wirkung nach außen geschrieben hat.

Heinz: Die Faszination hängt sicherlich mit seiner Genialität zusammen und damit, dass er zu so wahnsinnig vielen Themenbereichen etwas gesagt hat. In den Erziehungswissenschaften, der Soziologie, Philosophie, aber auch in den Rechtswissenschaften oder Politikwissenschaften finden sich Anknüpfungspunkte Adornos. Diese Breite ist bei Gegenwartsdenkern gar nicht mehr zu finden. 

hessenschau.de: Was lässt sich an Adorno kritisieren?

Lutz-Bachmann: Das Schwache an ihm ist, dass seine Theorien sehr anspruchsvoll sind und nur wenige Leser in der Lage sind, ihm auch zu folgen. Hier zeigt sich ein Widerspruch. Adorno forderte zwar die Öffnung von Bildungschancen für alle Schichten, aber nicht um den Preis der Herabsetzung des Niveaus. Adorno hat sich auf das Gespräch mit den einfachen Leuten nicht eingelassen. Er blieb in elitären Zirkeln der Universität und der Bildungselite, um dort umso heftiger die Eliten zu kritisieren. 

Heinz: Wenn ich etwas kritisieren würde, dann wäre es eher die Art und Weise, wie Adorno kritisiert oder rezipiert wird, anstatt Adorno selbst. Wenn zum Beispiel Einzelmomente aus Adornos Denken herausgegriffen und isoliert betrachtet werden.

hessenschau.de: Was ist Ihr Adorno-Fazit?

Lutz-Bachmann:  Adorno zu lesen lohnt sich, aber es ist nicht einfach und der Preis dafür heißt, sich auf einen schweren Autor einzulassen. Wer sich aber einmal von Adorno hat anstecken lassen, der wird ihn nie mehr ganz los. 

Heinz: Hinter Adornos Denken stehen nicht nur theoretische Spielereien, sondern soziale und politische Vollzüge. Wer sich die Mühe macht, ihn zu lesen, lernt etwas über sich selbst und unsere Gesellschaft. 

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Adorno zum 50. Todestag (Das Foto zeigt das Frankfurter Adorno-Denkmal)

Adorno-Denkmal
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Theodor W. Adorno

Der Philosoph, Soziologe und Musiker Theodor W. Adorno wurde 1903 in Frankfurt geboren und wuchs in der Stadt auf. Er studierte an der Universität Frankfurt, lernte hier die Philosophen Max Horkheimer und Walter Benjamin kennen und wurde 1924 hier promoviert. Nach Zwischenaufenthalten in Wien und Oxford sowie der Emigration in die USA während der NS-Zeit kehrte Adorno 1949 nach Frankfurt zurück und wurde hier Professor für Philosophie und Soziologie.

Adorno gilt als einer der wichtigsten Intellektuellen der jungen Bundesrepublik und Vater der deutschen Studentenbewegung der 1960er-Jahre. Er ist Gründungsmitglied der Frankfurter Schule. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die zusammen mit seinem Freund Max Horkheimer verfasste "Dialektik der Aufklärung" und "Minima Moralia".

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Die Interviews führte Antonia Troschke. Sie hat beiden Gesprächspartnern getrennt voneinander dieselben Fragen gestellt und ihre Antworten hier zusammengeführt.

Sendung: hr2 kultur, 06.08.2019, 07.15 Uhr