TUH Marburg

Die Technische Hochschule Mittelhessen (THM) boomt seit Jahren. Auch zum Wintersemester-Start ist der Andrang groß. Die Industrie könnte das freuen - wenn die jungen Leute andere Fächer studieren würden.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found THM-Vizepräsidentin Katja Specht: "Maschinenbau und Elektrotechnik haben eine unglaublich große Relevanz."

Technische Hochschule Mittelhessen, Audimax Gießen
Ende des Audiobeitrags

Haarscharf am Rekord vorbeigeschrammt: 18.660 Studentinnen und Studenten sind zum Semesterstart am kommenden Montag an den insgesamt acht Standorten der Technischen Hochschule Mittelhessen eingeschrieben. 2018 waren es gerade mal sieben mehr. "Eine attraktive Hochschule mit einem attraktiven Studienangebot" nennt Präsident Matthias Willems die THM. Nach Köln und Hamburg sei sie inzwischen die drittgrößte Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Deutschland.

Studenten wollen Theorie und vor allem Praxis

Insgesamt 3.583 Erstsemester nehmen an einem der acht THM-Standorte das Studium ihrer Wahl auf, am größten Standort Gießen allein sind es 1.883. "Ich hab mir Gießen direkt ausgesucht, einerseits wegen des Studiengangs, andererseits, weil ich mich direkt wohlgefühlt habe", sagt Patricia Vasic, eine angehende Eventmanagerin.

Für viele ihrer Studienkollegen spielt die Nähe zur Heimat eine große Rolle. "Ich bin in Gießen aufgewachsen und wollte nicht aus Gießen weg", sagt Kai Brunkau, der elektrische Energietechnik für regenerative Energiesysteme studiert. Was er sich vom Studium erhofft? "Natürlich Spaß, aber auch viel Interaktion im praktischen Bereich - nicht bloß Theorie."

Guter Einblick in Bedarf der Unternehmen

Genau das sei ein Pfund, mit dem die Hochschule wuchern könne, sagt THM-Vize-Präsidentin Katja Specht. "Wir sind sehr stark mit der heimischen Industrie verbunden." Die THM habe einen guten Einblick in die Bedürfnisse der Unternehmen, und könne dementsprechend auch die Lehrpläne flexibel darauf abstimmen - und Praktika vermitteln.

Das Problem dabei: Gerade in den Studiengängen wie Elektrotechnik und Maschinenbau sei der Bedarf besonders groß, und ausgerechnet hier fehlten die Studenten - und damit auch die potenziellen Arbeitnehmer für mittelständische Unternehmen. Das belegen folgende Zahlen: Die beliebtesten Studiengänge bei Erstsemestern an der Technischen Hochschule Mittelhessen sind Social Media Systems mit 238 Neulingen, Informatik (182), Bauingenieurwesen (170) und Betriebswirtschaft (162). Dagegen stehen an der THM 122 Erstsemester Maschinenbau und 44 Elektrotechnik-Studieneinsteiger.

Fachkräfte in technischen Berufen werden Mangelware sein

Eine Entwicklung, die den Verantwortlichen an der THM Sorge bereitet. "Gerade Fächer wie Elektrotechnik und Maschinenbau haben eine enorme Relevanz für die Zukunftsfähigkeit des Landes. Nur sehen die Studien-Interessierten diese Relevanz nicht", sagt Vizepräsidentin Specht. Die Fachbereiche seien nun dabei, diese Disziplinen zu bewerben. Inzwischen könnten sogar manche Stipendien nicht vergeben werden, weil nicht genügend Bewerber mit ansprechenden Leistungen vorhanden seien.

Und das Problem wird sich in Zukunft eher verschärfen, sagt Robert Lippmann, der Geschäftsführer der Hessischen Industrie- und Handelskammer in Wiesbaden. "Bis zum Jahr 2024/25 werden allein in Hessen rund 30.000 Fachkräfte in den naturwissenschaftlichen und technischen Berufen fehlen." Schon jetzt zeige sich der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern in Regionen, die ihren Schwerpunkt im Bereich Fertigung haben - so wie in Mittelhessen, wo es viele mittelständische Unternehmen gibt.

Dass die technischen Studiengänge an der THM beworben würden, sei zwar gut, aber zu spät, sagt Lippmann. Denn in vielen Fällen hätten sich die jungen Menschen schon ein Bild davon gemacht, was sie studieren wollten. Wichtiger sei es, die Berufe schon in der Schule zu bewerben.

Studenten finden keine Wohnungen

Aber nicht nur die Wahl der Studienfächer macht der Technischen Hochschule Mittelhessen zu schaffen. Auch die konstant hohe Zahl der Erstsemester ist ein Problem - zumindest für den Wohnungsmarkt. Für die Studenten wird es immer schwieriger, eine Bleibe zu finden. Dabei sieht sich die THM im Vorteil gegenüber der Justus-Liebig-Universität, wo sich 6.500 Studenten neu fürs Erstsemester eingeschrieben haben. "Wir haben es häufig mit Studierenden zu tun, die aus einem Umkreis von maximal 100 Kilometern kommen. Das heißt, viele können im Elternhaus wohnen bleiben", sagt THM-Vizepräsidentin Specht.

Für die anderen versuche man, mit dem Studentenwerk eine Lösung zu finden. Perspektivisch geht die Hochschule von einem leichten Rückgang der Studierendenzahlen in den kommenden Jahren aus, weil große Jahrgänge derzeit ihr Studium abschlössen. Ob das für eine generelle Entlastung sorgt, wird sich zeigen.