Tele-Notarzt in der Zentrale in Aachen.
Der Notarzt behandelt von der Zentrale in Aachen aus die Patienten im Main-Kinzig-Kreis. Bild © WDR

Wenig Nachwuchs, steigende Einsatzzahlen - wer einen Notarzt braucht, muss manchmal warten. Dabei kommt es im Notfall auf Sekunden an. Der Main-Kinzig-Kreis versucht es jetzt mit Technik und lässt als erste Region in Hessen den Notarzt digital kommen.

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"Wie heißt du?", fragt der Sanitäter. "Sind irgendwelche Allergien bekannt?" Das EKG piepst, auf der Trage liegt der weggetretene Patient. Karsten de Man versorgt ihn weiter und spricht dann in sein Headset: "Wir haben schon Adrenalin in den Muskel gespritzt, er hat auf den Bienenstich sehr schlecht reagiert." Eine Stimme fragt zurück : "Der Patient hat sich stabilisiert? Dann bitte ich euch, ihm noch 250 mg Prednisolon und 4 mg Fenistil zu geben."

Die Stimme im Ohr der Sanitäter gehört einem Tele-Notarzt. In der Aachener Leitstelle kann er über seine Monitore die Daten des EKG im Rettungswagen verfolgen. Er hört was die Sanitäter sagen, kann über die Kamera auf den Patienten schauen. Der Bienenstich-Patient ist diesmal nur eine Übung, sonst behandelt er echte Notfälle aus fast 300 Kilometern Entfernung. Anweisungen gibt er per Mobilfunk.

Zwei Jahre haben die Vorbereitungen des Tele-Notarzt-Projekts gedauert. Im Main-Kinzig-Kreis startet jetzt das Pilotprojekt in Hessen. Bald sollen sieben Einsatzwagen unterwegs sein.

30 Minuten warten auf den Notarzt

Landrat Thorsten Stolz (SPD) hofft auf eine Entlastung des Systems. "Es ist momentan schwierig Notärzte zu bekommen", sagt er. Außerdem kann der Tele-Notarzt Zeit überbrücken, bis ein realer Notarzt vor Ort ist. Denn während der Rettungswagen innerhalb von zehn Minuten vor Ort sein soll, braucht der Notarzt oft länger.

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Ein Patient wird auf einer Trage von Rettungskräften versorgt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found So funktioniert das Tele-Notarzt-Modell

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"Bei Fahrten bis in den hintersten Zipfel kann man von 25 Minuten Anfahrtszeit ausgehen", schätzt Günther Seitz, stellvertretender Leiter des Gefahrenabwehrzentrums im Main-Kinzig-Kreis und Mitinitiator des Pilotprojektes. Fordern die Sanitäter den Notarzt erst vor Ort nach, können so über 30 Minuten Wartezeit zusammenkommen.

Der Tele-Notarzt ist hingegen auf Knopfdruck da. "Deswegen haben wir auch den Spessart als Pilotregion ausgewählt", sagt Seitz. "Da sind die Wege weiter und wir können 20 bis 25 Minuten abkürzen." Und auch ohne physisch anwesend zu sein, darf der Arzt Schmerzmittel oder Blutdrucksenker verordnen und kann die Vitaldaten von Patienten im Auge behalten, wenn die von Krankenhaus zu Krankenhaus verlegt werden. Das spart Fahr- und Einsatzzeit bei den Notärzten vor Ort.

Wird der echte Notarzt abgebaut?

Aktuell gibt es im Main-Kinzig-Kreis fünf Notarztsysteme, also Bereiche, die getrennt voneinander von jeweils einem Notarzt versorgt werden. Die kämen langsam an ihre Grenzen, erläutert Seitz. "Wir müssen mit der Ressource Notarzt haushalten", bringt er es auf den Punkt. Man müsse jetzt in Erfahrung bringen, wie weit die Entlastung durch den Tele-Notarzt gehen könne.

Wird also in Zukunft aus finanziellen Gründen auf den echten Notarzt verzichtet? "Das System kann den klassischen Notarzt nicht ersetzen. Der darf nicht abgebaut werden", warnt Jörg Blau, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Notärzte in Hessen. Er glaubt auch nicht, dass dadurch Geld gespart werde. Die Technik sei aber definitiv eine Unterstützung des normalen Rettungsdienstes, beispielsweise, wenn sonst ein Notarzt nachgefordert werden müsste.

Eine halbe Million fürs Projekt

Auch Landrat Stolz sieht in den Tele-Notärzten vor allem einen "zusätzlichen Baustein für das bestehende System". Das Pilotprojekt kostet knapp eine halbe Million Euro. Für Stolz eine lohnende Investition. Der physisch anwesende Notarzt könne dann an Stellen eingesetzt werden, wo er wirklich gebraucht werde, statt bei kleineren Einsätzen.

Wie gut das funktioniert, wird sich in der zweijährigen Pilotphase zeigen. Und auch Nachahmer gibt es schon. In den Landkreisen Marburg-Biedenkopf und Gießen soll in den nächsten Wochen ebenfalls ein Tele-Notarztdienst starten.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 19.06.2019, 19.30 Uhr