Mitarbeiterin der Telefonseelsorge

Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar für alle, die Hilfe suchen. Und das werden seit Beginn der Corona-Pandemie immer mehr. Meistens geht es um das Gefühl des Alleinseins.

Ein Schreibtisch und ein Telefon - das ist alles, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge brauchen. Doch wenn es klingelt, wissen sie nicht, was sie erwartet. So einfach die Ausrüstung, so vielfältig die Probleme, deretwegen die Ratsuchenden anrufen.

"Ich höre erst mal zu und muss in den ersten Sekunden erahnen, um was es gehen kann", sagt Ralf Scholl von der Seelsorgestelle in Darmstadt. Die Sorgen, die ihm geschildert würden, seien ganz unterschiedlich: Mal melden sich Menschen mit Problemen in ihren Beziehungen; mal berichten Kinder davon, dass sie sexuelle Gewalt erfahren haben; mal sprechen Menschen über Selbstmordgedanken.

Anrufer bleiben anonym

"Wichtig ist: Hier werden die Menschen angenommen", sagt Scholl: "Sie müssen sich nicht rechtfertigen für das, was sie an Problemen haben." Sie müssen noch nicht einmal ihren Namen sagen. Auf dem Telefondisplay wird auch keine Nummer angezeigt. Die Anrufenden sollen auf jeden Fall anonym bleiben.

Weitere Informationen

hr-Weihnachtsaktion zugunsten der Telefonseelsorge

Zwei Bärchen halten sich im Arm - Logo der hr-Weihnachtsaktion 2020

Der Hessische Rundfunk unterstützt in diesem Jahr bei seiner hr-Weihnachtsspendenaktion die Telefonseelsorgen in Hessen. Ab dem ersten Adventssonntag, 29. November, berichtet er über ihre wertvolle Arbeit und ruft zu Spenden auf das Konto der Telefonseelsorge Nordhessen, IBAN DE53 5206 0410 0200 2140 35, auf. Mehr Informationen finden sie unter hr.de.

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Viele kommen mit Kontaktbeschränkungen nicht zurecht

Am häufigsten angesprochen wird nach Erfahrung der Telefonseelsorger: Einsamkeit. Schon vor Corona sei es bei fast jedem dritten Anruf darum gegangen. Seit Beginn der Pandemie sei es noch häufiger Thema, berichtet Scholls Kollegin Christiane Rieth: "Durch Corona verschärft sich das Ganze - insbesondere für Menschen, die alleine leben."

Abstandhalten zu den Mitmenschen, Kontaktbeschränkungen, Teil-Lockdown des öffentlichen Lebens - viele berichten den Seelsorgern am Telefon, sie kämen damit nicht zurecht. "Da gibt es wirklich Menschen, die sagen: Ich halte mich selbst, mich alleine einfach nicht mehr aus, ich ertrage das nicht mehr", schildert Rieth.

Sorge um Weihnachten im trauten Kreis

Nach einer Mitteilung des Leitungsgremiums der Telefonseelsorge stieg die Zahl der täglichen Anrufe im Frühjahr auf über 3.000, wo es vor der Pandemie nur rund 2.500 waren. Zu manchen Tageszeiten habe das Gesprächsaufkommen sogar um die Hälfte zugenommen. In praktisch allen Gesprächen im Frühjahr sei es um Corona gegangen.

Auch bei der Online-Beratung per Chat oder per E-Mail hätten die Ehrenamtlichen deutlich mehr zu tun gehabt. Im derzeitigen zweiten Teil-Lockdown machten sich viele Sorgen darum, ob sie Weihnachten im trauten Kreis feiern könnten.

Pro Gespräch eine halbe Stunde

Die Darmstädter Telefonseelsorgerin Rieth beobachtet außerdem, dass sich immer häufiger Menschen melden, die einfach nur kurz reden wollen. "Damit sie immerhin einen Menschen am Tag gesprochen haben", sagt Rieth.

Etwa 35 Anrufe pro Tag nehmen die größtenteils ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge in Darmstadt entgegen. Im Schnitt dauert ein Gespräch eine halbe Stunde.

"Hoffnung, dass wir wirksam sein konnten"

Was nach dem Telefonat passiert, das wissen die Mitarbeiter der Telefonseelsorge nicht, ob in Darmstadt oder andernorts. "Wenn wir den Hörer auflegen, bleiben wir in der Hoffnung zurück, dass da noch was passiert. Dass wir wirksam sein konnten", sagt Ralf Scholl: "Zugleich bleiben wir auch in der Ungewissheit zurück."

Das sei zwar manchmal belastend - trotzdem sagen Scholl und Rieth: Sie machten ihren Job gerne, und das gelte auch für ihre Kolleginnen und Kollegen. Die Arbeit mache demütig und dankbar, findet Ralf Scholl: "Es gibt so viel Belastendes in der Welt, so viele Schicksale in der Welt. Da ist man auch dankbar für das, was man hat."

Christiane Rieth ergänzt: Jede Schicht sei anders, jedes Problem wichtig. "Das zu wissen, das gibt uns viel und das treibt uns an."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 29.11.2020, 19.30 Uhr