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Auf Hinterbliebene kommen bei einer Beerdigung hohe Summen zu. Bild © Colourbox.de

Nicht nur Ärzte, auch Bestatter halten das Honorar für die Leichenschau für zu gering. Manche Mediziner stellen deshalb überteuerte Totenscheine aus - und kassieren damit bei trauernden Angehörigen ab.

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Blumen und Grablicht

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ärzte wenden bei der Leichenschau Abrechnungstricks an

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Hans Joachim Möller hat schon vielen Trauernden Trost gespendet. Der Geschäftsführer des Verbands unabhängiger Bestatter in Lauterbach (Vogelsberg) weiß, dass der Tod eines geliebten Menschen nicht nur Abschied und Trauer mit sich bringt. Der Tod ist hierzulande auch ein bürokratischer Akt.

Neben den hohen Kosten für die Bestattung müssen Hinterbliebene unter anderem auch für die Leichenschau bezahlen. Bei den Gebühren für den Totenschein, der gesetzlich vorgeschrieben ist, werden die Angehörigen laut Möller allerdings nicht selten von den zuständigen Ärzten übers Ohr gehauen.

Totenschein darf laut Bestatter-Verband maximal 77 Euro kosten

"Es wird den Hinterbliebenen zum Beispiel keine richtige Rechnung vorgelegt, sondern nur eine Quittung. Und da stehen dann Kosten von 150 Euro drauf", sagt Möller. Dabei sollte die Gebühr für den Totenschein maximal knapp 77 Euro betragen – so ist es in der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) festgeschrieben. Die Summe setzt sich aus den Kosten für die Feststellung des Todes  sowie aus dem Wegegeld zusammen, das der Arzt je nach Entfernung und Tageszeit ansetzen kann.

Manche Ärzte rechnen allerdings nach eigenem Ermessen ab. "Es kommt vor, dass der Arzt ganz auf die klare Rechnungsaufstellung nach GOÄ verzichtet und einfach pauschale Summen einträgt", erklärt Möller.

Verbraucherschützer spricht von "kreativen Tricks"

Auch Alexander Helbach, Sprecher des Vereins Aeternitas, Verbraucherinitiative Bestattungskultur, berichtet von "kreativen Abrechnungstricks" von Ärzten. Trauernde sollen etwa Feiertags- und Nachtzuschläge bezahlen, die Ärzte nach der Gebührenordnung nur für Besuche bei lebenden Patienten anwenden dürfen. In Extremfällen seien schon 200 bis 300 Euro für die Leichenschau verlangt worden.

Auch eine direkte Abrechnung mit dem Bestatter sei nicht ungewöhnlich. "Bei ein paar Tausend Euro Kosten für den Bestatter fällt ein überhöhter Betrag für die Leichenschau  nicht groß auf", so der Sprecher.

Gebührenordnung schon über 30 Jahre alt

Warum sich Ärzte überhaupt zu dem Abrechnungsmissbrauch verleiten lassen, liegt für Helbach auf der Hand: Viele Mediziner halten das Honorar für viel zu gering. Das sieht auch die Landesärztekammer Hessen so: "Die Vergütung der Leichenschau ist absolut unzureichend", sagt Sprecherin Katja Möhrle. "Die über 30 Jahre alte Gebührenordnung für Ärzte ist überholt, sie bildet absolut nicht mehr den aktuellen Stand der Medizin und der medizinischen Leistungen ab."

Die Landesärztekammer fordert laut Möhrle seit Jahren "die längst überfällige Novellierung der Gebührenordnung."  Eine im Auftrag der Gesundheitsministerkonferenz der Länder (GMK) eingerichtete Arbeitsgruppe habe bereits 2011 im Regelfall einen Betrag von 170 Euro für angemessen erachtet.

"Die Hinterbliebenen müssen erst misstrauisch werden"

Solange es aber keine Gebührenanhebung gibt, muss der Arzt selbstverständlich eine Rechnung auf Basis der aktuellen Gebührenordnung stellen, wie Möhrle betont. "Sofern im Einzelfall erforderlich, erfolgt eine berufsrechtliche Überprüfung."

Weitere Informationen

Ermittlungen in Karlsruhe

Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe ermittelt aktuell gegen 100 Mediziner, die überhöhte Rechnungen gestellt haben sollen, wie der SWR berichtet.

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Dafür müsste der Betrug allerdings erst einmal auffallen. Denn Arztrechnungen werden selten hinterfragt: Nur ein paar Dutzend Beschwerden und Hilferufe wegen überhöhter Rechnungen erreichen Helbachs Verein Aeternitas pro Jahr. Die Anzahl der Betroffenen sei aber weitaus größer, ist er sich sicher. "Die Hinterbliebenen müssen erst einmal misstrauisch werden."

Auch Möller, Geschäftsführer des Verbands unabhängiger Bestatter, hat immer wieder erlebt, dass Angehörige die Praktiken nicht infrage stellen. 25 Jahre lang war er selbst als Bestatter tätig. Oft habe er von Angehörigen zu hören bekommen: "Wir kennen den Doktor, der behandelt uns schon seit 25 Jahren. Wir wollen da keinen Ärger haben."

Zudem könnte sich ein Bestatter selbst schaden, wenn er sich einmischt. Denn der Arzt, der die Leichenschau durchführt, wird laut Möller von der Familie auch oft nach einem passenden Bestattungsinstitut gefragt.