Mann hält die Hände vors Gesicht.

Die Corona-Pandemie mit steigenden Infektionszahlen hat wieder deutliche Auswirkungen auf unseren Alltag. Warum das viele Menschen sehr besorgt und wie wir versuchen können, den eigenen Corona-Frust zu bekämpfen, erklärt Psychotherapeutin Heike Winter im Interview.

Heike Winter, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen und selbst praktizierende Verhaltenstherapeutin in Offenbach, gibt ihre Einschätzung zu steigendem Frust in der Corona-Pandemie. Sie betont, dass dieser ganz unterschiedliche Ursachen hat.

hessenschau.de: Die Zufriedenheit der Deutschen mit den Anti-Corona-Maßnahmen sinkt laut dem neuen Deutschlandtrend spürbar. Die Zahl derjenigen ist gewachsen, denen die Einschränkungen zu weit gehen, als auch derjenigen, denen die Maßnahmen nicht weit genug gehen. Wie erklären Sie sich das?

Heike Winter: Man muss es zum einen mit den steigenden Infektionszahlen in Verbindung bringen, aber auch damit, dass es wieder viel mehr Berichte in den Medien gibt. Im Sommer gab es so etwas wie ein Pause, mit ein bisschen Normalzustand.

Jetzt geht es wieder los, und zwar richtig heftig. Mit den steigenden Infektionszahlen werden die Corona-Maßnahmen wieder rigide: Maskenpflicht, Kontaktverbot, Sperrstunde, ein Teil-Lockdown. Das erklärt den Ärger der Gegner der Corona-Maßnahmen, weil sie Dinge machen müssen, die sie ablehnen, wie zum Beispiel überall eine Maske aufzusetzen.

Auf der anderen Seite gibt es eine Zunahme derjenigen, denen es nicht weit genug geht. Das kann man damit erklären, dass das Bedrohungspotential gewachsen ist. Also die Sorge, dass ihnen oder ihren Lieben etwas passieren könnte. Daraus wächst die Forderung, dass mehr Sicherheitsmaßnahmen eingeführt werden sollten.

Übrigens empfindet laut Deutschlandtrend mit 51 Prozent immerhin noch die Hälfte der Befragten die Maßnahmen als ausreichend. Das ist eine große Zahl, das finde ich erfreulich.

Dr. Heike Winter

hessenschau.de: Werden mit steigenden Infektionszahlen und einem zunehmenden Bedrohungsgefühl allgemein die Ansichten der Bevölkerung radikaler?

Winter: Das ist schwer zu sagen. Der Eindruck entsteht tatsächlich, weil sich viele Menschen radikaler äußern können. Mit radikal meine ich Äußerungen, die jenseits mitteleuropäischer Höflichkeit gemacht werden.

Durch das Internet, die soziale Medien, ist es sehr einfach geworden, die persönliche - auch radikale - Meinung einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Es scheint gesellschaftsfähiger geworden zu sein, Falschmeldungen und Lügen zu verbreiten, und in sehr aggressiver, abwertender, ehrabschneidender Form im Netz herumzupoltern.

Deshalb vermute ich eher, dass die Ansichten insgesamt nicht radikaler geworden sind, aber durch die vereinfachte Meinungsäußerung jetzt sichtbarer werden.

hessenschau.de: Die Chance, dass die Vorweihnachtszeit die Stimmung aufhellt, scheint zu schwinden. Auch das familiäre Weihnachtsfest, wie wir es kennen, wird in diesem Jahr möglicherweise so nicht stattfinden können. Was macht das mit uns?

Winter: Das macht besorgt und ängstlich, traurig und mutlos. Die möglichen anstehenden Einschränkungen, die diskutiert werden und verhindern könnten, dass ich mein Weihnachten mit seinen schönen Ritualen und der ganzen Familie feiern kann - das trifft mich in meinem ganz persönlichen Umfeld. Das ist eine harte Zäsur, die einhergeht mit dem Bewusstsein "es ist wirklich ernst".

Wann hatten wir das zuletzt? Solche Einschränkungen an Weihnachten? Im Zweiten Weltkrieg. Und wenn man bei diesen Parallelen gedanklich angekommen ist, dann wird es einem wirklich mulmig.

hessenschau.de: Haben sich die Sorgen und Ängste der Menschen im Vergleich zu den ersten Monaten der Pandemie ihrer Beobachtung nach verändert?

Winter: Das Gefühl von Angst und Bedrohung bezüglich der eigenen wirtschaftlichen Lage bei Betroffenen hat zugenommen. Die Situation für einen Barbesitzer ist eine andere als die eines Angestellten im öffentlichen Dienst. Und es ist mehr Resignation dazu gekommen, auch eine Art von Müdigkeit und Lustlosigkeit. Man hat einfach die Nase voll.

Zu Beginn, als alles noch ganz neu war und man noch jede Podcast-Folge des Virologen Drosten gehört hat, gab es eine höhere Akzeptanz der Maßnahmen. Das Gefühl, wir stehen zusammen, ich stelle ein Youtube-Video ein, solche Dinge kamen zuhauf.

Dann kam der schöne Sommer, alle haben aufgeatmet, viele konnten unerwarteterweise in den Urlaub. Dann dachte man, auf dem Niveau bleibt es, im Supermarkt halt noch eine Maske tragen, okay.

So ist es aber nicht. Die Zahlen sind schlimmer als im Frühjahr. Jetzt kommt so eine enttäuschte Hoffnung. Jetzt geht die Reise auf die Kanaren wieder nicht, die Videokonferenzen sind auch nicht mehr so witzig wie am Anfang. Es ist nicht nur die Dauer, sondern auch dieses Auf und Ab der Pandemie: Erst die Hoffnung, dass wir es überwunden haben. Jetzt im Herbst wieder sehr hohe Infektionszahlen. Und der Winter ist noch gar nicht da.

hessenschau.de: Wie kann man verhindern, dass die dauerhafte Sorge vor Ansteckung und die bereits recht langfristigen Einschränkungen sich zu sehr auf die Psyche auswirken? Wie lautet Ihr Rat?

Winter: Die Sorgen sind nicht unberechtigt. Aber das ständige Grübeln darüber verändert die Situation nicht. Das wirkt sich negativ auf die Stimmung aus. Deswegen sollte man versuchen, nicht permanent zu Grübeln oder die Nachrichten zu verfolgen. Sondern aktiv davon Abstand zu nehmen, sich zu distanzieren und über andere Dinge nachzudenken.

Die wirkungsvolle Methode liegt im Hier und Jetzt - so abgedroschen es klingt. Sich auf das konzentrieren, was ich jetzt mache: meine Arbeit, das Kochen, meine körperliche Bewegung, das Buch, das ich gerade lese - und nicht parallel über Corona zu grübeln. Dem Tag eine Struktur geben und schöne Dinge für sich machen, eine gute Selbstfürsorge. Dazu gehört genug zu schlafen, gut zu essen und genügend zu trinken und soziale Kontakte zu pflegen.

Was Homeoffice angeht, neigen inzwischen viele dazu, die Pausen zu verknappen. Das ist doof. Man muss auch Pause machen.

hessenschau.de: Eigentlich sind wir doch gar nicht so machtlos. Wir haben selbst großen Einfluss, durch unser Verhalten die Pandemie einzudämmen.

Winter: Das ist ein schöner Gedanke. Genau das wirkt diesem Gefühl von Hilflosigkeit entgegen. Der Haken ist, dass sich nicht alle an die Regeln halten, sonst hätten wir andere Infektionszahlen. Da ich das Verhalten der anderen nicht beeinflussen kann, bleibt es eben tendenziell doch bedrohlich.

Weitere Informationen

Hier gibt es Hilfe und Beratung

Die Psychotherapeutenkammer Hessen bietet auf ihrem Internetportal eine landesweite Suche nach Therapeuten an. Eine erste Orientierung für an Depression erkrankte Menschen während der Corona-Krise gibt unter anderem die "Deutsche Depressionshilfe" auf ihrer Online-Seite.

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