Eine Frau sitzt alleine auf dem Sofa und schaut aus dem Fenster

Kein Sport im Verein, kein Kino und kein Kneipenbesuch mit Freunden: Die Corona-Pandemie schränkt unseren Alltag stark ein. Wie wir psychische Belastungen meistern können, erklärt Therapeutin Heike Winter im Interview. Professionelle Hilfe gebe es sogar immer häufiger per Video-Sprechstunde.

Derzeit arbeiten wegen der Corona-Pandemie viele zu Hause, dazu sollen soziale Kontakte weitestgehend eingeschränkt werden. Nicht wenigen fällt da die sprichwörtliche Decke auf den Kopf.

Heike Winter, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen und selbst praktizierende Verhaltenstherapeutin in Offenbach, gibt Anregungen für den Umgang mit der Krise. Sie betont: Psychotherapeuten seien in den meisten Fällen weiter erreichbar und behandeln weiter - sogar online.

hessenschau.de: Soziale Distanz ist derzeit die Maßgabe, um das Coronavirus aufzuhalten. Aber was macht das mit unserer Psyche?

Winter: Wir Menschen sind soziale Wesen, wir brauchen einander. Die Evolution ist so verlaufen, dass die Menschen in Gruppen langfristig überlebt haben. Die Einzelgänger sind dagegen nicht so weit gekommen. Sprich: In uns allen steckt - genetisch verankert - ein großes Bedürfnis nach Nähe und Zugehörigkeit. Bricht das weg, wird das für uns sehr schwierig. Einsamkeit macht krank, das ist gut erforscht.

hessenschau.de: Wie trifft die Situation Menschen, die ohnehin schon mit psychischen Problemen zu kämpfen haben?

Winter: Schwer. Genau wie die Corona-Krise für körperlich Vorerkrankte gefährlicher ist, verhält es sich auch bei Menschen mit psychischen Erkrankungen. Wenn diese nun zusätzlich sozial isoliert sind und dann noch mit Katastrophengedanken ringen à la 'Hört das jemals wieder auf?', 'Wie schlimm wird es noch werden?', dann können sich deren Ängste potenzieren.

hessenschau.de: Wenn ich merke, ich befinde mich gerade in einem tiefen Loch, wo bekomme ich Hilfe?

Winter: Genau wie Ärzte gehören Psychotherapeuten zu den Berufen, die auch jetzt weiter arbeiten, um die Versorgung der Patienten zu sichern. Sehr viele Kollegen sind wie bisher in ihren Praxen, sind telefonisch erreichbar. Wichtig ist: Auch Menschen, die bislang noch keine Therapie begonnen haben, können weiter eine anfangen. Eine ganze Menge Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten bieten auch Videosprechstunden an.

hessenschau.de: Therapie per Video?

Winter: Ja, viele Kolleginnen und Kollegen haben bereits mit der Therapie per Video begonnen. Und das funktioniert ganz gut - meiner Beobachtung nach und mit Blick auf das, was ich von Patienten höre. Beim ersten Mal ist es noch ein wenig ungewohnt, aber dann werden dieselben Themen angesprochen, die auch in der normalen Praxis von Angesicht zu Angesicht zur Sprache kommen würden.

Videosprechstunden werden ganz regulär von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, wenn diese die Therapie bewilligt haben. Als Kammer informieren wir auch gerne Praxen über diese Möglichkeit der Fernbehandlung, die in der Corona-Krise enorm an Bedeutung gewinnt.

hessenschau.de: Es gibt allerdings immer noch einige ohne Smartphone oder Menschen, die kein Internet wollen. Was ist mit denen?

Winter: Wir arbeiten gerade dran, dass auch Therapiesitzungen via Telefon in Hessen bei den gesetzlichen Krankenkassen abrechnungsfähig werden. In anderen Bundesländern wurde das bereits erlaubt. Wir erwarten, dass es auch in Hessen sehr zeitnah möglich wird.

Denn Sie haben Recht, nicht jeder hat ein Smartphone oder ein anderes Gerät, das erlaubt, sich per Video zuzuschalten. Aber es ist wichtig, dass Psychotherapeuten wie auch andere Ärzte weiter arbeiten und helfen können.

Dr. Heike Winter

hessenschau.de: Manche berichten allerdings, dass ihre Therapeuten bereits die Termine abgesagt haben. Was machen diese Menschen?

Winter: Ich würde proaktiv bei meinem Therapeuten oder meiner Therapeutin nachfragen, ob eine Sitzung via Video möglich wäre. Dass kann mittlerweile unbegrenzt bei den gesetzlichen Kassen abgerechnet werden. Allerdings: Manche Therapeuten müssen eventuell noch Kinder zuhause betreuen, weil nun die Schule zu hat, oder die Kita.

Psychotherapeuten wurden in Hessen bisher leider noch nicht ausdrücklich in die Liste der "systemrelevanten Berufe" aufgenommen, die eine Kinderbetreuung in Anspruch nehmen können. Wir sind im Gespräch mit der Landesregierung, das zu ändern - zum Beispiel mit Blick auf schwer depressive Patienten, die rasch in Kliniken landen, wenn ihre ambulante Psychotherapie wegen fehlender Kinderbetreuung nicht möglich ist.

hessenschau.de: Die aktuelle Zeit bringt neben dem Risko der Erkrankung vor allem eine große Unsicherheit mit sich. Es ist unklar, wann wieder alle Geschäfte öffnen, wann ich meine Freunde wieder besuchen kann, mein Verein öffnet. Gibt es Strategien, diese Unsicherheit einzudämmen?

Winter: Zuerst einmal müssen wir uns klar machen: Auch unsere gewöhnliche, alltägliche Sicherheit ist konstruiert. Wir fahren Auto, wir gehen über viel befahrene Straßen und betreiben vielleicht risikoreiche Sportarten. Das stellen wir üblicherweise gar nicht in Frage, auch wenn wir uns theoretisch jeden Tag das Genick brechen könnten. Diese wahrgenommene Sicherheit ist eine Illusion, die wir uns konstruieren - und das ist ganz normal und gesund.

Übertragen auf die jetzige Krise bedeutet das: Das sollten wir auch jetzt tun. Uns Mut geben und Sicherheit. Es könnte immer etwas passieren, aber wenn wir in einen Panikmodus verfallen, macht es das für uns noch schlimmer.

hessenschau.de: Was könnte man da praktisch tun?

Winter: Sich die Hände wirklich regelmäßig und richtig gründlich waschen - natürlich nicht zwanghaft alle paar Minuten. Menschenmengen vermeiden, sich strikt an die Verhaltenstipps zu Corona halten. Das schafft uns ein Gefühl von Sicherheit. Auch sich mit den Zahlen und Fakten zum Virus auseinanderzusetzen ist wichtig.

Ich kann jetzt auf den winzig kleinen Balken der Todesfälle sehen, oder ich kann auf den - daran gemessen - sehr, sehr großen Balken der Fälle gucken, in denen das Virus absolut harmlos verläuft. Es ist wichtig, sich klarzumachen: Ich habe immer die Wahl, welchen der Balken ich mir anschaue. Denn wenn ich erst einmal so ein Katastrophendenken beginne, löst das körperliche Reaktionen bei uns aus. Stresshormone werden freigesetzt und so weiter.

hessenschau.de: Hilft es auch, sich Pläne für nach der Krise zu machen? Wie zum Beispiel ein Picknick mit Freundinnen und Freunden?

Winter: Ja, das ist eine gute Strategie, sich auf Schönes zu freuen oder es zu planen. Ich schaue in die Zukunft - und das Bild eines gemeinsamen Picknicks in der Sonne, wo ich gemeinsam mit Freunden lache und auf unser Zusammensein anstoße, ist ein tolles Bild. Das schafft Zuversicht.  

hessenschau.de: Unsere sozialen Kontakte sind derzeit eingeschränkt, vieles außer Haus findet nicht statt, im schlimmsten Fall bin ich arbeitslos geworden und nur zuhause. Was kann ich tun, damit mir nicht die sprichwörtliche Decke auf den Kopf fällt?

Winter: Was erwiesenermaßen gut hilft, ist sich eine Struktur zu schaffen. Man kann zwar erst nochmal ein, zwei Tage ausschlafen, aber dann empfiehlt es sich, eine Routine weiter zu erhalten: Morgens aufzustehen, Zähne zu putzen und sich anzuziehen. Und am besten nicht den Jogginganzug, sondern Dinge, die man auch außerhalb der Wohnung tragen würde.

Außerdem sollten wir uns auch für zuhause Aufgaben suchen: Beispielsweise den Kühlschrank zu putzen, etwas zu recherchieren, oder das Regal aufräumen - auch wenn ich dazu gar keine Lust habe. Arbeit gibt uns das Gefühl von Selbstbestätigung. Wichtig ist, sich danach bewusst zu machen, dass man etwas geschafft hat.

hessenschau.de: Aber muss man nicht aufpassen, dass man sich nicht unrealistisch viel vornimmt?

Winter: Das ist eher selten der Fall, denn die meisten assoziieren mit Zuhause-Sein entspannen, Musik hören, Fernsehen, auf der Couch liegen. Aber klar, auch anders herum ist das nicht sinnvoll. Im Homeoffice sich ein straff getaktetes Tagespensum vorzunehmen, ist nur bedingt realistisch.

hessenschau.de: Wie sieht es mit Sport aus?

Winter: Sport ist extrem wichtig. Der Einfluss auf unser Wohlbefinden ist sehr gut erforscht. Hier gilt die Maxime: Alles ist besser als nichts! Wichtig ist nicht die Menge, sondern dass man jeden Tag etwas macht. Da geht’s nicht um das hammerharte Workout, sondern um Dinge, die dem eigenen Level entsprechen: Sei es im Hausflur mehrfach die Treppen hoch und runter zu gehen, oder ein Workout zum Beispiel auf Youtube mit dem eigenen Körpergewicht zu machen.

Insgesamt sind solche Videoportale empfehlenswert - dort gibt es fast alles: Von Yoga über Pilates, bis hin zur Rückenschule. Gerade ist auch ein guter Zeitpunkt, um mit Achtsamkeitstrainings und Mediation zu beginnen, oder das wieder aufzunehmen, wenn man pausiert hat.

hessenschau.de: Was kann ich als Freundin oder Freund einer Person tun, von der ich weiß, dass sie depressive Phasen hat oder anders psychisch vorbelastet ist?

Winter: In jedem Fall Kontakt halten, über Videotelefonie, Anrufe oder Nachrichten. Der wesentliche Punkt ist, da zu sein und zuzuhören. Es geht nicht darum, Depressionen zu behandeln – das geht nicht als Freund, das kann man auch nicht als Familienmitglied.

Aber ich kann da sein und vermitteln: 'Ich verstehe dich, auch wenn ich nicht das Gleiche durchmache. Ich fühle mit dir.' Dieses Erlebnis von Verstanden sein produziert in uns das Gefühl von Zugehörigkeit. Das ist ein großer Trost.

Weitere Informationen

Hier gibt es Hilfe und Beratung

Die Psychotherapeutenkammer Hessen bietet auf ihrem Internetportal eine landesweite Suche nach Therapeuten an. Eine erste Orientierung für an Depression erkrankte Menschen während der Corona-Krise gibt unter anderem die "Deutsche Depressionshilfe" auf ihrer Online-Seite.

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Alina Leimbach.