Ein Schlachter zerteilt Schweine in einer Hausschlachterei.

Weil es hierzulande nicht genug Schlachthöfe gibt, sind Hessens Landwirte auf Großschlachtbetriebe wie Tönnies angewiesen. Das wird nun zum Problem. Die Fleischerinnung sieht die Landesregierung in der Pflicht.

Videobeitrag

Video

zum Video Tönnies-Schließung - Engpässe bei hessischen Bauern

hessenschau vom 13.07.2020
Ende des Videobeitrags

Landwirt Jörg Kramm aus Grebenstein im Kreis Kassel ist besorgt. Wegen der Corona-bedingten Schließung des Großschlachtbetriebs Tönnies in Nordrhein-Westfalen könnte es bald eng werden in seinem Schweinestall. In knapp vier Wochen bekommt er neue Mastferkel. Bis dahin müsste er eigentlich 400 seiner Schweine zum Schlachter gebracht haben. Ob ihm das gelingt, weiß er noch nicht.

Weitere Informationen

Tönnies-Skandal

Am Stammsitz von Europas größtem Schlachtunternehmen Tönnies im westfälischen Rheda-Wiedenbrück wurde bei über 1.000 der 6.500 Mitarbeiter eine Corona-Infektion nachgewiesen. Der Großteil der Mitarbeiter musste in Quatantäne. Das gesamte Tönnies-Werk wurde vorerst stillgelegt. Seither wird über die Arbeits- und Hygienebedingungen in Schlachtunternehmen diskutiert.

Ende der weiteren Informationen

2.500 Schweine stehen insgesamt auf dem Hof von Kramm. Die Hälfte vermarktet er normalerweise an kleine Metzgereien in der Region, die noch selbst schlachten. Die andere Hälfte geht zu Tönnies.

Seit dessen Schließung steht der Landwirt vor einem großen Problem: "Die kleinen regionalen Schlachtbetriebe hier in der Region haben nicht die Kapazitäten, um mir all meine Schweine abzunehmen", erklärt er. Sollte Tönnies in Rheda-Wiedenbrück geschlossen bleiben, muss Kramm versuchen, seine Schweine bei anderen Großschlachtereien in Deutschland loszuwerden.

Landwirte sind auf Großschlachthöfe angewiesen

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Tönnies-Schließung bereitet hessischen Bauern Probleme

Ein Schlachter zerteilt Schweine in einer Hausschlachterei.
Ende des Audiobeitrags

So wie ihm könne es bald vielen Schweinezüchtern in Hessen gehen, sagt Peter Voss-Fels vom Hessischen Bauernverband. Das sei nicht nur ein organisatorischer Aufwand, sondern drücke auch den Preis. Denn die Schweine kämen zusätzlich zum bestehenden Angebot. "Und diese zusätzlichen Schweine sind bei den Schlachthöfen gar nicht so ohne weiteres zu vermarkten", sagt Voss-Fels.

Weil es in Hessen nur wenige Schlachtkapazitäten gibt, sind auch die hiesigen Landwirte auf industrielle Schlachtbetriebe wie Tönnies angewiesen. Größere Schlachthöfe, wie der in Bensheim oder der in Gießen, haben vor mehreren Jahren geschlossen, der in Kassel - der letzte im Land - im Jahr 2018.

472 überwiegend regionale Metzgereien im Land

Nach Angaben des Deutschen Fleischerverbands gibt es in ganz Hessen zurzeit 472 Metzgereien, die in kleinem Stil regional für den Eigenbedarf schlachten. Daneben gibt es noch zwei mittelständische Regionalschlachthöfe in Brensbach (Odenwald) und Fulda.

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Fleischkonsum – wie die Hessen auf Tönnies und Co reagieren

fleischkonsum
Ende des Videobeitrags

Nur der Betrieb in Brensbach ist noch überregional tätig. Im Gegensatz zu Tönnies ist es aber kein Massenbetrieb. Knapp 60 Schweine werden dort pro Stunde verarbeitet. "Bei Tönnies sind es bestimmt 1.000", sagt Heike Schnürer, Geschäftsführerin des Odenwald Schlachthofs. 15 feste Mitarbeiter sind dort angestellt. Dementsprechend herrschten dort auch ganz andere und weniger problematische Hygiene- und Arbeitsbedingungen als in den Fleischfabriken, betont Schnürer.

Nur 20 Prozent des Fleischbedarfs werden hier produziert

Mit nur zwei Schlachtbetrieben dieser Art komme man in Hessen bei weitem nicht aus, sagt Thomas Reichert von der Fleischerinnung Frankfurt-Darmstadt-Offenbach. Sie könnten den heimischen Markt nur zu 20 Prozent bedienen. "Der Rest kommt größtenteils von industriellen Schlachthöfen wie Westfleisch, Vion oder Tönnies", berichtet Reichert.

Um dem Verbraucher vermehrt Fleisch aus der Region bieten zu können, ohne von industriellen Großschlachthöfen abhängig zu sein, fordert Reichert einen eigenen leistungsfähigen Schlachthof in Hessen. Dafür müsse sich die Politik einsetzen.

Fleischerinnung fordert zentralen Schlachthof für die Region

"Ich würde mir wünschen, dass wir wieder eine zentrale Schlachtstätte hätten, die für die Region da ist und die idealerweise von der Kommune oder vom Land betrieben wird", sagt Reichert. So könne man besser sicherstellen, dass in Bezug auf Hygiene, Tierwohl und Arbeitsbedingungen angemessene Verhältnisse herrschten.

Zu einem Bekenntnis zu einer kommunalen oder landeseigenen Schlachterei kann sich das Landwirtschaftsministerium in Wiesbaden nicht durchringen. Auf Anfrage heißt es: "Ziel der Landesregierung ist es, die regionalen Schlachtkapazitäten zu erhalten oder dort, wo sie fehlen, auszubauen."

Dafür gibt es laut Ministerium ein Markstrukturförderprogramm, wofür in diesem Jahr 17 Millionen Euro zur Verfügung stünden. Dieses Geld fließe in den Neubau und die Erweiterung von Schlacht- und Fleischverarbeitungsbetrieben. Beispielsweise sei damit der Neubau einer Schlacht- und Zerlegestelle für Geflügel, der Neubau eines Zerlege- und Verarbeitungsbetriebes für Fleisch und ein Neubau einer Schlacht- und Nutzviehverladestelle gefördert worden.

Auch Verbraucher müssen Regionalität unterstützen

Auch der Hessische Bauernverband fände mehr regionale Fleischproduktion und -verarbeitung gut. Dafür brauche es aber nicht nur den politischen Willen und mehr regionale Schlachthöfe in Hessen, sondern auch wieder einen höheren Viehbestand, sagt Peter Voss-Fels.

"Und natürlich brauchen wir den Verbraucher, der dann diese regionalen Produkte kauft", betont der Verbandssprecher. Denn eines sei klar: Regional produziertes Fleisch sei teurer als die Ware in den Discountern, wo eben viele einkaufen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 13.07.2020, 16.45 Uhr

Ihre Kommentare Würden Sie für regional produziertes Fleisch einen höheren Preis bezahlen?

72 Kommentare

  • Weniger Fleisch ist mehr ... ein mehr an Gesundheit!

    Kilopreise von 30-50 Euro gewährleisten eine artgerechte Haltung & Respekt vor dem Tier.
    ... und Fleisch muß sich auch nicht jeder leisten können. Dies ist nicht asozial!

    Ich persönlich esse maximal 2mal im Monat Fleisch (ca. 125g) und kaufe dies beim regionalen Metzger, der mir eine fundierte Angabe über die Herkunft machen kann.

  • Dieser Artikel ist erbärmlich und zeigt wo es lang geht, was über Tiere gedacht und mit ihnen und aus ihnen gemacht wird - Geld, Geld, Geld, Geld, Geld !!!

    Nur darum geht es in unserer ach so "menschlichen" Welt!


  • Ja, ich würde für regional produziertes Fleisch mehr bezahlen und
    möchte auch weniger Fleisch essen.

Alle Kommentare laden