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Tote Kinder in Hanau: Hätte das Jugendamt das verhindern können?

Zwei Kinder sind tot, der Vater wird des Mordes verdächtigt. Nach dem schrecklichen Verbrechen in Hanau bleiben offene Fragen: Reichte die Unterstützung des Jugendamts aus? Wie gut können die Behörden Kinder überhaupt schützen?

"Wo waren die Nachbarn, war das Jugendamt, warst du, war ich?" Ein handgeschriebener Zettel flattert vor dem Mehrfamilienhaus in der Hanauer Römerstraße. Blumen, Kerzen und Plüschtiere für den elfjährigen Jannatveer und seine siebenjährige Schwester Mukhmanii, die hier vor knapp einer Woche gestorben sind: mutmaßlich getötet vom eigenen Vater, der bislang zu den Vorwürfen schweigt. Monatelang war die Familie vom Jugendamt und einem freien sozialen Träger betreut worden.

Deshalb prüft die Staatsanwaltschaft neben den Vorwürfen gegen den Vater auch die Rolle der Behörden in dem tragischen Fall. Schlug der freie soziale Träger zu spät Alarm? Schätzte das Jugendamt die Lage falsch ein?

Stadt legt für Jugendamt "Hand ins Feuer"

Bürgermeister Axel Weiss-Thiel (SPD) sieht in der Arbeit des Jugendamtes nichts zu beanstanden: "Nach allem, was wir mit Einblick in die Akten wahrnehmen, haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet", sagte er am Montagabend in der Hanauer Stadtverordnetenversammlung. Dafür lege er seine Hand ins Feuer.

Was genau Jugendämter zum Schutz von Kindern wie Jannatveer und Mukhmanii tun können und wo sie an Grenzen stoßen, ist das Fachgebiet von Maud Zitelmann: Als Professorin für Kinderschutz an der Frankfurt University of Applied Sciences (UAS) bildet sie unter anderem spätere Jugendamtsmitarbeiter aus.

Auf die Frage, was in Hanau hätte anders laufen können, sagt sie: "In so einem Fall könnte man daran denken, dass die Polizei Gefährderansprachen macht, dass sie mit viel Macht in der Wohnung auftaucht und sagt: Wir haben dich im Blick." Dafür müsse aber die Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern und Polizei noch enger werden, als sie derzeit sei.

Warnungen waren da

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Schon mehrere Monate vor der Tat hatte das Hanauer Jugendamt nach Angaben der Stadt Hinweise auf Probleme in der Familie gehabt. So hatte die Polizei des früheren Wohnorts der Familie im Kreis Offenbach die Hanauer Behörden über das gewalttätige Verhalten des Mannes informiert. "Wir haben sehr schnell einen Träger gefunden", so Bürgermeister Weiss-Thiel.

Das Polizeipräsidium Südosthessen hatte nach Angaben der Staatsanwaltschaft Darmstadt bereits Ermittlungen gegen den Vater aufgenommen. Dem Mann werden demnach Körperverletzung und die Bedrohung zum Nachteil seiner Ehefrau und Kinder vorgeworfen. Die Tat habe im Dezember 2021 im Kreis Offenbach stattgefunden. Das Verfahren habe die Staatsanwaltschaft Darmstadt erst am 12. Mai auf den Tisch bekommen - einen Tag nach dem Tod der beiden Kinder.

Wenige Tage vor dem Tod der Geschwister habe der Träger das Jugendamt gewarnt, dass sich die Lage in der Familie verschlechtern würde. Laut Recherchen der hessenschau trafen sich Sozialarbeiter noch am Freitag vor der Tat mit der Mutter der beiden Kinder.

Kinder und Eltern zu trennen:, ist nur das letzte Mittel

Warnzeichen waren da - und das Hanauer Jugendamt war aktiv. Trotzdem kam es zu der Tragödie. Welche Maßnahmen ein Jugendamt ergreift, hängt vom Einzelfall ab. "Es sind nur die extremen Fälle, in denen es gerechtfertigt ist, dass ein Kind von seinen Eltern getrennt wird", sagt Kinderschützerin Zitelmann - etwa bei körperlicher Gewalt.

Im Hanauer Fall wurde der Verdacht darauf den Behörden aber wohl einfach zu spät bekannt - und eine Trennung ist auch nur das äußerste Mittel. Meist würden erst Angebote gemacht: Gespräche bei Beratungsstellen, Therapien, Tagesgruppen. Denn die deutsche Verfassung räumt Eltern ein starkes Recht ein: "Pflege und Erziehung ist das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht", heißt es im Grundgesetz. Der Staat soll dabei über sie wachen.

Expertin sieht Strukturprobleme in Jugendämtern

Nur, wie gut kann dieser Wächter Kinder vor Gewalt schützen? Nicht gut genug, meint Maud Zitelmann mit Blick auf die Jugendämter. Denn dort sieht sie gleich mehrere Strukturprobleme: Arbeitsbedingungen, Ausstattung und Qualifikation der Mitarbeiter - alles ausbaufähig, meint sie.

In vielen Jugendämtern sei die Arbeitsbelastung hoch: zu viele Fälle für zu wenige Mitarbeiter. Dass ein Betreuer für 40 Kinder und ihre Familien verantwortlich sei, sei keine Seltenheit. "Viele sagen: Auch wenn ich versuche, gut zu arbeiten, habe ich dauernd das Gefühl, ich komme nicht hinterher", berichtet Zitelmann: "Und immer die Angst: Was ist mit den anderen Kindern in meinem Aktenstapel?"

In der Ausbildung sei die Arbeit mit Kindern problembelasteter Familien nur ein kleiner Bestandteil. Dringend benötigtes Fachwissen für die Jugendamtsarbeit, zum Beispiel über Misshandlung, Vernachlässigung und sexualisierte Gewalt, werde oft nicht vermittelt. "Es steht nicht im Lehrplan", so Zitelmann, "also hängt es von den Lehrenden ab, ob sie es im Studienangebot unterkriegen."

Viele Fälle, wenig Zeit für Kontrollen

Die Folge: überlastete Sozialarbeiter, die erst "im Job angelernt" werden, jung und oft nicht festangestellt - mit großer Verantwortung. "Sie sollen für Kinder eintreten unter Bedingungen, die dafür eigentlich nicht gemacht sind", sagt die Expertin. Denn auch an einer weiteren entscheidenden Ressource fehle es: Zeit.

Dass die Familie in Hanau auch Hilfe von einem freien sozialen Träger bekam, sei nichts Ungewöhnliches, sagt Zitelmann. Viele Jugendämter würden den direkten Kontakt zu Familien nicht selbst halten, sondern dafür externe Träger beauftragen. Das sei zwar per se nicht schlecht, findet Zittelmann. Doch zu überprüfen, ob Hilfe ankomme, sei für die Ämter so schwierig: "Dazu muss ich sehr ausführlich mit den Kindern einzeln sprechen - und mit beiden Elternteilen einzeln." Das brauche Zeit, Geduld und Fachkenntnis.

Anwohner: "Wo waren die Nachbarn?"

Aufmerksam wurden die Behörden in Hanau nach Angaben der Stadt durch die Polizei: Das Jugendamt war eingeschaltet worden, weil der Vater der Familie polizeilich aufgefallen war. Ein Weg von vielen, auf denen Behörden von problembelasteten Familien erfahren.

Denn jeder, der in Sorge um ein Kind ist, kann sich beim Jugendamt beraten lassen - auch anonym, erklärt Mériem Diouani-Streek: Sie leitet die Beratungsstelle des Kinderschutzbundes Frankfurt. Hinweise bekämen die Ämter zum Beispiel auch von Familien selbst, von Jugendlichen, Lehrern, Erziehern und Erwachsenen, denen sich Kinder in Not anvertraut haben.

Einige Nachbarn und Anwohner kamen am Montagabend zu der kleinen Gedenkstätte für Jannatveer und seine Schwester Mukhmanii. Dass auch sie sich fragen, ob sie etwas hätten tun können, verrät der flatternde Zettel: "Wo waren die Nachbarn, war das Jugendamt, warst du, war ich?"

Im Zweifel: Beratung suchen

Auf die Frage, in welchen Fällen Menschen sich ans Jugendamt wenden sollten, antwortet Mériem Diouani-Streek: "Wenn man sehr konkrete und gewichtige Anhaltspunkte hat, dass ein Kind zu Hause in Not ist." Nicht jede Situation stelle sich als Kindeswohlgefährdung heraus, betont sie: "Es kann auch mal sein, dass ein Kleinkind in der Trotzphase ist und exzessiv schreit". Doch wenn Kinder sich von selbst anvertrauen, dann müssten Erwachsene handeln - auch wenn es schwierig scheint.

"Manchmal verknüpfen Kinder ihre Mitteilung über Gefährdungen mit einem Schweigegebot, wenn sie sich anvertrauen", berichtet Diouani-Streek. "Zum Beispiel: Der Papa verhaut mich mit dem Gürtel - aber sag es niemandem!" Dann müssten Erwachsene handeln, "um selbstverständlich dennoch Schutzmaßnahmen für und mit dem Kind auf den Weg zu bringen".

In so einem Fall - und auch in Zweifelsfällen - rät sie, fachliche Beratung im Jugendamt oder bei einer Beratungsstelle wie dem Kinderschutzbund zu suchen. Diese könnten helfen, die Lage und die nächsten Schritte einzuschätzen. "Es ist in Ordnung, sich besser einmal zu viel als zu wenig fachlich beraten zu lassen."

Weitere Informationen

Hier finden Sie Hilfe

Hilfe und Beratung: Wer in Sorge um ein Kind ist, findet Beratung beim zuständigen Jugendamt oder bei Beratungsstellen (z.B. Kinderschutzbund). Weitere Möglichkeiten:

  • Elterntelefon (auch für Nicht-Eltern): 0800 1110 550
  • Kinder- und Jugendtelefon: 116 111
  • Frankfurter Kinder- und Jugendschutztelefon: 0800 2010 111
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