Leichen in der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum in Frankfurt
Leichen in der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum in Frankfurt. Bild © picture-alliance/dpa

Rechtsmediziner stellen an einem Tatort oder dem Fundort einer Leiche den Totenschein aus: In Hessen kommt das kaum vor. Zwar hat das Land die Regeln für die Leichenschau geändert, doch Ärzten und Polizisten reicht das bei weitem nicht.

Trotz schärferer Regeln in Hessen steht die Leichenschau weiter in der Kritik. Polizeigewerkschaften und Mediziner sehen Mängel bei der Untersuchung von Verstorbenen.

So komme es weiter vor, dass sich zunächst kein Arzt für eine Leichenschau finde oder ein Arzt ohne entsprechende Expertise diese vornehmen müsse, sagt Dirk Peglow, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) in Hessen: "Wir haben Konstellationen, bei denen ein HNO-Arzt einen Leichnam begutachtet." Dadurch könnten Tötungsdelikte unentdeckt bleiben.

Leichenschau gesetzlich vorgeschrieben

Stirbt ein Mensch oder wird ein Toter gefunden, muss ein Arzt den Körper vor Ort untersuchen. Er stellt den Tod fest und füllt den Totenschein aus. Für Mediziner ist diese Leichenschau gesetzlich vorgeschrieben: "Ein Notfall hat natürlich immer Vorrang vor einer Leichenschau, ein volles Wartezimmer aber nicht", sagt Michael Schaich, Sprecher des Innenministeriums. Trotzdem komme es zu Fällen, bei denen "nicht immer zeitnah Ärzte für eine Leichenschau gewonnen werden können".

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Serie zu Rechtsmedizin

Im hr-fernsehen blickt das Magazin maintower von Mittwoch bis Freitag, 30. Januar bis 1. Februar, jeweils 18 Uhr in einer dreiteiligen Serie auf die Arbeit der Rechtsmedizin am Uni-Klinikum in Frankfurt.

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Dazu kommt, dass die Pflicht für jeden Mediziner gilt, also auch für Augen- oder Frauenärzte mit wenig oder keiner Erfahrung im Beschauen einer Leiche. Der Arzt müsse zudem bei Verstorbenen, ohne ihre Vorgeschichte zu kennen, Diagnosen zur Todesursache stellen, also ob beispielsweise ein Herzinfarkt, eine Lungenembolie oder eine Medikamentenvergiftung vorliegt. 

Doch dafür sei statt einer äußerlichen Betrachtung eigentlich eine Serie von Untersuchungen nötig. "Hier wird man per Gesetz verpflichtet, Sachverhalte zu beurkunden, die man bestenfalls vermuten kann", sagt Michael Andor von der Landesärztekammer. Man verlange vom Arzt Unmögliches.

Polizisten müssen stundenlang auf Arzt warten

Unter Medizinern ist die Pflicht auch aufgrund der knappen Vergütung unbeliebt. Es gebe 40 bis 50 Euro pro Fall - selbst wenn ein Arzt stundenlang über Land fahren müsse. Eine Besuchsgebühr könne ein Arzt nur abrechnen, wenn er den Patienten berate - was bei einer Leiche naturgemäß nicht geht. Also wird eine Leichenschau gemäß der Gebührenordnung für Ärzte so abgerechnet, als läge die Leiche in der Praxis - weltfremd aus Sicht von Medizinern.

In der Folge müssen Polizeibeamte manchmal stundenlang an der Leiche warten, weil ein Arzt zunächst keine Zeit hat. Für die Landesärztekammer ist das kein Wunder: "Hier werden niedergelassene Ärzte dienstverpflichtet, eine Leistung durchzuführen, deren Vergütung ihnen unter fadenscheiniger Begründung vorenthalten wird", sagt Präsidiumsmitglied Andor. Im Übrigen habe er Verständnis für die Klagen von Polizisten, sie müssten zu lange auf einen Arzt warten.

Rechtsmediziner müssen erst zur zweiten Leichenschau ran

Zudem gibt es eine sogenannte zweite Leichenschau, wenn der Körper eingeäschert oder ins Ausland überführt werden soll. Seit August muss diese erneute Begutachtung in Hessen durch einen Rechtsmediziner erfolgen. "Wir hätten es lieber, wenn die erste Leichenschau von Rechtsmedizinern gemacht würde, dann könnten wir auf die zweite verzichten", sagt Hermann Hubing, Geschäftsführer des Deutsche Instituts für Bestattungskultur.

In Frankfurt gibt es seit einem Jahr ein Pilotprojekt, bei dem der Polizei häufiger ein Rechtsmediziner zur Verfügung steht, wenn die Ermittler zu einer Leiche gerufen werden. Für den BDK-Vorsitzenden Peglow ist dies das "Nonplusultra".

Im übrigen Hessen sei die Situation mal gut oder schlecht. Während in Nordhessen laut Staatsanwaltschaft Kassel ein personeller Engpass besteht und erst ein Netzwerk aus Medizinern aufgebaut wird, hat das Polizeipräsidium Westhessen schon eine Vereinbarung mit einer Ärztegemeinschaft geschlossen. Diese organisiere eigenständig eine Rufbereitschaft, berichtet Ministeriumssprecher Schaich.

Sendung: maintower, 30.01.2019, 18:00 Uhr