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Traumaexpertin Rauwald

Erst Hanau, dann Volkmarsen. Derzeit beherrschen Meldungen mit Toten und Verletzen die Schlagzeilen. Eine Trauma-Expertin erklärt, wie Kinder mit solchen Situationen umgehen und wie Eltern sie unterstützen können.

Verletzte, Tote, überall Blaulicht und Einsatzkräfte: Derzeit prägen Horrormeldungen aus Hanau und Volkmarsen die Nachrichten. Das belastet auch Kinder. Die Diplom-Psychologin und Psychoanalytikerin Marianne Rauwald therapiert seit Jahren Traumata am Institut für Trauma-Bearbeitung und Weiterbildung Frankfurt. Sie erklärt, wie solche Ereignisse Kinder beeinflussen und wie man am besten damit umgehen sollte.

hessenschau.de: In Volkmarsen ist ein Mann in einen Karnevalsumzug gefahren. Unter den Opfern sind viele Kinder. Wie verarbeiten sie so ein Erlebnis?

Marianne Rauwald: Kinder verarbeiten das unterschiedlich, auch abhängig vom Alter. Manche bleiben aufgeregt, voller Angst und klammern. Sie befassen sich immer wieder aktiv mit der Geschichte. Wir sehen andere, die sich ganz zurückziehen, sich ins Bett verkriechen, niemanden sehen wollen. Generell kann man sagen: Das sind Erlebnisse, die Kinder nicht haben sollten.

hessenschau.de: Was würden Sie Eltern von Kindern raten, die in Volkmarsen verletzt wurden?

Rauwald: Eltern spielen eine zentrale Rolle. Die Situation, die nun ausgelöst wurde, kann am besten dort geheilt werden, wo die Kinder Sicherheit erfahren, im Elternhaus. Eltern sollten sich Zeit nehmen, hinhören und versuchen herauszufinden, wo Belastungen bei ihren Kindern vorhanden sein können.  

hessenschau.de: Das Ganze ist in den Medien so präsent, dass Kinder in Deutschland etwas von den Vorfällen mitbekommen, auch wenn sie nicht direkt vor Ort waren. Wie kann man ihnen die Angst nehmen?

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Rauwald: Die Verunsicherung betrifft nicht nur diejenigen, die da waren, sondern auch da sein hätten können. Das ist etwas, mit dem wir zunehmend zu tun haben. Und derzeit sind Kinder mit Faschingsumzügen beschäftigt. Es geht nun darum, ihnen zu vermitteln: Wir leben in einer ausreichend sicheren Welt.

hessenschau.de: Reicht es aus, einfach zu sagen: "Du bist sicher"?

Rauwald: Nein, das muss gelebt werden. Das heißt: Zeit haben für Kinder, ihnen zuhören, sie ernst nehmen. Aber auch einen gemeinsamen Alltag leben, der stabil ist, der Sicherheit vermittelt. Das gilt natürlich insbesondere für die direkt betroffenen Kinder, aber auch generell.

hessenschau.de: Es gab in der vergangenen Woche noch ein weiteres verheerendes Ereignis. Bei einem mutmaßlich rassistisch motivierten Anschlag starben in Hanau elf Menschen. Sollte man so etwas mit seinen Kindern aktiv besprechen? Oder lieber versuchen, es von ihnen fernzuhalten?

Rauwald: Der Anschlag ist derzeit überall im Radio und im Fernsehen präsent. Egal wo man hingeht, wird darüber gesprochen. Das heißt, man kann es gar nicht von Kindern fernhalten. Es ist sinnvoll, so etwas aktiv mit den Kindern zu thematisieren. Und zwar nicht aufgeregt, sondern nachfragend: Wie haben meine Kinder das aufgenommen? Was sind ihre Ängste und Sorgen? 

hessenschau.de: Für Kinder, deren Familien irgendwann einmal zugewandert sind, sind rassistische Beleidigungen und Vorfälle im Alltag oft nichts Neues. Hinterlässt so ein Ereignis bei ihnen einen anderen Schrecken?

Rauwald: Das ist tatsächlich noch einmal eine ganz andere Dimension. Dass Diskriminierung für viele Familien mit Migrationshintergrund leider zum Alltag dazu gehört, ist ohnehin ein Thema für sich. Aber was nun passiert ist, hat ihnen noch einmal einen Beleg geliefert, wie gefährlich es für sie ist. Dagegen ist es schon wichtig, andere Eindrücke entstehen zu lassen von uns als Gesamtgesellschaft und als Politik.

hessenschau.de: Wie meinen Sie das?

Rauwald: Es ist wichtig, dass sich die Politik und die Stadt positionieren, sich entschlossen gegen Ausgrenzung stellen und die betroffenen Familien unterstützen. Aber auch wir als Freunde, Nachbarn und Kollegen sind gefragt. Wir sollten zeigen, dass es nicht bei einem einmaligen Aufschrei bleibt.

hessenschau.de: Was kann jeder also konkret tun?

Rauwald: Hier wäre es beispielsweise gut, wenn wir auf Menschen in unserer Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz zugehen und nachfragen, wie es ihnen geht, ob etwas zu tun und zu helfen ist und unsere Unterstützung anbieten. Denn die Erschütterung ist wirklich groß und schlägt weit über die unmittelbar Betroffenen hinaus Wellen.

Der Artikel basiert auf einem in der Sendung hessenschau kompakt geführten Interview. Es wurde für die verschriftliche Form geringfügig sprachlich editiert und zudem um drei Nachfragen zum Anschlag von Hanau ergänzt.

hessenschau kompakt extra, 25.02.2020, 12.50 Uhr