Das "Gudes"-Wasserhäuschen in Frankfurt ist ein beliebter Treffpunkt zum "Cornern."
Das "Gudes"-Wasserhäuschen in Frankfurt ist ein beliebter Treffpunkt zum "Cornern." Bild © hessenschau.de

Für manche ist es ein Feierabend-Bier am Kiosk, für andere die romantische Vorstellung einer idealen Stadt: "Cornern" heißt der Trend, der Hessen zum Trinken auf die Straße treibt. Neben Liebespaaren gibt es aber auch Kritiker.

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Es gibt lauschigere Orte als den Matthias-Beltz-Platz im Frankfurter Nordend. Knapp 30.000 Autos und Lastwagen fahren täglich die angrenzende Friedberger Landstraße rauf und runter, sie gilt als die dreckigste Hauptverkehrsachse der Stadt.

Felix Wegener zuckt nur mit den Schultern. "Die Straße ist uns egal", sagt der 30-Jährige. Seit November 2013 betreibt er hier das Wasserhäuschen "Gudes". Bier, Zigaretten, Kaffee, Süßes oder Saures: Aus dem Kiosk ist längst eine Institution geworden. Vom vorbeirauschenden Verkehr lassen sich die Kunden jedenfalls nicht abschrecken. 85 Prozent seien Stammgäste, schätzt Wegener.

Eine gesellschaftliche Entwicklung

150 bis 200 Leute an einem Abend sind keine Seltenheit. Sie stehen, sitzen, trinken und quatschen rund um das rot-weiße, halbrunde Häuschen. Der Andrang steht und fällt mit dem Wetter. "Auch montags kann es voll werden", meint der Inhaber stolz. Als er vor knapp fünf Jahren mit seinem damaligen Geschäftspartner anfing, hatte der zuvor größtenteils als Parkfläche genutzte Beltz-Platz noch nicht mal einen eigenen Namen.

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„Die große Suche nach dem Wir im Ich“ Zitat von Trendforscher Andreas Steinle zur gesellschaftlichen Entwicklung.
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Der Erfolg liegt aber wohl nicht nur an den selbstgemachten Crêpes oder der chilligen Musik. Mit dem "Gudes" steht Wegener mehr oder weniger unverhofft Pate für eine gesellschaftliche Entwicklung.

"Die große Suche nach dem Wir im Ich", formuliert es Trendforscher Andreas Steinle vom Frankfurter Zukunftsinstitut Workshop GmbH etwas pathetisch. Es sei das steigende Bedürfnis nach Verbundenheit in einer individualisierten Welt. "Da bietet so ein informelles Miteinander einen perfekten Rahmen", sagt Steinle. "Man kann kommen und gehen, wann man will."

Aus Nachbarn werden Paare

Der Trend, sein Feierabendbier auf der Straße zu trinken, hat natürlich auch einen Namen: "Cornern" nennt der szenekundige Großstädter das Fuß-Pils im Stehen. Berlin mit seinen "Spätis" ist Vorreiter, in Bayern und Baden-Württemberg ist "cornern" noch immer verpönt. Dabei ist weder eine Ecke (engl. "corner") noch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Alters- oder Gesellschaftsschicht erforderlich. "Die Stadt wird wieder eins", beschreibt Experte Steinle die bunt gemischte Zusammenkunft: "Das ist schon eine romantische Geschichte." 

Blick auf den Matthias-Beltz-Platz in Frankfurt
Der Matthias-Beltz-Platz liegt direkt an der Friedberger Landstraße - den Leuten ist es egal. Bild © hessenschau.de

Wie romantisch es manchmal zugehen kann, weiß "Gudes"-Betreiber Wegener hautnah zu berichten. Aus Nachbarn, die sich vorher kaum kannten, seien an seinem Kiosk bereits Freunde oder sogar Paare mit Kindern geworden. "Diese Entwicklung ist schön zu sehen", freut sich der Inhaber über einen "Treffpunkt, an dem man Barrieren überwinden" könne. Einzig ein höfliches Miteinander sei für ihn entscheidend.

Stadt Frankfurt unterstützt Bewegung

Die Lust am "Cornern" stößt auch im Frankfurter Rathaus Römer prinzipiell auf Unterstützung. "Wir wollen eine lebenswerte, tolerante Stadt sein", heißt es aus dem Büro von Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU). Das "Gudes" sei dafür eine Bereicherung. Nicht von ungefähr stattete der zuständige Ortsbeirat den kargen Beltz-Platz mit leuchtend orangenen Stühlen aus. Man nehme viel Geld für die Gestaltung öffentlicher Flächen in die Hand, da freue man sich natürlich, wenn diese auch angenommen würden, so die Stadt. 

Außer dem "Gudes" und der seit Jahren stattfindenden Freitagsparty auf dem benachbarten Friedberger Platz haben sich in Frankfurt weitere Hotspots am Mainufer oder samstags vor der Kleinmarkthalle etabliert. Ein Wochenmarkt auf dem Paul-Arnsberg-Platz im Ostend werde dagegen wenig frequentiert. Hier ist eine Umgestaltung des Platzes im Gespräch.

Darmstadt gegen den Trend

Auch in Kassel wird in letzter Zeit immer mehr "gecornert". Aktuell liegt der Schwerpunkt hierfür im Stadtteil Vorderer Westen, genauer gesagt in der Goetheanlage, dem Rudolphsplatz und dem Wehlheider Platz, wie ein Stadtsprecher auf Anfrage mitteilt. Meist verliefen diese Treffen unproblematisch.

In Wiesbaden und Fulda sind regelmäßige Zusammenkünfte im Freien indes ebenso wenig bekannt wie in Darmstadt. In der südhessischen Wissenschaftsstadt hätten diese wohl auch wenig Zukunft: "Sollten Fälle dieser Art hier auftreten und es hierdurch zu Störungen kommen, werden wir solchen Entwicklungen entgegenwirken", heißt es aus dem Ordnungsdezernat ziemlich untrendig.

Kneipenwirte als Verlierer

Leidtragender der Feierkultur ist neben manchem Anwohner auch der eine oder andere Kneipenwirt. Wenn der Kiosk zum Sammelplatz werde und Stühle oder Gläser angeboten würden, stelle sich schnell die Frage nach dem Wettbewerb, kritisiert der Gaststättenverband DEHOGA Hessen. "Gastronomen müssen wesentlich mehr Auflagen beachten und erfüllen", sagt Geschäftsführer Julius Wagner. Von der ausbleibenden Kundschaft in Folge der neuen Konkurrenz ganz zu schweigen.

Für "Gudes"-Chef Felix Wegener ist dieses Problem dank entsprechender Lizenzen ebenso zweitrangig wie der vorbeibrausende Verkehr auf der Friedberger Landstraße. Er freut sich über seine wachsende Zahl an Stammgästen, auf neue Pärchen, möglichst viele laue Sommerabende und darüber, zur rechten Zeit im Trend zu liegen. "Ich wusste gar nicht, dass man das cornern nennt", gesteht er.

Ihre Kommentare Kiosk oder Kneipe: Wo trinken Sie Ihr Feierabend-Bier?

10 Kommentare

  • Den super leckeren Imbiswagen der auch auf dem Platz Jahrzehnte stand hat die Stadt Frankfurt entfernt,mit der Begründung die Fläche schöner zu gestalten......Sehr schade.
    Und da war um 15:00 Uhr Feierabend.

  • Cornern habe ich auch noch nie gehört. Wir nennen es einfach "zum Späti gehen". Mehr aus der Not als aus Genuss. Der hohen Preise wegen. Vorzugsweise wird aber noch vor Ladenschluss Bier im Supermarkt geholt und dann ein lauschiges Plätzchen auf Brachflächen gesucht. Wenn man sich dort noch ein Feuerchen machen kann werden archaische Urinstinkte geweckt. Das schönste was es gibt in dieser überregulierten Zeit. Props an Marburg, dessen Rewe bis 24 Uhr geöffnet hat.

  • Das ist aber schön, Hessen entdeckt die "Biergartenkunst". Also damit sind wir noch am Anfang, denn es gibt schöne Biergärten, aber nur wenige. Die Plätze an welchen man sich am Kiosk trifft, kommen dem aber, quasi einer Natürlichkeit folgend, schon recht nahe. Dass gerade Darmstadt sich hier "untrendig" gibt wundert mich nicht. Hier war es ja auch möglich, der Paulus-Kirche das stündliche Erinnern an die Vergänglichkeit der Zeit zu verbieten. Wer sollte da nicht Sorge vor etwas Straßenlärm haben, also... wenn der nicht von Autos verursacht wird...

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