Sarg in Kapelle mit Blumenschmuck

Die Corona-Pandemie führt in Hessen bislang nicht zu einer höheren Gesamt-Sterberate. Im Gegenteil: Die Zahl der Verstorbenen war zuletzt etwas niedriger als im langjährigen Durchschnitt. Experten sehen darin einen "Kollateralnutzen" des Shutdowns.

In Hessen sind seit Mitte März etwa 160 bis 170 Menschen pro Tag gestorben. Das sei vergleichsweise wenig, sagt Helmut Uphoff vom Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen (HLPUG) in Dillenburg. Die Behörde mit dem sperrigen Namen wertet die Sterbezahlen der hessischen Kommunen aus.

Coronavirus macht sich bislang nicht bemerkbar

Eigentlich seien, so Uphoff, in dieser Jahreszeit 160 bis 200 Tote pro Tag zu erwarten, also mehr als derzeit. Das ist umso überraschender, als die Grippe- und Hitzewellen der Vergangenheit die Sterbezahlen deutlich in die Höhe trieben. So war laut Landesamt in der mehr als drei Monate dauernden Grippe-Saison 2018/19 die so genannte Übersterblichkeit hoch: Es gab in der Saison 1.000 Tote mehr als im statistischen Durchschnitt, im Jahr davor sogar 2.400.

Corona macht sich dagegen in der Sterbekurve bisher gar nicht bemerkbar, auch nicht in den höheren Altersgruppen, sagt Uphoff. Und das, obwohl das neue Virus in Hessen laut Sozialministerium schon 246 Menschen getötet hat (Stand Montag, 14 Uhr). Diese zusätzlichen Toten fallen aber in der Gesamtstatistik nicht ins Gewicht. Dafür kann es nur einen Grund geben: Es sind weit weniger Menschen aus anderen Gründen gestorben als sonst.

Experte: Auch andere Erreger werden gebremst

Uphoff vermutet, dass die Kontaktsperren und das Abstandhalten nicht nur das Coronavirus, sondern auch andere Erreger gebremst haben. Etwa Influenza-, Noro- oder RS-Viren – allesamt Erreger, die bei alten oder vorerkrankten Menschen auch tödlich wirken können.

Die wöchentlichen Analysen des Robert-Koch-Institutes belegen das. Die in diesem Jahr ohnehin schwach ausgeprägte Grippewelle brach durch die Kontaktsperren förmlich in sich zusammen.

Arzt spricht von "Kollateralnutzen" der Krise

Niedergelassene Ärzte beobachten das Gleiche, zum Beispiel der Frankfurter Allgemeinmediziner Harald Heiskel. Er habe, sagt er, in diesem Jahr insgesamt viel weniger Patienten mit Atemproblemen ins Krankenhaus einweisen müssen als sonst. Heiskel führt das auf den Shutdown zurück und spricht von einem "Kollateralnutzen" der Coronakrise.

Heiskel und andere Mediziner warnen indes vor dem Fehlschluss, das Coronavirus sei womöglich doch nicht so schlimm wie gedacht. Nur durch konsequenten Infektionsschutz habe sich ein Anstieg der Gesamtsterblichkeit bisher vermeiden lassen. Uphoff meint: "Wir können es schaffen, dass wir ohne große Übersterblichkeit bis in den Sommer gelangen." Die große Frage sei aber: Wie wirken sich die Lockerungen beim Infektionsschutz aus?

Sendung: hr-iNFO, 21.04.2020, 11:35 Uhr